Dienstag, 11. Oktober 2016

Bloody Qindie: Besessen - Leseprobe

Wie versprochen habe ich euch hier mal einen Ausschnitt aus meiner Kurzgeschichte "Rent a Body, Inc." herausgesucht. Es ist weniger Horror als Science Fiction. Ich habe mich von Stoffen wie "Total Recall" oder "Surrogates" inspirieren lassen. Darum geht es:

Harald Wolländer braucht Abwechslung und einen Kick in seinem öde gewordenen Leben. Er möchte die Dienstleistungen der ominösen Firma Rent a Body, Inc. in Anspruch nehmen. Die sorgen dafür, dass man als sogenannter Begleiter eine bestimmte Zeit im Kopf eines Fremden verbringt und erlebt und fühlt, was diesem widerfährt, und das kann alles sein, vom Profiboxkampf bis zum erotischen Abenteuer. Reizvoll, aber für den Begleiter vollkommen ungefährlich - sagt zumindest Rent a Body, Inc. ...

Das Buch ist ab sofort als E-Book und Taschenbuch bei Amazon erhältlich und demnächst auch in den Tolino-Shops. Übrigens: Wer den diesjährigen BuCon am 22. Oktober 2016 in Dreieich-Sprendlingen besucht, kann auch dort am Qindie-Stand sein Exemplar erwerben - mit Autogramm der anwesenden Autoren!

Und nun geht es los mit der Leseprobe - viel Vergnügen!

