Samstag, 5. September 2015

Buchtipp: "Revival" von Stephen King

Achtung, das ist jetzt eine Premiere:

Ich habe mein allererstes Buch vom "King of Horror" gelesen, da war ich noch keine 15 Jahre alt. Ich glaube, es war "Carrie" oder "Friedhof der Kuscheltiere". Seitdem habe ich schon so viele Bücher von diesem Wahnsinns-Autor gelesen und noch nie eines hier auf meinem Blog vorgestellt.

Heute ist es soweit. Heute will ich mal etwas aus der Feder von Stephen King empfehlen. Und es ist "Revival", sein fetter, düsterer Roman über Jamie und seinen Fünften Mann, Charles Jacobs, der ihm zum ersten Mal begegnet, als er ein kleiner Junge ist und mit Spielzeugsoldaten im Sand vor dem Elternhaus spielt, und der zu Jamies Schicksal wird und ihm im Laufe seines Lebens immer wieder begegnet bis zu jenem schrecklichen Finale an dem Ort, an dem er einst seine Unschuld verlor.

Warum "Revival"? Weil es ein Meisterwerk ist? Weil mich die Lektüre so gepackt hat, dass ich schon nach zwei Tagen am Strand die gut 500 Seiten durchgelesen habe? Weil das Cover vom Heyne-Verlag so schön aussieht? Ja, das ist wohl alles so, aber der Grund ist ganz einfach: Es ist das letzte Buch, das ich von Stephen King gelesen habe. Ich hatte es als Sommerlektüre in den Urlaub an der Ostsee mitgenommen. Und da saß ich nun in meinem XXL-Strandkorb, einen King auf dem Schoß, am Horizont die Fähren nach Dänemark und die Segelboote vom International Dragon Cup, die Möven in der Luft und im Strandkorb neben mir eine Mutter von zwei Kleinkindern, die versuchte, sich auf ihre Lektüre von "After Passion" zu konzentrieren. (Sie war am Ende der Woche nicht über die Hälfte gekommen.)

Ich will gar nicht so sehr auf Details eingehen. Stattdessen gebe ich hier einfach mal meinen Gesamteindruck wider. Auch wenn der Roman als düsterer Horror-Roman angekündigt wurde, habe ich ihn nicht als solchen empfunden. Wer sich an "Revival" heranwagen will und gewisse Erwartungen an ein King-Buch hat, der sollte folgendes wissen: Der explizite, mit Reminiszenzen an H. P. Lovecraft durchwobene Horror kommt erst im letzten Teil des Buches zum Vorschein. Bis dahin ist es ein weiter Weg durch das Leben von Jamie Morton, von ihm selbst in Rückblicken erzählt. Aber keine Sorge, das ist alles andere als langweilig. Es entblättert sich eine packende, tragische, vielschichtige Geschichte, in deren Zentrum der kleine Jamie steht, aus dem im Lauf der Geschichte ein drogensüchtiger Gitarrist wird, der immer wieder mit Charles Jacobs zusammentrifft, dem Prediger, der durch ein traumatisches Unglück den Glauben an Gott verliert und der sich auf eine merkwürdige, geradezu ungesunde Weise für den Zauber der Elektrizität begeistert.

Dabei schafft es King, das Bedrohliche, das Dunkle, den Abgrund in den Seelen der Protagonisten stets durchschimmern zu lassen. Von Anfang ahnt der Leser: Das nimmt kein gutes Ende. Doch worauf es genau hinausläuft, was am Ende des dunklen Pfades auf Jamie und den Leser wartet, das bleibt bis zum Schluss ein großes Mysterium, für dessen Enthüllung sich Mr. King sehr viel Zeit lässt, ohne zu langweilen.

"Revival" ist nicht einfach ein düsterer Roman, es ist nicht einfach eine Horrorgeschichte, aber das sind die Spätwerke des Meisters sowieso selten. Für mich ist es vor allem die Geschichte über den Wandel am Abgrund, über Musik, Drogen, Liebe, Familienbande, den Tod, den Wahnsinn und die große Frage, die sich vielleicht jeder von uns früher oder später stellt: Was wird aus unseren Seelen, wenn wir sterben?

Ich persönlich finde, dass Stephen King diese Frage mit "Revival" meisterlich vage beantwortet. Ein wahrhafter Lesegenuss - wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen und den weiten Weg mit Jamie und Charles Jacobs bis an sein bitteres Ende gehen will.

Von mir gibt es dafür 5 von 5 Stromschlägen mit Heiligenschein!

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