Sonntag, 21. Februar 2016

Die Verrückte mit dem 3-Tage-Roman - Jenny Karpe im Interview

Bild: Peter A  / pixelio.de
Vor wenigen Tagen ging ein literarisches Experiment zu Ende, das schon im Vorfeld für Wirbel, Aufregung und Empörung unter den Autoren und Buchmenschen gesorgt hat. Da wollte eine Jungautorin doch tatsächlich einen Roman mit einem Umfang von 60.000 Wörtern in nur drei Tagen schreiben, und neobooks und der dahinter stehende Verlag Droemer Knaur unterstützen und promoten das auch noch! Viele waren überzeugt, ohne mehr als die - zugegeben recht reißerisch formulierte - Überschrift zum Artikel gelesen zu haben: Das kann gar nicht gehen, das ist anmaßend, größenwahnsinnig und überhaupt, jetzt ist es soweit - das ist der Untergang des literarischen Abendlandes!

Ich verfolgte die Artikel, entrüsteten Blogartikel und die vielen Kommentare dazu mit amüsiertem Interesse. Ich bin ehrlich: Auch mir kam die Idee vor allem wahnsinnig vor. Auch ich konnte mir nicht vorstellen, wie so etwas zu schaffen sein soll. Aber ich reagierte, wie es zum Glück auch einige andere taten: Mit gesunder Skepsis und einer ordentlichen Portion Neugier beschloss ich, der Autorin viel Erfolg bei ihrem Vorhaben zu wünschen und das Ganze zu verfolgen - und mir ein eigenes Urteil erst im Anschluss zu erlauben. Dass man neuartige, unkonventionelle, wahnsinnig anmutende Ideen und Projekte schon im Vorfeld mit dem Daumen nach unten markiert, gefällt mir nicht.

Möglicherweise konnte ich auch deshalb die Angelegenheit entspannter betrachten, weil ich die Autorin schon eine Weile persönlich kenne. Jenny Karpe ist besessen vom Schreiben und Geschichtenerzählen, gleichzeitig verrückt und diszipliniert genug, um ein solches Vorhaben durchzuziehen - so mein subjektiver Eindruck.

Nachdem das Schreibexperiment nun zu Ende gegangen ist, fand Jenny auch noch die Kraft, mir meine neugierigen Interviewfragen zu beantworten. Was soll ich sagen: von Wahnsinn keine Spur! Aber lest selbst.

Jetzt mal ehrlich: Einen ganzen Roman in drei Tagen schreiben – wie soll das gehen? Und vor allem: Wie bist du auf so eine irre Idee gekommen?

Jenny: Im Schreibnacht-Forum haben wir über diese sogenannten „Schnelldreher“ diskutiert. Ich war immer skeptisch gegenüber den Leuten, die den NaNoWriMo am ersten Tag gewinnen. Darum – und weil ich gerade Semesterferien habe – dachte ich: Warum nicht mal selbst ausprobieren? Dann kannst du in Zukunft selbst sagen, welche Qualität so ein Schnelldreher hat. Ich war natürlich nicht die Erste, die so ein Projekt angegangen ist, Stichwort Michael Moorcock. Es gibt sogar einen jährlichen Schreibwettbewerb, bei dem man in den drei Tagen nicht nur schreibt, sondern auch plottet und überarbeitet. Das finde ich viel wahnsinniger als mein Vorhaben! :D

Worum genau geht es in deinem Roman? Erzähle doch mal in – sagen wir – drei prägnanten Sätzen darüber.

Jenny: Zwei verfeindete Völker müssen sich nach einer verheerenden Katastrophe ein kleines Stück Land teilen, eine instabile Insel. Die Streitigkeiten könnten die Insel kippen lassen, darum beschließen die Erwachsenen, die Kinder der Insel voneinander zu trennen – angeblich, um das Gleichgewicht zu wahren. Aaron und Kira – jeweils von unterschiedlichen Seiten – finden jedoch heraus, dass das nicht der wahre Grund für die Grenze ist.
Ich muss dazu anmerken, dass ich mich sehr schlecht kurzfassen kann. ;)

Was war zuerst da: die Idee zur Geschichte selbst oder die Idee zum Roman in drei Tagen?

