Dienstag, 16. August 2016

Buchtipp: Phillip P. Peterson - Paradox

Heute habe ich endlich wieder einen Buchtipp für euch, und zwar mal etwas ganz Anderes:

Science Fiction, aber so richtig mit Weltall, Raumschiffen, haufenweise Technik, Astrophysik und philosophischen, tiefen Gedankengängen.

Ich habe den Roman von Philipp P. Peterson schon seit letztem Jahr auf meinem Stapel ungelesener Bücher liegen, als er damit den erstmals ausgerufenen Kindle Storyteller Award gewann. Für mich war dieser Sieg eine echte Überraschung, schließlich fristet Science Fiction Literatur in Deutschland ein ziemliches Nischendasein, und auf der Shortlist standen neben "Paradox" Werke aus weitaus populäreren Genres wie Fantasy oder Thriller.

Schon nachdem Malte Bremer vom Literaturcafé die Shortlist 2015 kräftig auseinander genommen und eigentlich nur an "Paradox" noch ein paar gute Haare gelassen hatte (der einzige Kandidat im Wettbewerb, der ohne Prolog auskam!), war mein Interesse geweckt, und nach der Frankfurter Buchmesse, auf der ich zufällig live dabei war, als Peterson den Preis entgegennehmen durfte, besorgte ich mir das Buch und freute mich darauf, nach langem mal wieder so richtige Science Fiction zu lesen. Es dauerte dann noch bis zu meinem diesjährigen Sommerurlaub, bis ich endlich die Zeit und Ruhe fand, um dieses Buch zu lesen.

Zeit und Ruhe brauchte ich dafür auch. Bitte nicht falsch verstehen: Der Roman hat mir ziemlich gut gefallen, aber er hatte seine Längen, wenn auch nicht allzu viele oder allzu lange. Und es gab - natürlich völlig normal für ein Werk dieses Genres - jede Menge Technikgeschwafel, das ich nur periphär verstand. Aber zumindest dieser Punkt war nicht entscheidend für den Lesegenuss. Letzten Endes wurden alle technischen Probleme und astrophysikalischen Phänomene so erklärt, dass auch ein unwissender Bücherwurm ohne Doktortitel wie ich damit klarkam und die zentralen Konflikte verstand, ohne dass die Geschichte an Spannung einbüßte.

Worum geht es überhaupt? Ich fasse kurz zusammen: Die Erde in nicht näher benannter, aber nicht allzu ferner Zukunft. Der Wissenschaftler David stößt auf ein rätselhaftes Phänomen am Rande unseres Sonnensystems. Um herauszufinden, warum einige Raumsonden seit Jahren an exakt derselben Stelle spurlos verschwinden, wird er gemeinsam mit einem Team, angeführt von dem raubeinigen Astronauten Ed Walker, der zuvor noch die ISS in einem spektakulären Einsatz schrottet, in einem hochmodernen Raumschiff mit Superantrieb an ebenjene Stelle geschickt, wo die Sonden verschwanden, um das Geheimnis vor Ort aufzuklären. Dabei finden sie etwas über unser Sonnensystem, ach was - über unsere Galaxis heraus, das alles auf den Kopf stellt, was sie bisher über die Entstehung des Universums und des Lebens auf der Erde zu wissen glaubten.

Ich kann verstehen, warum dieses Buch den Wettbewerb gewann. Es ist wirklich gut geschrieben, man merkt, wie sorgfältig dafür recherchiert wurde und dass der Autor bereits einen entsprechenden beruflichen Hintergrund mitbrachte (er ist Ingenieur und arbeitete an der Entwicklung von Trägerraketen und Satellitenprogrammen). Peterson beschreibt die technischen Aspekte schlüssig und nachvollziehbar, präsentiert eine Theorie mit Kinnlade-Runterklapp-Potential, die es so wohl auch noch nicht gegeben hat, weder in der Literatur noch im Film, und er geht zwar einfühlsam, aber nicht gerade zimperlich mit seinen Romanfiguren um, und das konsequent bis zum beeindruckenden Ende. Besonders die letzten 150 Seiten waren dermaßen spannend, dass ich dafür gern auf Schlaf verzichtete und lieber weiter und weiter las.

Bei diesem besonderen Leseerlebnis sah ich auch großzügig darüber hinweg, dass das Manuskript durchaus noch seine stilistischen Schwächen aufwies, die mir jedes Mal ins Gesicht sprangen (Lektorenberufskrankheit, sorry). Da fragt man sich zum Beispiel, wie es sein kann, dass dermaßen oft "hinüber" und "herüber" verwechselt werden, wenn es doch laut Aussage des Autors gründlich lektoriert worden sein soll. Diese Wörter wurden beinahe konsequent falsch verwendet. Aber gut, ich besitze die Ausgabe, die direkt auf der Buchmesse verteilt wurde. Möglicherweise wurde das Buch nach dem Gewinn ja noch ein weiteres Mal überarbeitet, ich weiß es nicht.

Aber das ist natürlich Jammern auf hohem Niveau. Ich empfehle das Buch allen, die Lust haben auf feinsinnige und zugleich sauspannende Science Fiction, die sich übrigens vor einem hochexplosiven politischen Hintergrund abspielt, der, wenn man sich die derzeitigen Nachrichten vor Augen ruft, gar nicht so weit hergeholt ist - leider.

Von mir gibt es verdiente 4 von 5 durchs Weltall trudelnden Raumsonden.


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