Kommen wir nun zur siebten Geschichte in "Dunkle Begegnungen". Sie heißt "Bewegliche Ziele" und erzählt ... eine Liebesgeschichte. Tadaaa! Was, ihr glaubt mir nicht? Es geht um Mike und Paul und die hübsche Vivian, und schon im allerersten Absatz erfahrt ihr, wer von den zwei Jungs sich quasi von einer Sekunde auf die andere in das Mädchen verliebt. Wie würdet ihr das denn nennen?
Immer noch nicht überzeugt? Na gut, ihr habt ja recht, es ist wieder eine echte Horrorgeschichte mit einer ganz besonderen Form von Monster, der ihr so bestimmt noch nicht begegnet seid. Aber es ist wahr: Die Geschichte beginnt mit Liebe auf den ersten Blick, die alle weiteren Ereignisse überhaupt erst auslöst.
Worum geht's?
Die Freunde Mike und Paul besuchen den seltsamen Jahrmarkt,
der über Nacht erschienen ist und mit seinen heruntergekommenen Buden, alten
Fahrgeschäften und komischen Betreibern auf Mike keinen vertrauenerweckenden
Eindruck macht. Dann entdecken sie die Schießbude, und Mike entdeckt Vivian. Er
verknallt sich in sie und lässt sich auf einen kleinen Schießwettbewerb mit
Paul ein. Als der Schießbudenmann sie lobt und ihnen vorschlägt, seine neueste,
noch nicht öffentliche Attraktion als erste auszuprobieren, willigt Paul sofort
begeistert ein, doch Mike zögert. Er misstraut dem Schießbudenmann. Paul muss
ihn erst überreden mitzukommen. Doch als sie sich im Inneren des schwarzen,
schmucklosen Containers allein auf sich gestellt wiederfinden, muss Mike
erkennen, dass er falsch lag mit seiner Sorge, man könnte ihn hereinlegen –
denn es ist in Wahrheit noch viel schlimmer.
Wie die Geschichte entstand
Ich schrieb "Bewegliche Ziele" wieder einmal für eine Anthologie unter dem Bloody-Qindie-Label. Für den dritten Band hatten wir eine - wie ich nach wie vor finde - geniale Idee, die an einem weinseligen Abend während der Leipziger Buchmesse 2017 Gestalt annahm: Wir wollten einen Jahrmarkt ins Zentrum stellen, einen irgendwie unheimlichen, geheimnisvollen Jahrmarkt, der quasi über Nacht vor den Toren einer nicht näher benannten Stadt auftaucht und auf dem seltsame Dinge geschehen. Jeder von uns nahm sich eine Attraktion vor und bastelte seine Geschichte um diese Attraktion herum. Ich bekam die Schießbude. Tatsächlich dauerte es eine Weile, bis mir dazu eine passende Geschichte einfallen wollte, aber als ich die Idee erst einmal hatte, fiel es mir recht leicht, daraus eine richtig böse, blutige und hoffentlich auch gruselige Geschichte zu machen.
Lesepröbchen
Viel mehr will ich darüber auch noch gar nicht verraten. Aber die versprochene kleine Leseprobe sollt ihr natürlich bekommen. Wie erwähnt, fängt "Bewegliche Ziele" ziemlich harmlos, fast schon romantisch an. Aber keine Sorge, das dicke, blutige Ende kommt dann noch. Jetzt aber erst einmal willkommen auf dem Jahrmarkt ...
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Ihr Name
war Vivian, und Mike verliebte sich auf der Stelle in sie. Wie sie da an der
Seite der Schießbude stand, mit ihrer wilden Lockenmähne, die nackten Beine
überkreuzt, die Daumen lässig in die Gürtelschlaufen ihrer abgeschnittenen
Jeans eingehakt, eine zartrosa Kaugummiblase vor dem Mund, die größer und
größer wurde und die Sommersprossen auf ihrer zierlichen Nase verdeckte.
Darüber funkelten ihre Augen. Mike fiel kein anderes Wort ein, auch wenn es
kitschig klang. Sie funkelten, als würden sie kleine Blitze verschießen, und
jeder einzelne traf Mike direkt ins Herz. Er konnte kaum atmen vor Aufregung.