Jenny: Während der Arbeiten an einem anderen Roman kam mir die Idee zu der instabilen Insel. Ich wusste nicht, wohin sich die Geschichte entwickelt, aber das Setting hat mir sehr gefallen. Einzelne Charaktere standen auch schon fest, bevor die Idee zu der Aktion kam.

Dein Schreibprojekt „Ein Roman in drei Tagen“ hat nach der offiziellen Ankündigung für einiges Aufsehen, ja fast schon einen Shitstorm gesorgt. Die Reaktionen reichten von „Tolle Sache!“ und „Verrückt, aber warum nicht?“ über „Was soll der Quatsch?“ bis hin zu „Sie zerstört den Buchmarkt!“ Wie viel davon hast du mitgekriegt, und wie hast du das Ganze aufgenommen?

Jenny Karpe (Bild: Victoria Birgel)
Jenny: Puh, das war teilweise wirklich hart. Leute, die mich nicht kannten und auch die Beweggründe hinter dem Experiment nicht verstanden haben, haben mich kritisiert. Ich habe die Gespräche in einigen Gruppen verfolgt und auch die Kommentare auf Facebookseiten gelesen, mich aber nirgends wirklich geäußert. Neobooks hat mir mitgeteilt, was für eine Reichweite der erste Post hatte, das hat mich völlig aus den Socken gehauen und auch sehr verunsichert. Eine Zeit lang wollte ich das Projekt gar nicht erst angehen. Andererseits gab es für diese Zweifel gar keinen Grund – es war immerhin ein Experiment. Die Leute von Neobooks und ich wollen einfach mal ausprobieren, was möglich ist. Ich bin sehr dankbar, dass Neobooks und viele meiner Freunde hinter mir standen, sonst wären diese Worte immer noch nicht geschrieben worden.

Du wurdest mit der Aktion auf gewisse Weise berühmt, und das noch, bevor du die erste Zeile geschrieben hast. Erhältst du persönliche Nachrichten? Wirst du auf der Straße oder an deiner Hochschule darauf angesprochen?

Jenny: Ohje, zum Glück ist letzteres nicht der Fall! Das wäre mir sehr unangenehm, vor allem in der Hochschule. Einige dort wissen ohnehin schon, dass ich schreibe; aber da ich ein kreatives Fach studiere, ist das da ganz normal. Man muss auch nicht alles über mich wissen – auf meiner privaten Facebookseite habe ich kein Sterbenswörtchen von der Aktion verraten. Persönliche Nachrichten habe ich hingegen extrem viele erhalten – Nachfragen, Motivationsschübe, Glückwünsche. Darüber habe ich mich sehr gefreut! Kritik ist bei mir hingegen nie persönlich eingeflattert, die musste ich immer erst in den Gruppen und auf Facebookseiten lesen.

Neobooks und der Knaur Verlag unterstützen dich bei deinem wahnsinnigen Schreibprojekt. Was genau tun sie denn für dich?

Jenny: Ich weiß gar nicht, wie viel ich davon verraten darf. ;) Ich hatte schon längere Zeit vor, bei Neobooks zu veröffentlichen. Umso überraschter war ich, als die Plattform auf mich zugekommen ist. Die Unterstützung gibt es vor allem in Sachen Marketing und Lektorat. Auch persönlich wurde immer nachgefragt, wie es mir geht, wie man helfen kann. Außerdem planen wir eine gemeinsame Aktion für die Leipziger Buchmesse, der ich schon aufgeregt entgegenfiebere!

