Wie versprochen habe ich euch hier mal einen Ausschnitt aus meiner Kurzgeschichte "Rent a Body, Inc." herausgesucht. Es ist weniger Horror als Science Fiction. Ich habe mich von Stoffen wie "Total Recall" oder "Surrogates" inspirieren lassen. Darum geht es:
Harald Wolländer braucht Abwechslung und einen Kick in seinem öde gewordenen Leben. Er möchte die Dienstleistungen der ominösen Firma Rent a Body, Inc. in Anspruch nehmen. Die sorgen dafür, dass man als sogenannter Begleiter eine bestimmte Zeit im Kopf eines Fremden verbringt und erlebt und fühlt, was diesem widerfährt, und das kann alles sein, vom Profiboxkampf bis zum erotischen Abenteuer. Reizvoll, aber für den Begleiter vollkommen ungefährlich - sagt zumindest Rent a Body, Inc. ...
Das Buch ist ab sofort als E-Book und Taschenbuch bei Amazon erhältlich und demnächst auch in den Tolino-Shops. Übrigens: Wer den diesjährigen BuCon am 22. Oktober 2016 in Dreieich-Sprendlingen besucht, kann auch dort am Qindie-Stand sein Exemplar erwerben - mit Autogramm der anwesenden Autoren!
Und nun geht es los mit der Leseprobe - viel Vergnügen!
*************************************
Es war kurz nach halb sechs, und Harald Wolländer musste
sich langsam entscheiden, ob er den Rest des Abends als Profiboxer, Kleinkrimineller
oder Gigolo verbringen wollte. Nicht dass es da allzu große Unterschiede gab,
genaugenommen. Zwielichtig und ein bisschen zu weit auf der dunklen Seite der
Moral waren sie alle drei. Doch Wolländer wollte seine Entscheidung sorgfältig treffen,
schließlich war der Spaß ziemlich teuer, und er wollte es später nicht bereuen,
sein Geld für die falsche Wahl verschwendet zu haben.
Es standen auch noch andere Mietkörper zur Verfügung,
doch die erfüllten Wolländers heimliche Wünsche nicht einmal annähernd. Was
sollte er mit einem Chirurgen in der Notaufnahme anfangen? Oder mit einem
Taxifahrer, dessen Fahrgäste verrückter und gefährlicher wurden, je weiter die
nächtliche Stunde vorrückte?
Was hatte ihm die kleine Blondine mit einem frivolen
Augenzwinkern vorgeschlagen?
„Wie wär’s mit einer Prostituierten, Herr Wolländer? Das
wäre wirklich eine komplett neue Erfahrung, aber sehr aufregend und
stimulierend. Ein paar unserer Stammkunden schwören darauf.“
Eine Nutte! Wolländers Mund zuckte, als er ein Grinsen
unterdrückte. Nein, so pervers war er nun auch wieder nicht, und das Letzte,
was er erleben wollte, war, den Schwanz eines fremden Mannes in sich zu spüren.
Der Gedanke fühlte sich widerlich an. Unruhig rutschte er auf dem Sessel umher
und versuchte, sich wieder auf die Profile zu konzentrieren, die Isabel Kerkes,
die blonde Kundenberaterin bei Rent a Body, Inc., für ihn ausgesucht hatte.
Die drei Gesichter schwebten vor ihm, direkt daneben
waren die Daten zu jedem einzelnen Mietkörper aufgelistet. Mit lockeren
Handbewegungen sprang Wolländer von einem Profil zum anderen, ließ die Daten
vorbeirollen.
Der Profiboxer war jung, mit seinen 25 Jahren hatte er
schon fast 20 Kämpfe bestritten und alle gewonnen – elf davon sogar durch K.O.
Boxen war Wolländers Leidenschaft. Als Teenager hatte er mit dem Boxsport
angefangen und von einer Karriere als Profi geträumt. Aber er war nie gut genug
gewesen. Nachdem er bei einem Turnierkampf so unglücklich getroffen worden war,
dass er minutenlang bewusstlos dagelegen und anschließend ständig mit
Kopfschmerzen und Nasenbluten zu kämpfen hatte, gab er das Boxen schweren
Herzens auf. Die Beschwerden meldeten sich seitdem in unregelmäßigen Abständen
immer wieder. Zuerst Kopfschmerzen – und mit ziemlicher Sicherheit blutete
seine Nase früher oder später.
Hätte er das auf dem Fragebogen vielleicht eintragen
sollen, den er bei seiner Anmeldung von Isabel Kerkes erhalten hatte? Aber da
war nur nach chronischen Krankheiten und dergleichen gefragt worden.
Nasenbluten und Kopfschmerzen? Das hatte doch jeder mal.
Der junge Mann auf dem Display sollte heute Nacht gegen
einen Herausforderer aus England antreten, der schon zum zweiten Mal versuchte,
ihm den Gürtel abzunehmen. Wolländer hatte ihn schon einmal live boxen sehen
und wusste, wie hart der Kerl von der Insel zuschlagen konnte.
„Nun, Herr Wolländer“, unterbrach Frau Kerkes mit sanfter
Stimme seine Gedankengänge. „Sie scheinen noch immer mit Ihrer Entscheidung zu
ringen …“
Wolländer schaute ihr zuerst ins tief ausgeschnittene
Dekolleté, das unter dem leuchtenden Profil des Kleinkriminellen hervorlugte, dann
quer durch die transparente Anzeige in ihre haselnussbraunen Augen, aus denen
sie ihn freundlich anstrahlte. Sie roch gut, selbst jetzt, als sie hinter dem
weißen Schreibtisch Platz genommen hatte, wehte der weiche Duft nach Mango und
Vanille in seine Nase.
Emily duftete auch manchmal so. Er fragte sich, ob sie
dasselbe Parfum wie Frau Kerkes verwendete. Es war lange her, dass er Emily nah
genug gekommen war, um ihren Duft einzuatmen. Sie hatte irgendwann angefangen,
ihr Leben ohne ihn zu führen. Er hatte ihr nicht gesagt, wo er heute Abend war,
aber das war nichts Ungewöhnliches. Er redete nur noch selten mit ihr und noch seltener
sagte er ihr Bescheid, wenn er etwas vorhatte, denn sie hatte ihm immer wieder
deutlich zu verstehen gegeben, dass es ihr egal war.
Frau Kerkes beugte sich vor. Mit rot lackiertem
Zeigefinger berührte sie das Profil in der Mitte an einem rot leuchtenden Punkt
in der rechten oberen Ecke, worauf es erlosch. Nun blickten Wolländer nur noch
die kühlen Augen des Boxers und die unter dichten Augenbrauen hervorblitzenden
Augen des Schürzenjägers an. In der frisch entstandenen Lücke zwischen den
Displays nahm Frau Kerkes, die in der Zwischenzeit um den Tisch herum gekommen
war, auf der Tischkante Platz, schlug ihre schlanken Beine übereinander und
lächelte Wolländer an, der fragend zurückblickte.
„Eine Entscheidung wurde Ihnen abgenommen“, kommentierte
sie das Aus für den Gangster. „Ich habe soeben die Bestätigung erhalten, dass
der junge Mann bei einer Schießerei in einem Spirituosengeschäft ums Leben
gekommen ist. Gerade erst vor einer Stunde. Schicksal!“
Sie beugte sich noch ein Stück weiter vor. Ihr Duft ließ Wolländers
Nase kitzeln, und ihre vollen Brüste lugten wie reife Früchte aus ihrer Bluse
hervor. Wenig erstaunt stellte er fest, dass sein Riechorgan nicht der einzige
Teil seines Körpers war, der auf Isabel Kerkes‘ Nähe reagierte. Verlegen
räusperte er sich und schlug seinerseits die Beine übereinander.
„Unter uns gesagt: Hautnah mitzuerleben, wie so ein Stück
Abfall der Gesellschaft eine Tankstelle ausraubt oder wehrlose alte Damen mit
ihren eigenen Gehstöcken verprügelt, fühlt sich nicht annähernd so prickelnd
an, wie die meisten glauben“, erklärte sie nun im Plauderton. „Ich habe hier
schon erlebt, wie gestandene Männer unter Tränen zusammenbrachen, nachdem sie
sich selbst beweisen wollten, was für harte Kerle sie in ihrem Inneren doch
sind. Die sind nach Hause geschlichen, haben ihre Mütter angerufen, um ihnen zu
sagen, wie sehr sie sie liebten, und haben ihren Ehefrauen spontan Blumen
geschenkt. Vielleicht war es wirklich ein Wink des Schicksals, dass Ihnen diese
Erfahrung heute Nacht erspart bleibt.“
Wolländer fuhr sich durch die Haare. Seine Hand strich
über die Halbglatze, die seit einigen Jahren erfolgreich um die Vormacht auf
seinem Kopf kämpfte. Ob die Kerkes ihn attraktiv fand? Er merkte, dass sie
weiterplapperte. Es schien sie nicht zu stören, dass er mit seinen Blicken
schon wieder an ihren Brüsten hängengeblieben war.
„Die meisten unserer Kunden sind nicht solche Typen“, sagte
Frau Kerkes nun, „auch wenn sie das vorher nicht glauben wollen. Sie, Herr
Wolländer, sind auch nicht so einer. Sie wollen Nervenkitzel, ja. Sie wollen
endlich mal wieder Adrenalin in Ihren Adern spüren, aber Sie wollen das nicht
auf Kosten anderer, nicht, indem Sie dabei sind, wenn jemand das Gesetz bricht.“
Wolländer brummte zustimmend. Vielleicht war es wirklich
eine dumme Idee gewesen, in die Haut eines waschechten Kriminellen zu
schlüpfen. Aber wenn er ehrlich war, wollte er eigentlich etwas ganz anderes.
„Also Herr Wolländer, nun müssen Sie sich nur noch
zwischen zwei Kandidaten entscheiden“, sagte sie. „Welcher soll es sein? Der
Boxer? Der Lover? Ich habe beide schon mehrfach erfolgreich vermietet. Ich
garantiere Ihnen, Sie werden ein intensives Erlebnis haben. Aber Sie sollten sich
jetzt wirklich entscheiden, denn wir müssen noch einiges vorbereiten, und
allein für den Transfer selbst benötigen wir eine halbe Stunde.“
Er gab sich einen Ruck. „Wissen Sie, ich habe mal geboxt.“
Er wartete ihre Reaktion ab. Ob es sie beeindruckte? An
ihrer Miene war es jedenfalls nicht zu erkennen. Die Blondine zeigte weiterhin
ihr freundliches Lächeln. Sie sollte Poker spielen, dachte er.
„Ich würde das gern wieder erleben.“
„Der Boxer also. Sehr schön!“
Sie nickte, erhob sich und setzte sich wieder auf ihren
Platz hinter dem Schreibtisch. Auf der in die Tischplatte integrierten Tastatur
machte sie einige Eingaben und überflog die Daten, die auf ihrem Monitor
angezeigt wurden. Plötzlich verzog sie den Mund.
„Das gibt’s doch nicht“, murmelte sie.
„Was ist denn los?“, wollte Wolländer wissen.
Sie antwortete nicht. Stattdessen aktivierte sie ihr Earphone,
wartete kurz und wechselte leise ein paar Worte, die Wolländer nicht alle
verstand, aber was er aufschnappte, ließ ihn ahnen, dass ihm gerade erneut ein
Strich durch die Rechnung gemacht worden war.
Frau Kerkes beendete ihr Telefonat, atmete tief durch,
bevor sie sich mit einem Lächeln wieder an Wolländer wandte. „Wie es aussieht,
ist das heute nicht gerade Ihr Glückstag. Ihr Wunschkandidat wird heute Abend
nicht boxen, der Kampf wurde abgesagt.“
„Warum?“, fragte er. „Ist noch jemand gestorben?“
„Nein, nein, so dramatisch ist es nicht. Ihrem Boxer geht
es gut, aber sein Herausforderer ist an einer schweren Grippe erkrankt und kann
nicht antreten. Es soll schon den ganzen Nachmittag in den Medien verbreitet
werden. Tut mir leid, dass mir das entgangen ist. Ich hatte die in Frage
kommenden Profile schon heute Morgen für Sie vorbereitet und keine Zeit,
zwischendurch die Nachrichten zu verfolgen.“
Wolländer seufzte. „Ich nehme an, Sie haben keine Zeit
mehr, noch weitere geeignete Kandidaten für mich herauszusuchen?“
Sie machte einen Schmollmund. „Leider nein, Herr
Wolländer.“
Er seufzte noch einmal und sackte in seinem Sessel
zusammen.
Frau Kerkes stand auf, machte eine Handbewegung, um das
verbliebene Display mit den Daten zu dem Gigolo zu vergrößern und sagte:
„Schauen Sie sich sein Profil noch einmal an. Es ist ein Glücksfall, dass er
heute Abend noch verfügbar ist. Einige unserer Klienten wurden bei ihm schon
Wiederholungstäter, weil sie so zufrieden waren. Jeder fühlte sich nach einer
Nacht mit unserem Mr. Hot wie neugeboren. Ich kann Ihnen versprechen, dass Sie
diese Erfahrung nicht bereuen werden.“
„Und was hat er heute Nacht geplant?“, fragte Wolländer.
Im Grunde genommen hatte er nichts gegen diese dritte Option, wenn sie nicht
genau das gewesen wäre: die dritte Option. Nicht erste Wahl, nicht einmal zweite
Wahl, sondern nur das, was übrigblieb. Wäre es anders gewesen, hätte die Kerkes
wahrscheinlich nicht so viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Wieso sollte er
etwas gegen ein erotisches Abenteuer haben?
Frau Kerkes zwinkerte ihm zu. „Ich versichere Ihnen, er
wird kein Verbrechen begehen, er ist kerngesund, und er hat nicht vor, mit Kartoffelchips
und einem Sixpack Bier auf dem Sofa zu hocken und irgendeinen hirnlosen Scheiß
im Fernsehen anzuschauen. Sie werden eine Nacht erleben, die Sie nicht so
schnell vergessen werden.“
Wolländer nickte. „Okay, aber was genau wird er machen?
Wissen Sie das auch? Was werde ich mit ihm erleben?“
„Selbstverständlich wissen wir das. Er hat eine
Verabredung mit einer Dame, die er im Netz kennengelernt hat – auf einer
Plattform für die Vermittlung von Blind Dates und One-Night-Stands. Wie klingt
das für Sie?“
Wolländer grinste sie ungeniert an. „Ich denke, das
könnte mir gefallen.“
*************************************
Na? Hat es euch gefallen? Wollt ihr wissen, wie es weitergeht? Dann holt euch einfach unsere Anthologie - ich wünsche euch viel Spaß bei der Lektüre!

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen