Montag, 14. April 2014

Buchtipp - "Mängelexemplare: Dystopia"

Schon die erste Anthologie "Mängelexemplare und andere makabre Geschichten", die 2013 erschien, hat einiges Aufsehen erregt und konnte unter anderem eine Nominierung für den Vincent Preis als beste Kurzgeschichtensammlung abstauben. Nun endlich wurden die neuen Mängelexemplare veröffentlicht:

"Mängelexemplare: Dystopia"

Dieses Mal steht der Amrûn-Verlag dahinter. Der Herausgeber ist abermals Constantin Dupien, der erneut ein sehr gutes Händchen bewiesen hat. Er lud die 19 Autoren persönlich ein, eine Geschichte zum Thema Dystopia beizusteuern. Allerdings hatte die Sache einen Haken: in keinem Beitrag sollten Zombies oder gar Vampire vorkommen, dabei bieten sich diese unkaputtbaren Viecher doch geradezu an, wenn es um Dystopie, Apokalypse und den Untergang der Menschheit geht. Letzten Endes stellten sich alle Autoren der Herausforderung und meisterten sie gekonnt.

Herausgekommen ist eine Sammlung von qualitativ hochwertigen, spannenden, originellen Geschichten. Jeder Autor hat das Thema anders interpretiert. Mal sind es ganz konkrete Monster, denen sich die Menschen stellen müssen, mal ist es die Natur, die dem Ganzen ein böses Ende bereitet. Mal sind es die Menschen selbst, die ihre Welt mit dem giftigen Schleim einer von Dekadenz und Ungerechtigkeit gezeichneten Gesellschaft überzogen und dem Untergang geweiht haben. Motive aus Mad Max, Blade Runner oder 1984 kommen einem bei der Lektüre in den Sinn. Düster geht es zu, melancholisch, ergreifend, bedrückend, eben genauso, wie es von einer Anthologie erwartet wird, die sich "Dystopia" auf die Fahnen geschrieben hat.

Bevor ich auf die einzelnen Beiträge eingehe, muss ich unbedingt noch die Gestaltung des Buches erwähnen. Nicht nur das starke Cover von Timo Kümmel, in welchem sich wie schon in den ersten "Mängelexemplaren" die Initialen der Autoren wiederfinden, beeindruckt. Auch die Illustrationen von Julia Takagi sind erste Sahne. Takagi hat zu jeder einzelnen Geschichte ein Bild kreiert, in welchem sie genau den Geist beziehungsweise die Kernaussage der Story einfängt, ohne zuviel zu verraten. Die von Dupien handverlesenen Zitate aus jeder Geschichte, die zusammen mit den Illustrationen jeder Story vorangestellt sind, stimmen wunderbar auf die Lektüre ein. Doch damit nicht genug: das Buch bietet nicht nur ein Vorwort des Herausgebers und ein Nachwort der bekannten Bloggerin Claudia Junger. Der Leser findet außerdem nach jedem Beitrag noch eine vom jeweiligen Autor verfasste Entstehungsgeschichte, die einen interessanten Einblick hinter die Kulissen vermittelt.

Nun aber zu den Geschichten:

Tim Svart - No. 2/209/197/613

Ein ungewöhnlicher Titel und ein starker Einstieg ins Buch. Zwei Freunde machen sich in einer im Sterben liegenden Welt auf den Weg zu dem Ort, an dem sie die glücklichste Zeit ihrer Kindheit verbracht haben. Es geht um Liebe, bedingungslose Freundschaft und Opferbereitschaft. Welchen Weg geht man, wenn es keinen Ausweg mehr gibt? Übrigens wird auch das Rätsel um den kryptischen Titel am Ende aufgelöst. Die Lektüre ließ mich mit einem Kloß im Hals zurück.

Jennifer Jäger - Clara - Wissen ist Macht

Clara ist ein Klon, eine Unterste in einer düsteren Zukunft, in der aus dem bekannten Spruch "Wissen ist Macht" mehr als bittere Realität geworden ist. Denn Wissen ist zum Zahlungsmittel geworden. Die Geschichte bietet einen Einblick in ein Romanprojekt der Autorin, das sich derzeit im Werden befindet. Wir werden wohl von Clara und dieser erschreckenden, doch zugleich faszinierenden Welt, noch einiges mehr erfahren.

Uwe Voehl - Kreationen in Samt und Tod

Ein geheimnisvoller Designer kleidet nur die allererbärmlichsten Individuen einer dekadenten Gesellschaft in seine spektakulären Kreationen, was den Protagonisten, ein selbstverliebtes Mitglied der Oberschicht, schier um den Verstand bringt. Schon die Idee der "menschlichen Müllhaufen" hat mich zugleich angewidert und fasziniert. Opulent und abgefahren. Eine wirklich extraordinäre Geschichte!

