Montag, 25. März 2013

Vampire Cocktail - Meine Rezension

Der "Vampire Cocktail" war die erste Anthologie des noch jungen Art Skript Phantastik Verlages. Herausgeberin Grit Richter versammelte 16 handverlesene Kurzgeschichten von 16 verschiedenen Autoren und Autorinnen für das Buch, das im Juli 2012 erschien. Auch ich durfte einen Beitrag beisteuern, und zwar "Der perfekte Cocktail", eine ironisch-süffisante Geschichte über den Barbesitzer und Vampir Harry Petersen und seine aufregende Begegnung mit einer attraktiven Kontrolleurin vom Frankfurter Verbraucherschutz.
Ich hatte es schon lange vor und nun endlich geschafft, selbst alle Beiträge in der Anthologie zu lesen. Heute will ich meinen ganz persönlichen Eindruck wiedergeben.
 
Zunächst einmal zum Buch selbst: Ich hatte es schon an anderer Stelle im Blog betont, dass ich das Cover und die Innengestaltung ausgesprochen schön finde. Blutrot, ein stilisierter Cocktail auf dem Cover, originelle Schrift für den Titel, die sich im Buch bei den Titeln der einzelnen Geschichten wiederholt. Das Schriftbild ist manchmal etwas eng geraten, aber alles in allem gefällt mir das Buch rein äußerlich irre gut!
 
Die in "Vampire Cocktail" präsentierten Kurzgeschichten sind von ganz unterschiedlicher Natur. Die Themen reichen von klassischen Vampirgeschichten über erotisch angehauchte Schmonzetten und SciFi-Ausflüge ins All bis zu Urban Fantasy. Selbst der Humor kommt nicht zu kurz, obwohl es insgesamt doch recht düster und blutig zugeht - zum Glück, schließlich geht es hier um Vampire, um richtige Vampire, die Blut trinken, nicht diese zartbesaiteten Wesen, die im Sonnenlicht allenfalls glitzern und Menschenmädchen anschmachten, statt sie auszusaugen. Von denen gab es seit Twilight wahrlich zuviele in der Literaturlandschaft und sie haben das Image meiner Lieblingsmonster ganz schön zerdeppert. Grit Richters Anthologie setzt da einen tollen Kontrast und zeigt die Vampire zumeist von ihrer blutrünstigen, trotzdem sehr sinnlichen Seite. Zusätzlich zu den 16 Beiträgen enthält "Vampire Cocktail" noch die Geschichte des berühmten Cocktails Bloody Mary, der auch in einigen der Geschichten eine Rolle spielt, sowie ein Rezept, um diesen selbst herzustellen.
 
Jetzt aber zu den 16 Geschichten, die ich der Reihe nach etwas genauer beleuchten möchte.
 
Stephanie Mühlsteph - "Bittersüß wie Absinth"
Als Auftaktgeschichte hätte ich diesen Beitrag nicht gewählt, und zwar weil mir der Überraschungsmoment fehlt. Es mangelt irgendwie an Spannung. Jedoch wird die Geschichte von Vampirdame Ava, die in einer Steampunk-Version von London auf den Vampir Mathew wartet, den sie im Auftrag der "Sippe" töten soll, in einer sehr stimmungsvollen Sprache erzählt. Der Stil schwelgt in bildhaften Beschreibungen und vielen kleinen Details, die diese fremde und doch bekannte Welt lebendig werden lassen.
 
Denise Mildes - "Legenden"
Eine heruntergekommene New Yorker Bar wird zum Schauplatz einer wahrhaft legendären Begegnung zwischen einem Vampir und dem ... ich will nicht zu viel verraten! Obwohl aus der Ich-Perspektive geschrieben, was mir persönlich meist nicht so gefällt, hat mich dieser Beitrag überzeugt. Der klare, schnörkellose, dennoch bildhafte Sprachstil ist toll und die Sache mit den Barhockern, die erzeugte bei mir sogar eine Gänsehaut! Die Auflösung ist ziemlich raffiniert. Aber wieso steht im letzten Absatz "Manchester", wo doch eingangs "Manhattan" als Arbeitsstätte des Protagonisten genannt wird?
 
Michael Zandt - "Unter dem Nebelmond"
Eigentlich handelt es sich um eine bierernste Geschichte über uralte Vampire und ein unheimliches Ritual. Vampire haben sich in unsere Gesellschaft integriert, es existieren geheime Absprachen mit den Behörden inklusive Aufenthaltsgenehmigungen und Tötungslizenzen. Tolle Sprache, mitreißend erzählt. Macht definitiv Lust auf mehr. Vorne schrieb ich "eigentlich". Damit beziehe ich mich auf den ersten Lacher, den ich in dieser Anthologie beim Lesen herausließ: Die Stuttgarter Kickers verteidigen einen Titel? Ja nee, is klar!
 