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Es war kurz nach halb sechs, und Harald Wolländer musste sich langsam entscheiden, ob er den Rest des Abends als Profiboxer, Kleinkrimineller oder Gigolo verbringen wollte. Nicht dass es da allzu große Unterschiede gab, genaugenommen. Zwielichtig und ein bisschen zu weit auf der dunklen Seite der Moral waren sie alle drei. Doch Wolländer wollte seine Entscheidung sorgfältig treffen, schließlich war der Spaß ziemlich teuer, und er wollte es später nicht bereuen, sein Geld für die falsche Wahl verschwendet zu haben.
Es standen auch noch andere Mietkörper zur Verfügung, doch die erfüllten Wolländers heimliche Wünsche nicht einmal annähernd. Was sollte er mit einem Chirurgen in der Notaufnahme anfangen? Oder mit einem Taxifahrer, dessen Fahrgäste verrückter und gefährlicher wurden, je weiter die nächtliche Stunde vorrückte?
Was hatte ihm die kleine Blondine mit einem frivolen Augenzwinkern vorgeschlagen?
„Wie wär’s mit einer Prostituierten, Herr Wolländer? Das wäre wirklich eine komplett neue Erfahrung, aber sehr aufregend und stimulierend. Ein paar unserer Stammkunden schwören darauf.“
Eine Nutte! Wolländers Mund zuckte, als er ein Grinsen unterdrückte. Nein, so pervers war er nun auch wieder nicht, und das Letzte, was er erleben wollte, war, den Schwanz eines fremden Mannes in sich zu spüren. Der Gedanke fühlte sich widerlich an. Unruhig rutschte er auf dem Sessel umher und versuchte, sich wieder auf die Profile zu konzentrieren, die Isabel Kerkes, die blonde Kundenberaterin bei Rent a Body, Inc., für ihn ausgesucht hatte.
Die drei Gesichter schwebten vor ihm, direkt daneben waren die Daten zu jedem einzelnen Mietkörper aufgelistet. Mit lockeren Handbewegungen sprang Wolländer von einem Profil zum anderen, ließ die Daten vorbeirollen.
Der Profiboxer war jung, mit seinen 25 Jahren hatte er schon fast 20 Kämpfe bestritten und alle gewonnen – elf davon sogar durch K.O. Boxen war Wolländers Leidenschaft. Als Teenager hatte er mit dem Boxsport angefangen und von einer Karriere als Profi geträumt. Aber er war nie gut genug gewesen. Nachdem er bei einem Turnierkampf so unglücklich getroffen worden war, dass er minutenlang bewusstlos dagelegen und anschließend ständig mit Kopfschmerzen und Nasenbluten zu kämpfen hatte, gab er das Boxen schweren Herzens auf. Die Beschwerden meldeten sich seitdem in unregelmäßigen Abständen immer wieder. Zuerst Kopfschmerzen – und mit ziemlicher Sicherheit blutete seine Nase früher oder später.
Hätte er das auf dem Fragebogen vielleicht eintragen sollen, den er bei seiner Anmeldung von Isabel Kerkes erhalten hatte? Aber da war nur nach chronischen Krankheiten und dergleichen gefragt worden. Nasenbluten und Kopfschmerzen? Das hatte doch jeder mal.
Der junge Mann auf dem Display sollte heute Nacht gegen einen Herausforderer aus England antreten, der schon zum zweiten Mal versuchte, ihm den Gürtel abzunehmen. Wolländer hatte ihn schon einmal live boxen sehen und wusste, wie hart der Kerl von der Insel zuschlagen konnte.
„Nun, Herr Wolländer“, unterbrach Frau Kerkes mit sanfter Stimme seine Gedankengänge. „Sie scheinen noch immer mit Ihrer Entscheidung zu ringen …“
Wolländer schaute ihr zuerst ins tief ausgeschnittene Dekolleté, das unter dem leuchtenden Profil des Kleinkriminellen hervorlugte, dann quer durch die transparente Anzeige in ihre haselnussbraunen Augen, aus denen sie ihn freundlich anstrahlte. Sie roch gut, selbst jetzt, als sie hinter dem weißen Schreibtisch Platz genommen hatte, wehte der weiche Duft nach Mango und Vanille in seine Nase.
Emily duftete auch manchmal so. Er fragte sich, ob sie dasselbe Parfum wie Frau Kerkes verwendete. Es war lange her, dass er Emily nah genug gekommen war, um ihren Duft einzuatmen. Sie hatte irgendwann angefangen, ihr Leben ohne ihn zu führen. Er hatte ihr nicht gesagt, wo er heute Abend war, aber das war nichts Ungewöhnliches. Er redete nur noch selten mit ihr und noch seltener sagte er ihr Bescheid, wenn er etwas vorhatte, denn sie hatte ihm immer wieder deutlich zu verstehen gegeben, dass es ihr egal war.
Frau Kerkes beugte sich vor. Mit rot lackiertem Zeigefinger berührte sie das Profil in der Mitte an einem rot leuchtenden Punkt in der rechten oberen Ecke, worauf es erlosch. Nun blickten Wolländer nur noch die kühlen Augen des Boxers und die unter dichten Augenbrauen hervorblitzenden Augen des Schürzenjägers an. In der frisch entstandenen Lücke zwischen den Displays nahm Frau Kerkes, die in der Zwischenzeit um den Tisch herum gekommen war, auf der Tischkante Platz, schlug ihre schlanken Beine übereinander und lächelte Wolländer an, der fragend zurückblickte.
„Eine Entscheidung wurde Ihnen abgenommen“, kommentierte sie das Aus für den Gangster. „Ich habe soeben die Bestätigung erhalten, dass der junge Mann bei einer Schießerei in einem Spirituosengeschäft ums Leben gekommen ist. Gerade erst vor einer Stunde. Schicksal!“
Sie beugte sich noch ein Stück weiter vor. Ihr Duft ließ Wolländers Nase kitzeln, und ihre vollen Brüste lugten wie reife Früchte aus ihrer Bluse hervor. Wenig erstaunt stellte er fest, dass sein Riechorgan nicht der einzige Teil seines Körpers war, der auf Isabel Kerkes‘ Nähe reagierte. Verlegen räusperte er sich und schlug seinerseits die Beine übereinander.
„Unter uns gesagt: Hautnah mitzuerleben, wie so ein Stück Abfall der Gesellschaft eine Tankstelle ausraubt oder wehrlose alte Damen mit ihren eigenen Gehstöcken verprügelt, fühlt sich nicht annähernd so prickelnd an, wie die meisten glauben“, erklärte sie nun im Plauderton. „Ich habe hier schon erlebt, wie gestandene Männer unter Tränen zusammenbrachen, nachdem sie sich selbst beweisen wollten, was für harte Kerle sie in ihrem Inneren doch sind. Die sind nach Hause geschlichen, haben ihre Mütter angerufen, um ihnen zu sagen, wie sehr sie sie liebten, und haben ihren Ehefrauen spontan Blumen geschenkt. Vielleicht war es wirklich ein Wink des Schicksals, dass Ihnen diese Erfahrung heute Nacht erspart bleibt.“
Wolländer fuhr sich durch die Haare. Seine Hand strich über die Halbglatze, die seit einigen Jahren erfolgreich um die Vormacht auf seinem Kopf kämpfte. Ob die Kerkes ihn attraktiv fand? Er merkte, dass sie weiterplapperte. Es schien sie nicht zu stören, dass er mit seinen Blicken schon wieder an ihren Brüsten hängengeblieben war.
„Die meisten unserer Kunden sind nicht solche Typen“, sagte Frau Kerkes nun, „auch wenn sie das vorher nicht glauben wollen. Sie, Herr Wolländer, sind auch nicht so einer. Sie wollen Nervenkitzel, ja. Sie wollen endlich mal wieder Adrenalin in Ihren Adern spüren, aber Sie wollen das nicht auf Kosten anderer, nicht, indem Sie dabei sind, wenn jemand das Gesetz bricht.“
Wolländer brummte zustimmend. Vielleicht war es wirklich eine dumme Idee gewesen, in die Haut eines waschechten Kriminellen zu schlüpfen. Aber wenn er ehrlich war, wollte er eigentlich etwas ganz anderes.
„Also Herr Wolländer, nun müssen Sie sich nur noch zwischen zwei Kandidaten entscheiden“, sagte sie. „Welcher soll es sein? Der Boxer? Der Lover? Ich habe beide schon mehrfach erfolgreich vermietet. Ich garantiere Ihnen, Sie werden ein intensives Erlebnis haben. Aber Sie sollten sich jetzt wirklich entscheiden, denn wir müssen noch einiges vorbereiten, und allein für den Transfer selbst benötigen wir eine halbe Stunde.“
Er gab sich einen Ruck. „Wissen Sie, ich habe mal geboxt.“
Er wartete ihre Reaktion ab. Ob es sie beeindruckte? An ihrer Miene war es jedenfalls nicht zu erkennen. Die Blondine zeigte weiterhin ihr freundliches Lächeln. Sie sollte Poker spielen, dachte er.
„Ich würde das gern wieder erleben.“
„Der Boxer also. Sehr schön!“
Sie nickte, erhob sich und setzte sich wieder auf ihren Platz hinter dem Schreibtisch. Auf der in die Tischplatte integrierten Tastatur machte sie einige Eingaben und überflog die Daten, die auf ihrem Monitor angezeigt wurden. Plötzlich verzog sie den Mund.
„Das gibt’s doch nicht“, murmelte sie.
„Was ist denn los?“, wollte Wolländer wissen.
Sie antwortete nicht. Stattdessen aktivierte sie ihr Earphone, wartete kurz und wechselte leise ein paar Worte, die Wolländer nicht alle verstand, aber was er aufschnappte, ließ ihn ahnen, dass ihm gerade erneut ein Strich durch die Rechnung gemacht worden war.
Frau Kerkes beendete ihr Telefonat, atmete tief durch, bevor sie sich mit einem Lächeln wieder an Wolländer wandte. „Wie es aussieht, ist das heute nicht gerade Ihr Glückstag. Ihr Wunschkandidat wird heute Abend nicht boxen, der Kampf wurde abgesagt.“
„Warum?“, fragte er. „Ist noch jemand gestorben?“
„Nein, nein, so dramatisch ist es nicht. Ihrem Boxer geht es gut, aber sein Herausforderer ist an einer schweren Grippe erkrankt und kann nicht antreten. Es soll schon den ganzen Nachmittag in den Medien verbreitet werden. Tut mir leid, dass mir das entgangen ist. Ich hatte die in Frage kommenden Profile schon heute Morgen für Sie vorbereitet und keine Zeit, zwischendurch die Nachrichten zu verfolgen.“
Wolländer seufzte. „Ich nehme an, Sie haben keine Zeit mehr, noch weitere geeignete Kandidaten für mich herauszusuchen?“
Sie machte einen Schmollmund. „Leider nein, Herr Wolländer.“
Er seufzte noch einmal und sackte in seinem Sessel zusammen.
Frau Kerkes stand auf, machte eine Handbewegung, um das verbliebene Display mit den Daten zu dem Gigolo zu vergrößern und sagte: „Schauen Sie sich sein Profil noch einmal an. Es ist ein Glücksfall, dass er heute Abend noch verfügbar ist. Einige unserer Klienten wurden bei ihm schon Wiederholungstäter, weil sie so zufrieden waren. Jeder fühlte sich nach einer Nacht mit unserem Mr. Hot wie neugeboren. Ich kann Ihnen versprechen, dass Sie diese Erfahrung nicht bereuen werden.“
„Und was hat er heute Nacht geplant?“, fragte Wolländer. Im Grunde genommen hatte er nichts gegen diese dritte Option, wenn sie nicht genau das gewesen wäre: die dritte Option. Nicht erste Wahl, nicht einmal zweite Wahl, sondern nur das, was übrigblieb. Wäre es anders gewesen, hätte die Kerkes wahrscheinlich nicht so viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Wieso sollte er etwas gegen ein erotisches Abenteuer haben?
Frau Kerkes zwinkerte ihm zu. „Ich versichere Ihnen, er wird kein Verbrechen begehen, er ist kerngesund, und er hat nicht vor, mit Kartoffelchips und einem Sixpack Bier auf dem Sofa zu hocken und irgendeinen hirnlosen Scheiß im Fernsehen anzuschauen. Sie werden eine Nacht erleben, die Sie nicht so schnell vergessen werden.“
Wolländer nickte. „Okay, aber was genau wird er machen? Wissen Sie das auch? Was werde ich mit ihm erleben?“
„Selbstverständlich wissen wir das. Er hat eine Verabredung mit einer Dame, die er im Netz kennengelernt hat – auf einer Plattform für die Vermittlung von Blind Dates und One-Night-Stands. Wie klingt das für Sie?“
Wolländer grinste sie ungeniert an. „Ich denke, das könnte mir gefallen.“


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