D.J. Franzen - Der Nomade

Ein einsamer Reisender in einer leeren, am Boden liegenden Welt. Eine zur Festung aus Wrackteilen aufgerüstete Siedlung voller zwielichtiger Gestalten. Mad Max trifft die Borg-Königin. Da steckt ordentlich Power drin. Sehr geile Umsetzung und ein Held mit einer määächtigen Waffe!

Lisanne Surborg - Rosa Schaum

Wieder so ein ungewöhnlicher Titel, der gleich neugierig macht. Und hinter dem sich eine krasse Geschichte verbirgt. In einer nur noch rudimentär erkennbaren Gesellschaft vegetiert die junge Joker dahin, immer auf der Suche nach Wegen, an ihre Pillen zu kommen, ohne die sie nicht mehr existieren kann. Da taucht eine neue Droge auf - mit verheerender Wirkung. Dystopie und Drogen - eine fatale Mischung, die es in sich hat.

Andreas Zwengel - Souljacker

Jetzt wird es teuflisch! Cayce arbeitet für ein Inkassounternehmen der besonderen Art. Denn sie treibt nicht etwa Geld ein, sondern die Seelen der säumigen Schuldner. Ihr Auftraggeber ist nämlich niemand Geringeres als Satan persönlich, und mit dem legt man sich nicht an, oder? Eine actiongeladene, temporeiche Story, die den Leser um den ganzen Erdball führt. Filmreif!

Vincent Voss - Wellen

Alter Schwede, der Mann kann Kurzgeschichten! Wieder einmal hat mich Vincent Voss total begeistert. "Wellen" fängt verdammt krass an und steigert sich dann. Gerade der regionale Bezug (ich habe Freunde in Henstedt-Ulzburg!) macht die Story so authentisch. Nicht auszumalen, wenn so etwas wirklich passiert. Die Grundidee hat mich an den Stephen-King-Roman "Puls" erinnert, aber das ist gar nicht schlimm. Erstens ist es nie verkehrt, wenn ein Horror-Autor mit King verglichen wird. Zweitens hat Vincent seine Geschichte ganz Voss-typisch erzählt. Also ich bin längst Voss-Fan.

Regina Müller - Larventräume

Noch einer der echt abgedrehten Beiträge in diesem Buch. Menschen übertragen ihr Bewusstsein in die Körper von Ameisen, um von ihnen zu lernen, so wie die Protagonistin Lar, die eine der Probanden ist. Eine ganz außergewöhnliche Geschichte, phantastisch umgesetzt.

Arthur Gordon Wolf - Sahnesperlinge

Der Titel im Buch, der mich mit Abstand am neugierigsten gemacht hat. Selbst wenn ich jetzt verrate, dass er wortwörtlich zu verstehen ist, sagt das nichts über den Inhalt und so lange man diese Geschichte nicht selbst gelesen hat, wird man sich bei dem Titel einfach fragen: Häh? "Sahnesperlinge" ist eine unglaublich böse Geschichte über virtuelle Realität und die Psyche von Kindern, die nicht mehr in der Lage sind, Realität von Phantasie zu unterscheiden.

Michael Dissieux - Dagnin

Es ist einfach so: Dissieux kann Apokalypse. Das beweist er auch hier wieder auf eindrucksvolle Weise. Dagnin, die Titelfigur, erkrankte einst an einer Seuche, wie viele andere auch. Jahre später kann ihr Bruder, der Protagonist der Geschichte, sie nicht vergessen und glaubt daran, dass Dagnin noch am Leben ist. Eine ergreifende, sehr gefühlvoll präsentierte Endzeitgeschichte über die Liebe, die niemals erlischt. Dissieux, du alter Romantiker!^^

Xander Morus - Der Vollstrecker

Wow, was für eine geile Geschichte! Die postapokalytische Welt, die hier gezeichnet wird, ist absolut atemberaubend. Die abenteuerliche Reise von Henri und Hazard, dem Vollstrecker, auf dem Grund des ausgetrockneten Ozeans (!), vorbei an gigantischen Schiffswracks und Abgründen, die direkt in die Hölle zu führen scheinen, ist für mich eines der Highlights der gesamten Anthologie. Das mal als Graphic Novel oder gleich auf großer Leinwand, das wäre was.

Thomas Backus - Schicksal

Die definitiv kürzeste Geschichte im Buch. Sie hat wohl mehr als 100 Wörter, sodass sie doch nicht als Drabble durchgeht. Das pointierte Ende macht sie aber zu einer erfrischenden Pause für zwischendurch. Das Champagner-Sorbet in einem 7-Gänge-Deluxe-Menu.