Und wie ist es nun gelaufen - hast du geschafft, was du dir vorgenommen hast? Worauf hast du verzichtet, um die 60.000 Wörter in 72 Stunden zu wuppen? Wer oder was hat dir dabei geholfen?

Jenny: 50.001 Worte sind es insgesamt geworden, knapp 200 DinA5-Seiten. Ich habe bis auf eine Ausnahme normal geschlafen, normal gegessen – aber ansonsten eben nichts wirklich getan. Auf meinen Spanischkurs hätte ich auch verzichtet, wenn er nicht ausgefallen wäre. Mir hat es geholfen, nicht auf Facebook zu gehen, Mate zu trinken, Musik zu hören und von Freunden Drohungen zu bekommen, dass sie mir die Finger abschneiden, wenn ich nicht 600 Worte in 15 Minuten schaffe. Die Tage waren bis auf die Schreiberei recht unspektakulär, was gerade am zweiten Tag ziemlich demotivierend war. Es gab schließlich nichts, womit ich mich ablenken durfte.

Wie geht es mit deinem Roman nach der Rohfassung weiter? Gibt es schon konkrete Pläne und Deadlines? Wird neobooks dabei wieder eine Rolle spielen?

Jenny: Eine konkrete Deadline gibt es nicht, ich werde mich einfach so bald wie möglich (= sobald die Finger wieder wollen) an die Beendung des Romanes setzen. Anschließend wird mich Neobooks beim Lektorat unterstützen, damit ich noch in der ersten Jahreshälfte mein Debüt feiern kann. Ich kann gar nicht glauben, wie schnell das alles geht – immerhin liegen hier noch zwei andere Romane, die genau darauf warten. Im Grunde habe ich »Zwei Kontinente auf Reisen« zwischen drei andere Projekte geschoben, in die ich mich später wieder einarbeiten darf. Aber auch darauf freue ich mich!

Nach deiner Erfahrung, wie wirst du zukünftig an Romanprojekte herangehen? Hat sich etwas an deiner Arbeitsweise und/oder Einstellung grundlegend geändert?

Jenny: Ich weiß jetzt, welche Qualität 50.000 Worte haben, die an drei Tagen geschrieben wurden, also glaube ich auch zu wissen, welche Qualität 50.000 Worte an einem Tag haben – um auf die Autoren zurückzukommen, die den NaNoWriMo am ersten Tag stemmen. Natürlich weiß ich, dass das nur der erste Draft ist, trotzdem gefällt mir diese Arbeitsweise nicht unbedingt. In Zukunft wird es an meiner Tastatur wieder entspannter zugehen – dann spare ich mir vielleicht auch einige Überarbeitungszeit. Aber das wird sich alles erst in den kommenden Wochen ergeben.
Was sich hingegen verändert hat: Ich werde ab sofort immer so ausführlich plotten. Es hat mir gut getan, einen seitenlangen Plot neben mir liegen zu haben, bei dem ich einzelne Stationen abhaken konnte. Bei spontanen Einfällen wusste ich, woran ich etwas verändern darf und woran nicht – oder ob eine Szene gerade passt oder zu viel vorausnimmt. Das hat mich vor Schreibblockaden bewahrt, mir aber trotz allem viele Freiheiten gelassen.
Und zu guter letzt: Ich weiß jetzt, wie viel ich schaffen kann. Sollte ich einmal eine wirklich schlimme Deadline haben – zum Beispiel in der Uni – weiß ich, wie viele Worte an einem Tag entstehen können. Und das ist schon ein gutes Gefühl.

Das war’s auch schon. Ich wünsche dir noch viel Erfolg für deinen Roman!

Jenny: Es war mir ein Fest, liebe Jana! Vielen Dank für deine Fragen! 


 

1 Kommentar:

Melissa David hat gesagt…

Sehr schönes Interview. Habe ich sehr gerne gelesen. Vielen Dank für den tollen Einblick einer Schnellschreiberin.

Liebe Grüße,
Melissa