Diana Scott - "Fang mich, wenn du kannst"
Wenn ich das so sagen darf: Mir ist der Titel zu klischeehaft. Normalerweise hätte ich diese Geschichte nicht gelesen, aber ich wollte ja jeden Beitrag lesen. Dann startet die Geschichte auch noch mit dem abgedroschenen Blick in den Spiegel und einer detailreichen Beschreibung des Outfits und des Aussehens der Protagonistin. Auweia. Noch ein Klischee! Irgendwie ist mir die Begegnung der jungen Dame mit dem Traummann von einem Vampir zu schwülstig und - Verzeihung, dass ich das Wort noch einmal verwende - klischeehaft. Alles ist so perfekt, die Körper sind perfekt, immer wieder werden die äußeren Vorzüge beider Darsteller genauestens beschrieben. Die Geschichte ist wahnsinnig sinnlich, mir persönlich aber war das zuviel des Guten.
 
Sabine Frambach - "Kleiner Zauber"
Eine verdammt kurze, verdammt witzige Geschichte! Vampir Jakub will seine verstorbene große Liebe Nadia wieder zum Leben erwecken - mit Hilfe eines magischen Cocktails. Er übersieht bei der Zubereitung aber ein kleines, entscheidendes Detail - mit gar schrecklichen Folgen! Die amüsante Geschichte sprüht vor Einfallsreichtum, Ironie, Humor und Charme. Eine sehr orginelle Umsetzung.
 
Bianca Brack - "Auf dem Weg zum Mars trinke ich nie Bloody Mary"
Mit dieser Geschichte hatte ich so meine Probleme. Irgendwie mag ich sie, schon weil ich es Klasse finde, dass die Autorin ein SciFi-Setting an Bord eines Raumschiffs irgendwann in der Zukunft gewählt hat. Vampire im Weltraum - das hat man schließlich auch nicht oft. Nun kommen leider ein paar Abers: Die prall gefüllte Vorgeschichte der Protagonistin plus kleiner Abriss der Menschheitsgeschichte von 2009 bis etwa 500 Jahre in die Zukunft auf knapp zwei Seiten? Dieser Infodump hat mich fast schon überfordert. Wie sehr Tanja ihres eigenen Vampir-Daseins überdrüssig ist, kommt zunächst nicht rüber. Sie scheint es eigentlich sehr zu genießen, so mein Eindruck. Deshalb fand ich ihre Bereitschaft zu sterben, ihre Sehnsucht nach einem Ende zu plötzlich. Was mir nicht so logisch erscheinen wollte, war die Sache mit der Entsorgung der Leichen. Da kann also jeder einfach so an die Luftschleuse und Leichen ins All befördern, ohne dass jemand etwas merkt? Ja, gibt es denn in der Zukunft keine Überwachungskameras und Zugangskontrollen mehr?
Das Ende stimmte mich aber wieder versöhnlich, das fand ich schön gelöst und angenehm melancholisch.
 
Marcus Heitkamp - "Bloody Brain"
Der Humor, den der Autor hier eingearbeitet hat, gefällt mir sehr, sehr gut. Schöne Seitenhiebe auf verschiedene Highlights der Menschheitsgeschichte - am besten fand ich den "langhaarigen Bombenleger"! Die Geschichte ist deftig und mit einer ordentlichen Portion Erotik gewürzt. Knackig erzählt und mit einem ungewöhnlichen Cocktail garniert.
 
Alessandra Reß - "Neonnacht"
Eine junge Frau wird von Persephone, einer mächtigen Vampirin, in die geheime Welt der übernatürlichen Wesen entführt und eingeladen, eine von ihnen zu werden. Der Trip, auf den Persephone sie mit Hilfe einer Kombination aus Cocktail und Shisha mitnimmt, ist der totale Synästhetik-Rausch: alles schwimmt in leuchtenden Farben, die Nacht wird zur Neonnacht. Die Dialoge und die eingebaute Anspielung auf Twilight fand ich jetzt nicht so richtig gelungen, mir war die Vampirin auch viel zu nett, aber das geht ja vielleicht nur mir so.
 
Sabrina Železný - "Pisco Sour, Pishtaco Sour"
Den Titel fand ich etwas sperrig, aber viel mehr habe ich an dieser originellen Vampirgeschichte nicht auszusetzen. Angesiedelt in einer äußerst exotischen Umgebung, treffen zwei Vampire unabhängig voneinander auf zwei Wesen, die keine Menschen sind und ihnen womöglich sogar gefährlich werden können. Eine Verwechslung endet tödlich, aber für wen, das verrate ich jetzt nicht. Liest sich sehr gut, ich kam schnell rein und ließ mich mitnehmen. Die tolle Auflösung hat mich tatsächlich total überrascht!
 
Stefanie Bender - "Blutcocktail"
Auch hier hatte ich so meine Probleme. Zum Beispiel konnte ich zu keinem der Protagonisten eine Beziehung aufbauen, sie blieben mir fern, ich konnte mit keinem von ihnen mitfühlen. Die Vampirkönigin war mir zu lasch - sie hätte sich einfach nehmen sollen, was sie wollte! Die Auflösung fand ich dann wieder recht schön, aber fast ein wenig zu sehr an den Haaren herbeigezogen.
 
Sigrid A. Urban - "Insiderwissen inklusive"
Einem Schriftsteller wird seine Neugier zum Verhängnis. Schon ganz schön abgefahrene Geschichte, die mir stellenweise arg konstruiert vorkam. Aber sie ist in einem sehr unterhaltsamen Stil geschrieben, ich mochte die Geschichte. Äh, eine Frage hätte ich noch: Wo genau hat der Vampir reingebissen???!!
 
Nina Sträter - "Garvamore, der beste Single Malt der Welt"
Diese Geschichte hat mir ausgesprochen gut gefallen! Der Reporter Sprenger und der Fotograf Plotz sind wirklich ein tolles, kauziges Gespann - wie ein altes Ehepaar! Es geht um eine exklusive Whiskyverkostung. Auf dem Getränk scheint aber ein Fluch zu liegen, der mit der düsteren Legende über einen Vampir zu tun hat. Klingt erstmal nicht wirklich spektakulär, aber die Autorin hat unglaublich spannend erzählt und ein, zwei Mal wurde ich als Leserin ganz schön an der Nase herumgeführt - Respekt!
 
Olaf Lahayne - "Spielhölle"
Interessante, ungewöhnliche Variante, denn ein richtiger Vampir kommt hier gar nicht vor. Lediglich die Location, ein Casino im Stil eines Gruselschlosses, erinnert noch an das Thema der Anthologie. Der geheimnisvolle Fremde, der der Protagonistin seine spezielle Gabe weitergeben will, ist jedoch etwas ganz Anderes als ein Vampir. Immerhin: Cocktails werden hier auch konsumiert. Ich bin unsicher, wie ich die Geschichte einordnen soll. Das mag an meiner Erwartungshaltung liegen. Dennoch: irgendetwas hat sie.
 
Leonie Sielska - "Miami Nights"
Es geht um jede Menge Vampire und jede Menge Werwölfe. Die können einander nicht wirklich leiden und der Waffenstillstand, der zwischen ihnen herrscht, ist dünn und bröckelt, als Vampirdame Marianna in eine Falle hineinstolpert, die sie als Wolfsmörderin hinstellt. Irgendwie liest sich diese Geschichte nicht wie eine Kurzgeschichte, eher wie ein Auszug aus einem längeren Roman. Die Ausmaße, die Welt, die die Autorin hier geschaffen hat, sind geradezu episch und wären tatsächlich für eine schlichte Kurzgeschichte viel zu schade. Allerdings muss ich gestehen, dass mich die Konstellation Vampire vs. Werwölfe nicht mehr wirklich lockt. Lediglich die Location (Florida) fand ich für eine Vampirgeschichte recht reizvoll.
 
Sven Linnartz - "Der Gast ist König"
Bei diesem Text handelt es sich im Grunde genommen um keine Kurzgeschichte, sondern eher um eine Art Selbstportrait eines arroganten, fast schon hysterischen Clubbesitzers, der einen ganz besonderen Deal mit den Vampiren am Laufen hat. Der Text tropft vor Zynismus und leider fehlt die Spannung. Ich bin mir sicher, man hätte diese Idee auch als richtige Kurzgeschichte verarbeiten können, die hätte mir wahrscheinlich sehr viel besser gefallen.
 
Und da bin ich auch schon wieder am Ende meiner Rezension angekommen. Ihr seht, ich habe 15 Geschichten kommentiert - klar fehlt meine eigene, die im Buch an 15. Stelle steht. Was soll ich auch zu meinem eigenen Text sagen? Das überlasse ich euch, liebe Leser!
 
Unterm Strich kann ich dieser Anthologie eine klare Empfehlung aussprechen, vor allem für Liebhaber von Vampirgeschichten. Meine Favoriten sind die Geschichten von Denise Mildes, Michael Zandt, Sabine Frambach, Markus Heitkamp, Sabrina Železný und Nina Sträter. Welche sind eure Favoriten?
 
Insgesamt gebe ich dieser Anthologie 4 von 5 blutroten Cocktails.

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