Constantin Dupien - Das Ende

Ah, der Herausgeber ist jetzt selber dran! Trotz des Titels ist mit dieser Geschichte noch lange nicht Schluss in der Anthologie. Allerdings ist der Protagonist in Dupiens bedrückendem Beitrag mit seiner Weisheit und seinem Lebensmut so ziemlich am Ende. Schauplatz ist ein entvölkertes, im Sterben liegendes Leipzig. Ehrlich, ich war vor kurzem mal dort. Da gibt es Ecken, die ähneln sehr dem Leipzig in dieser Geschichte. Traurig, hoffnungslos und äußerst stimmig in Szene gesetzt.

Moe Teratos - Die Schrecken

Also echt mal: Wer braucht schon Zombies, wenn er es genauso gut mit den "Schrecken" von Moe Teratos aufnehmen kann? Sie tauchen plötzlich auf und überrennen die Menschheit wie eine gewaltige Heuschreckenplage. Sehr spannend, sehr brutal und actiongeladen. Noch dazu mit einer geschickt untergebrachten gesellschaftskritischen Note.

Stefanie Maucher - Ella

Wieder eine richtig toll gestaltete dystopische Welt, in die uns Maucher eintauchen lässt. Eine Seuche hat die Menschheit fest im Griff. Der wohlhabenden Elite geht es gut. Wer reich genug ist, kann sich das Heilmittel leisten. Die Betroffenen in den unter Quarantäne stehenden Bezirken haben es sehr viel schwerer. Einem Mitarbeiter der Seuchenkontrolle werden die Augen geöffnet, als er auf die ebenso hübsche wie geheimnisvolle Ella trifft.

Manfred Schnitzler - Der rote Tod

Auch hier ist eine Seuche auf dem besten Wege, die Menschheit auszurotten. Schnitzler beschreibt die Stadien der Erkrankung detailliert in all ihrer Grässlichkeit. Er hat auch einen der geilsten Sätze der ganzen Anthologie geschrieben: er beschreibt den Schauplatz, das Städtchen Jüchen als "Kaff, das schon vor der Apokalypse im Sterben lag." Eine blutige, kompromisslose Story, die mich vor allem durch den herrlich schnodderigen Erzählstil der Ich-Erzählerin Sophie mitgerissen hat. Respekt!

Markus K. Korb - Rattenjagd

Zwei sogenannte Hunter in einer Welt, die von dem Kultfilm Blade Runner inspiriert wurde. Diese Hunter sind auf der Jagd - nach Ratten, die in stillgelegten U-Bahn-Schächten tief unter der Stadt ihr Unwesen treiben. Aber sind es wirklich Ratten? Hunter Robertson, der noch neu im Geschäft ist, wirft einen genaueren Blick und macht eine erschreckende Entdeckung. Großartiges Setting, tolle Charaktere und ein schönes Ende. Da möchte man gern mehr erfahren.

Torsten Scheib - Göttersturz (Leseprobe)

Scheibs Geschichte nahm während der Entstehungsphase solche Ausmaße an, dass man sich entschied, das fertige Manuskript zu einem späteren Zeitpunkt separat zu veröffentlichen. Also wenn das Ding in voller Länge erscheint, dann muss ich es unbedingt lesen. Was für ein grandioser Auftakt. Es geht um nichts Geringeres als das Ende der Welt. Ragnarök. Ein wirklich feiner Appetithappen!

Das waren sie also, die achtzehn Geschichten. Die neunzehnte Geschichte, Nummer 5 im Buch, ist meine eigene, das dystopisch angehauchte Schauermärchen Das Schlafende Schloss. Die zu bewerten, überlasse ich anderen. Immerhin: Vincent Voss hat im Horror-Forum als kurzes Fazit zu meinem Beitrag geschrieben: "Dornröschen goes Pflanzenhorror. Ich mag sowas." Das freut mich sehr, und ich hoffe, dass ich auch andere Leser überzeugen kann.

Wer sich nun fragt: Was ist mit den Minuspunkten? Irgendwo muss doch mal Kritik kommen? Nun ja, ich wüsste nicht, wo ich die finden könnte. Bei dieser Anthologie stimmt einfach alles: toll gestaltet, Klasse illustriert, spannende, mitreißende Geschichten von einer großartigen Auswahl deutschsprachiger Autoren. Ich habe jede Geschichte mit großem Vergnügen gelesen. Also kann ich gar nicht anders als die volle Punktzahl zu vergeben!

"Mängelexemplare: Dystopia" kriegt von mir fünf von fünf Apokalypse-Survival-Packs mit Sternchen und ner Extra-Ration!

Holt es euch jetzt als eBook, Taschenbuch oder Hardcover!



Keine Kommentare: