Für Meara Finnegans wundervolle Idee, die Kurzgeschichte in einem eigenen Festival zu lobhudeln, dem #KGFestival, wurde ich gebeten, mir ein paar Gedanken darüber zu machen, wie ich meine Texte überarbeite, was ich alles damit veranstalte, bevor ich es einsende. Ob ich Tipps an andere Autor*innen geben könnte, die mal an einer Ausschreibung teilnehmen möchten. Ich bin ja nicht nur leidenschaftliche Kurzgeschichtenautorin, sondern auch noch als Lektorin unterwegs – und damit wohl meine eigene strenge Kritikerin Nummer 1.
Tja, und jetzt sitze ich hier und überlege, ob ich in meinem Tun überhaupt ein Muster und eine Art Struktur oder gar Strategie erkennen kann. Auf den ersten Blick würde ich spontan sagen: Nein, es kommt, wie es kommt. Aber nach längerem Nachdenken habe ich doch ein paar Dinge entdeckt, auf die ich besonders achte und die ich beinahe jedes Mal mache, wenn ich eine Kurzgeschichte für eine Anthologie schreibe.
An die Anforderungen halten
Bettina Ickelsheimer-Förster von Shadodex – Verlag der Schatten hat es hier schon ausführlich erläutert, aber ich finde, man kann nicht oft genug darauf hinweisen, deshalb ist das mein erster Tipp für euch:
Die meisten Ausschreibungen für Anthologien geben klare Themen vor und nennen oft noch ein paar weitere Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit die eingereichten Texte eine Chance haben. Dazu gehören so formelle Dinge wie minimale und maximale Zeichenzahl oder das Format, in welchem der Text geschickt werden soll. Dazu gehören aber auch inhaltliche Kriterien. Welche Genres sind zugelassen? Darf Sex enthalten sein? Wie explizit darf Gewalt dargestellt werden? Werden bestimmte Figuren erwünscht oder ausgeschlossen?
Wenn eine Ausschreibung Geschichten über Vampire sucht, die sich explizit nicht von Menschenblut ernähren, dann sollte man eben keine Geschichte über einen Vampir schreiben, der Menschen aussaugt, und sich anschließend wundern, warum man abgelehnt wurde. Manchmal MUSS die Geschichte ein bestimmtes Element enthalten, manchmal MÜSSEN konkrete Begriffe vorkommen. Ich habe von Anfang an immer darauf geachtet, die Vorgaben genauestens einzuhalten, damit ich zumindest aufgrund der Kriterien nicht von vornherein ausgeschlossen werden kann. Meiner Kreativität indes hat das nie einen Abbruch getan.
Kürzen, kürzen, kürzen
Auch wenn meine letzten Kurzgeschichten schon Ausmaße angenommen haben, die ein strenger Literat gar nicht mehr als Kurzgeschichten anerkennen würde, ist die Betonung auf Kürze bei einer Kurzgeschichte für mich immer noch das A und O. Zunächst schreibe ich drauflos und versuche, überhaupt erst einmal eine Geschichte hinzukriegen, die Anfang, Mittelteil und Ende hat und mir gefällt und vermutlich auch dem Veranstalter der Ausschreibung gefallen könnte. Aber wenn es ans Überarbeiten geht, fange ich an, im großen Stil zu kürzen.
Gute Geschichten brauchen kein Füllmaterial!
All diese Füllwörter, die „dann’s“, die „ja’s“, die „eigentlich’s“ und „eben’s“ und die überflüssigen „und’s“, die sich bei der Rohfassung im Schreibflow automatisch reinmogeln, fliegen in hohem Bogen raus. Probiert es aus: Eure Sätze funktionieren auch und sogar besser, wenn ihr die Füllwörter weglasst. Es fliegen aber auch Adjektive raus, wenn ich merke, dass sich Sätze viel flüssiger und knackiger ohne sie lesen. Adjektive und Adverbien sind in vielen Fällen nichts weiter als Füllmaterial, das einen gefühlt „nackten Text“ aufrüschen soll, was aber so gut wie nie nötig ist. Finde ich die richtigen Worte, insbesondere Verben, für meine Botschaft, kann ich auf die Adjektive und das ganze Füllmaterial verzichten.
Manchmal müssen bei mir ganze Sätze oder sogar Absätze dran glauben, wenn ich feststelle, dass ich dieselbe Aussage auch wesentlich kürzer machen kann oder – auch das kommt vor – längst in einem Satz davor oder danach treffender gemacht habe. Wiederholung, ob nun von einzelnen Wörtern oder ganzen Aussagen, ist nie gut, für keine Art von Text. In einer Kurzgeschichte ist sie geradezu tödlich, denn sie killt vor allem eins: die Spannung. Und um die geht es in Kurzgeschichten doch irgendwie immer, egal, in welchem Genre.
Kürzen ist wahrscheinlich der wichtigste Tipp überhaupt, den ich geben kann. Ich bin überzeugt, dass jede Kurzgeschichte nur besser wird, wenn man sie kürzt und strafft. Dass man gar nicht viele Worte braucht, um etwas Spannendes zu erzählen, habe ich zum Beispiel durch meine Teilnahme an den monatlichen Mikrofiction-Wettbewerben bei Sweek gelernt. Da darf kein eingereichter Text länger als 250 Wörter sein. Und wie lang waren 99% meiner Beiträge? Richtig: exakt 250 Wörter. Es macht sogar richtig Spaß, eine Idee so lange zu biegen und umzuformulieren, bis sie die 250-Wort-Grenze erfüllt.
Der erste und der letzte Satz
Ich erzähle jetzt sicherlich nichts Neues, wenn ich behaupte, dass für den Einstieg in eine Geschichte nichts so wichtig ist wie ein gelungener erster Satz. Im Grunde gilt das für alle Arten von Geschichten in jedem Genre. Aber gerade in der Kurzgeschichte, wo es, wie der Name schon sagt, um die Kürze geht, sollte der erste Satz sitzen wie die Faust aufs Auge. Mit ihm kann man bereits den Protagonisten einführen und charakterisieren, man kann auf den zentralen Konflikt hinweisen oder etwas über die Atmosphäre verraten, in der die Geschichte spielt. Idealerweise steigt gleich der erste Satz direkt in die Handlung ein.
Kurzum: Der erste Satz darf alles, außer langweilig sein. Er muss Neugier wecken.
Während potenzielle Leser*innen einem ganzen Roman durchaus mindestens die komplette erste Seite oder das erste Kapitel gönnen, bevor sie entscheiden, ob das Buch es wert ist, vollständig gelesen zu werden, sind sie bei Kurzgeschichten nicht ganz so geduldig. Aber da das hier ja ein Tipp für Autor*innen sein soll, die ihre Texte einsenden wollen, ist die erste Leserin nicht die Person, die am Ende das fertige Buch kauft, sondern die Herausgeberin oder Verlegerin.
Bei einer Ausschreibung kommen schnell mehrere hundert Einsendungen zusammen, die alle von den Herausgeber*innen gelesen werden wollen. Was denkt ihr, welche Geschichte die größeren Chancen hat, nicht nur vollständig gelesen zu werden, sondern am Ende auch in die engere Auswahl zu kommen? Die Geschichte, die mit einem harmlosen Satz wie „Es war ein schöner, milder Frühlingstag“ beginnt? Oder vielleicht doch eher die Geschichte, die so anfängt: „Michaels Freude darüber, ein echtes, leibhaftiges Einhorn zu erblicken, währte nicht lange.“ (Das ist übrigens der Beginn meiner Horror-Kurzgeschichte „Die Sache mit dem Einhorn“, mit der ich es nicht nur in die Anthologie geschafft hatte, sondern diese als erste im Buch auch noch eröffnen durfte.)
Übrigens: Den ersten Satz eurer Geschichte müsst ihr nicht als ersten Satz überhaupt schreiben. Ihr könnt den irgendwann ausformulieren, bis er für euch perfekt ist. Das kann auch der allerletzte Schritt beim Schreiben einer Kurzgeschichte sein. Ich selbst schreibe den ersten Satz tatsächlich oft als allererstes, ich brauche den wie einen Leuchtturm in der Nacht, an dem ich mich orientieren kann. Aber ein Muss ist das nicht.
Und der letzte Satz? Richtig, der ist auch wichtig. Wobei ich da mehr vom „letzten Absatz“ sprechen würde. Bei Kurzgeschichten ist das Ende so eine Sache. Sie enden gerne „offen“. Ich persönlich mag offene Enden sehr gern, fast genauso gern wie „Bad Ends“. Kurzgeschichten funktionieren oft viel besser, wenn sie offen oder ziemlich schlecht für alle Beteiligten enden. Die Guten müssen nicht unbedingt gewinnen, der zentrale Konflikt muss nicht eindeutig gelöst werden, oft genug zerbricht der Protagonist einfach daran, auf welche Weise auch immer. Wichtig ist es aber, die Leser*innen mit einem knackigen letzten Satz oder eben Absatz zu verabschieden, damit die Geschichte wirkt, nachhallt und zum Grübeln anregt. Hier mal als Beispiel das Ende meiner Geschichte „Die Gartenpforte“. Darin geht es um ein unheimliches Gartentor, das irgendwie im Zusammenhang mit dem Verschwinden einiger Menschen steht. Das also sind die letzten Sätze dieser Geschichte:
„Während ich zwischen zerbrochenen Blumentöpfen, überlagertem Saatgut und uralten Gartengeräten herumwühle, höre ich ein Geräusch. Quietschend, knarrend, rostig. Nerven zerfetzend. Uralte Scharniere, die schon lange nicht mehr bewegt worden sind. Ich vergesse für einen Augenblick die Schaufel und gehe nachsehen.“
Wie war das noch gleich?
An dieser Stelle noch einmal der Schnelldurchlauf für die Eiligen:
- Genau die Kriterien beachten, die bei einer Ausschreibung/einem Wettbewerb für Kurzgeschichten vorgegeben sind.
- Kurz, kürzer, am besten.
- Genialer erster Satz, raffiniertes Ende.
Alles klar? Dann ab ins Internet, sucht euch die zu euch passende Ausschreibung raus und legt los. Ich wünsche euch ganz viel Erfolg!
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