Zum Glück
war er mit Paul hier. Sein Kumpel war nicht so feige, was Mädchen anging. Also
hatte Paul sie einfach angesprochen und gefragt, wie sie hieß, und nun fand
Mike, dass Vivian der schönste Name der Welt war. Er bereute nicht mehr, Paul
zu diesem seltsamen Jahrmarkt begleitet zu haben, der einfach ohne große
Vorankündigung aufgetaucht war und die Besucher mit seinen grellen Lichtern,
Fahrgeschäften und exotischen Gerüchen anlockte. Der ganze Jahrmarkt war
merkwürdig. Die Buden und Attraktionen wirkten altmodisch und ein bisschen
schäbig. Die Leute, die hier arbeiteten, sahen auch nicht gerade
vertrauenerweckend aus. Manche von ihnen hätten spontan in einem billigen
Horrorfilm als Statisten mitspielen können. Mike wollte nicht hier sein, er
hatte keine Lust, auch nur einen Cent seines mühsam ersparten Taschengeldes auf
diesem runtergekommenen Rummelplatz auszugeben.
Aber dann
entdeckte Paul die Schießbude, und Mike entdeckte – Vivian.
Vergessen
waren die stechenden Blicke der Schausteller, an deren Buden sie vorbeigegangen
waren, ohne etwas zu kaufen. Vergessen auch die kalkweißen Gesichter der Leute,
die aus dem Spiegelkabinett stolperten und Mike und Paul zwangen, beiseite zu
springen, damit sie nicht über den Haufen gerannt wurden.
»Und wie
heißt ihr?«, wollte Vivian nun wissen.
Mike
glotzte sie nur weiter an und hatte Mühe, die Frage zu verarbeiten, geschweige
denn eine Antwort zu formulieren. Das übernahm wiederum Paul.
Sie
lächelte, und Mike stellte verunsichert fest, dass sie dabei ihn anschaute und
nicht seinen Kumpel, der sich direkt vor ihr aufgebaut und seinen Arm lässig
gegen die Wand der Bude gestützt hatte. Sie kaute weiter unbeeindruckt auf
ihrem rosa Kaugummi herum, ließ sich von Paul in ein belangloses Flirtgespräch
ziehen, behielt jedoch die ganze Zeit Mike im Blick, der sich darauf
beschränkte, aufmerksam zuzuhören.
So erfuhr
er, dass Vivian zum Jahrmarkt gehörte. Sie reiste mit den Schaustellern durchs
Land. Das wollte Mike gar nicht glauben. Wie passte ein so zauberhaftes Wesen
wie Vivian zu diesem zwielichtigen Volk mit seinen abgenutzten Fahrgeschäften
und schrottreifen Buden, von denen schon die Farbe abblätterte?
In seinem
Bauch rumorte es, und sein Herz stolperte aufgeregt in der Brust vor sich hin.
Gerade als er genug Mut zusammengekratzt hatte, um auch einmal etwas zu Vivian
zu sagen, mischte sich der Typ ein, der die Schießbude betrieb.
»Hey, ihr
Bürschchen, was is'n jetzt: Wollt ihr schießen oder nur quatschen und den Weg
versperren? Dann zieht besser weiter, klar?«
Der
Schießbudenmann zog missbilligend die Lippe hoch und entblößte seine braunen
Zähne, mit denen er einen Zigarrenstummel festhielt. Seine Stimme klang, als
würde er jeden Morgen mit Reißzwecken gurgeln. Ein vergilbtes, fleckiges
Unterhemd spannte über eine breite Brust. Mit sehnigen, äußerst kräftig
wirkenden Armen stützte er sich auf dem Tresen ab, während er die Jungen unter
zusammengezogenen buschigen Augenbrauen anstarrte.
Mike
zuckte zusammen und trat automatisch einen Schritt zurück. »Entschuldigen Sie
bitte …«, stammelte er, doch Paul unterbrach ihn, grinste den Schießbudenmann
selbstsicher an und erklärte:
»Na klar
wollen wir schießen.« Er zwinkerte Vivian zu. »Welche Trophäe hättest du gern?«
Sie
grinste ihn frech an, stieß sich von der Holzwand ab und stolzierte an den
Tresen. Sie schaute einen Moment hin und her und zeigte schließlich auf ein
riesiges, pinkfarbenes Plüscheinhorn mit glitzernder Mähne in Regenbogenfarben.
