Sonntag, 20. August 2017

Buchtipp: Winter People von Jennifer McMahon

Ich würde nicht sagen, dass "Winter People" groß gehypt wurde in den sozialen Netzwerken, wie es so schön neudeutsch heißt. Dennoch fiel es mir immer wieder mal auf, wenn andere es als Buchtipp posteten. Neulich entdeckte ich es auf dem Bücherwühltisch im Supermarkt, und ich nahm es spontan mit. Eine Entscheidung, die ich kein bisschen bereue. Ich habe das Buch sofort angelesen und hatte aber nicht viel Zeit, deshalb musste ich es beiseite legen und konnte es kaum erwarten, endlich weiterzulesen. Gestern wurde ich fertig, die letzten 100 Seiten flogen nur so dahin, und wenn ich darüber nachdenke, ist das zum ersten Mal seit langem so, dass mich ein Buch dermaßen gefesselt hat.

Worum geht es?

Der Untertitel deutet darauf hin: "Wer die Toten weckt". Genau das passiert in dieser Geschichte. In zwei Zeitebenen werden quasi parallel zwei Geschichten erzählt. Einmal geht es um Sara, die im Jahr 1908 in der kleinen amerikanischen Gemeinde West Hall ihre Tochter durch ein grausames Verbrechen verliert. Sie ist die einzige, die an Mord glaubt, alle anderen halten es für einen tragischen Unfall, denn das Mädchen wurde am Grund eines tiefen Brunnens gefunden. Sara erinnert sich an die Geschichten von den Schlafenden, wie die Toten genannt werden, die wieder zurück in die Welt der Lebenden geholt werden. Auntie, eine kluge, geheimnisvolle Frau aus Saras Kindheit, hatte ihr einst davon erzählt und ihr auch erklärt, wie man es anstellen muss. In ihrer Verzweiflung versucht sie es - und löst dramatische Ereignisse aus.
Im zweiten Erzählstrang, der in der nicht näher benannten Gegenwart spielt, geht es um Ruthie, die mit ihrer Schwester Fawn und ihrer Mutter in demselben Haus wohnt, in dem einst Sara lebte. Und es geht um die Künstlerin Katherine, die vor kurzem ihren Mann durch einen Autounfall verlor und nun nach West Hall gezogen ist, weil sie erfahren will, was ihr Mann kurz vor seinem Tod hier wollte.
Drei Schicksale, viele Geheimnisse, alle miteinander verknüpft, allen voran die dunklen Legenden um die Teufelshand, jene seltsame Felsformation, wo seit Jahren immer wieder Menschen verloren gehen und wo es spuken soll.

Was hat mir daran so gut gefallen?

Dass Menschen versuchen, ihre kürzlich dahingeschiedenen Lieben zurückzuholen, ist erst einmal keine so neue Idee. Das haben schon andere sehr spannend und gruselig erzählt, mir fällt da sofort Stephen Kings "Friedhof der Kuscheltiere" ein. Also warum hat mich dieses Buch so gepackt?
Das liegt vor allem an der Atmosphäre, die von der Autorin Jennifer McMahon erschaffen wird. Es gelingt ihr vorzüglich, ein Bild der unwirtlichen Gegend um die Teufelshand zu erzeugen, der Leser spürt die Kälte, die Kargheit und die Gänsehaut, die sich bildet, weil man glaubt, beobachtet zu werden.
Das liegt auch an den wunderbar gezeichneten Figuren: Die vom Schicksal gebeutelte Sara, die ihre einzige Tochter verloren hat, die mutige Ruthie, die versucht, ihre verschwundene Mutter zu finden und gleichzeitig ihre kleine Schwester zu beschützen, die trauernde Katherine, die wie ein Detektiv nach und nach die Puzzleteile zusammenführt und hinter das dunkle Geheimnis von West Hall kommt. Aber auch die Nebenfiguren wie Candace O'Rourke oder Saras Mann Martin kommen unglaublich plastisch rüber und treiben die Handlung voran.
Spannung und Drama halten sich wunderbar die Waage. Es geschehen grauenvolle Morde, es fließt Blut, es gebt jede Menge Gänsehautmomente, doch es geht auch um Liebe - zwischen Mutter und Kind, zwischen Mann und Frau und was manch einer dafür bereit ist zu tun - und zu opfern.
Alles greift ineinander, alle Fäden verbinden sich am Ende miteinander und wenn die letzten Geheimnisse gelüftet sind, ergeben sie ein schreckliches, ein schaurig-schönes, von einer gewissen Melancholie durchsetztes Bild.

Und noch etwas fiel mir auf: Winter People enthält ein paar starke Frauencharaktere. Alle Hauptfiguren sind Frauen, die Bösen wie die Guten. Männer spielen nur Nebenrollen. Ich finde das bemerkenswert, und vielleicht macht auch dieser Umstand dieses Buch zu so etwas Besonderem.

Ich bin sehr angetan und empfehle dieses Buch allen, die nicht nur Grusel mögen, sondern auch atmosphärisch dicht erzählte Geschichten, die über Generationen hinweg in ihren Bann zu ziehen vermögen.

Da vergebe ich doch direkt 5 von 5 frisch aus einem Hasen gerissenen Herzen! :-)

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