»Das da!«
Mike
schluckte. Das gigantische Kuscheltier schien einer der Hauptgewinne zu sein.
Um genug Punkte zu sammeln, würde es nicht einmal reichen, wenn er und Paul ihr
gesamtes Geld zusammenlegten und keinen einzigen Fehlschuss produzierten.
Vivian zog einen Schmollmund und schenkte Paul einen Augenaufschlag, der Mikes
Knie zum Schmelzen brachte.
»Äh«,
begann Paul, »ich hatte eher an etwas Kleineres gedacht.« Er wandte sich an den
Schießbudenmann. »Wie viele Punkte brauche ich für das fette Einhorn?«
»Fünfzig.«
»Und wie
viele Punkte bringt ein Treffer?«
»Einen.«
»Okay …
wie viel kosten denn zehn Schuss?«
»Acht.«
Paul
stöhnte auf. Vivian sah zu Mike herüber, zwinkerte ihm zu und unterdrückte ein
Kichern. Ganz schön gerissen, die Kleine, dachte Mike. Paul schien das nicht zu
merken. Stattdessen funkelten nun seine Augen. Sein Ehrgeiz war geweckt. Mike
kannte diesen Ausdruck. Vivian hatte ihn bei seiner Ehre gepackt. Bei den Eiern
hatte sie ihn, hätte Paul gesagt.
»Mike,
wie viel Geld hast du bei dir?«
Mike riss
den Blick von Vivian los, durchwühlte seine Hosentaschen und förderte zwei
Geldscheine hervor. »Zwanzig Euro. Komm schon, Paul, du willst das doch nicht
alles für die Schießbude ausgeben?«
Paul
antwortete nicht. Er nahm Mike das Geld ab, bevor dieser protestieren konnte,
und legte es mit seinem eigenen auf den Tresen. Der Schießbudenmann sah ihn
lauernd an.
»Also
gut, das hier sind 35 Euro. Wie viele Schuss bekomme ich dafür?«
Der
Schießbudenmann schien im Kopf hin und her zu rechnen. Dann schob er das Geld
wieder zu Paul zurück und erklärte: »Du bist hartnäckig, das gefällt mir. Okay,
Bürschchen, ich mach' dir einen Vorschlag. Du schießt jetzt zehn Mal auf die
Hasen«, er zeigte auf den Kugelfang aus Blech, in dem im immer gleichen Tempo
kleine Hasenfiguren vorbeifuhren, »damit ich sehen kann, wie du dich anstellst
– dein Freund darf es auch mal versuchen – und wenn es gut für euch läuft,
mache ich euch ein Angebot. Dann ist für die Kleine auch das Einhorn drin.«
»Was für
ein Angebot?«, fragte Mike zögernd, während Paul schon nickte und nach einem
Gewehr griff.
Der
Schießbudenmann grinste ihn an, und dank seiner schiefen, verfärbten Zähne
erweckte dieser Anblick kein bisschen Vertrauen, sondern löste in Mike schon
fast einen Fluchtimpuls aus.
»Wirst du
dann sehen, Bürschchen, wirst du sehen«, sagte der Typ und kratzte sich mit
seinen schwarzen Fingernägeln an der unrasierten Wange, was ein Geräusch wie
von Sandpapier auf Holz verursachte. Mike schluckte seine aufkommende Panik
hinunter und sah zu Vivian, die abwartend dastand und Mike mit ihren
Funkenaugen anblitzte.
»Du
kannst doch schießen, oder?«, fragte der Schießbudenmann, und als Mike nickte,
nahm er ein Karabinergewehr aus dem Regal, lud die erste Kugel aus dem Magazin
und hielt Mike die Waffe hin. Der nahm sie vorsichtig entgegen. Sie sah alt und
abgenutzt aus – wie alles auf diesem Jahrmarkt. Paul stand schon mit seinem
Gewehr im Anschlag da und wartete darauf, dass Mike sich ebenfalls startklar
machte.
»Also
gut, ihr Bürschchen«, verkündete der Schießbudenmann. »Ihr schießt abwechselnd.
Mal sehen, wer der bessere Schütze ist.«
Dann trat
er beiseite und gab die Schussbahn frei.
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