Donnerstag, 1. März 2018

Darf ich vorstellen: Bewegliche Ziele

Kommen wir nun zur siebten Geschichte in "Dunkle Begegnungen". Sie heißt "Bewegliche Ziele" und erzählt ... eine Liebesgeschichte. Tadaaa! Was, ihr glaubt mir nicht? Es geht um Mike und Paul und die hübsche Vivian, und schon im allerersten Absatz erfahrt ihr, wer von den zwei Jungs sich quasi von einer Sekunde auf die andere in das Mädchen verliebt. Wie würdet ihr das denn nennen?

Immer noch nicht überzeugt? Na gut, ihr habt ja recht, es ist wieder eine echte Horrorgeschichte mit einer ganz besonderen Form von Monster, der ihr so bestimmt noch nicht begegnet seid. Aber es ist wahr: Die Geschichte beginnt mit Liebe auf den ersten Blick, die alle weiteren Ereignisse überhaupt erst auslöst.



Worum geht's?

Die Freunde Mike und Paul besuchen den seltsamen Jahrmarkt, der über Nacht erschienen ist und mit seinen heruntergekommenen Buden, alten Fahrgeschäften und komischen Betreibern auf Mike keinen vertrauenerweckenden Eindruck macht. Dann entdecken sie die Schießbude, und Mike entdeckt Vivian. Er verknallt sich in sie und lässt sich auf einen kleinen Schießwettbewerb mit Paul ein. Als der Schießbudenmann sie lobt und ihnen vorschlägt, seine neueste, noch nicht öffentliche Attraktion als erste auszuprobieren, willigt Paul sofort begeistert ein, doch Mike zögert. Er misstraut dem Schießbudenmann. Paul muss ihn erst überreden mitzukommen. Doch als sie sich im Inneren des schwarzen, schmucklosen Containers allein auf sich gestellt wiederfinden, muss Mike erkennen, dass er falsch lag mit seiner Sorge, man könnte ihn hereinlegen – denn es ist in Wahrheit noch viel schlimmer.
Wie die Geschichte entstand
Ich schrieb "Bewegliche Ziele" wieder einmal für eine Anthologie unter dem Bloody-Qindie-Label. Für den dritten Band hatten wir eine - wie ich nach wie vor finde - geniale Idee, die an einem weinseligen Abend während der Leipziger Buchmesse 2017 Gestalt annahm: Wir wollten einen Jahrmarkt ins Zentrum stellen, einen irgendwie unheimlichen, geheimnisvollen Jahrmarkt, der quasi über Nacht vor den Toren einer nicht näher benannten Stadt auftaucht und auf dem seltsame Dinge geschehen. Jeder von uns nahm sich eine Attraktion vor und bastelte seine Geschichte um diese Attraktion herum. Ich bekam die Schießbude. Tatsächlich dauerte es eine Weile, bis mir dazu eine passende Geschichte einfallen wollte, aber als ich die Idee erst einmal hatte, fiel es mir recht leicht, daraus eine richtig böse, blutige und hoffentlich auch gruselige Geschichte zu machen.
Lesepröbchen
Viel mehr will ich darüber auch noch gar nicht verraten. Aber die versprochene kleine Leseprobe sollt ihr natürlich bekommen. Wie erwähnt, fängt "Bewegliche Ziele" ziemlich harmlos, fast schon romantisch an. Aber keine Sorge, das dicke, blutige Ende kommt dann noch. Jetzt aber erst einmal willkommen auf dem Jahrmarkt ...
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Ihr Name war Vivian, und Mike verliebte sich auf der Stelle in sie. Wie sie da an der Seite der Schießbude stand, mit ihrer wilden Lockenmähne, die nackten Beine überkreuzt, die Daumen lässig in die Gürtelschlaufen ihrer abgeschnittenen Jeans eingehakt, eine zartrosa Kaugummiblase vor dem Mund, die größer und größer wurde und die Sommersprossen auf ihrer zierlichen Nase verdeckte. Darüber funkelten ihre Augen. Mike fiel kein anderes Wort ein, auch wenn es kitschig klang. Sie funkelten, als würden sie kleine Blitze verschießen, und jeder einzelne traf Mike direkt ins Herz. Er konnte kaum atmen vor Aufregung.
Zum Glück war er mit Paul hier. Sein Kumpel war nicht so feige, was Mädchen anging. Also hatte Paul sie einfach angesprochen und gefragt, wie sie hieß, und nun fand Mike, dass Vivian der schönste Name der Welt war. Er bereute nicht mehr, Paul zu diesem seltsamen Jahrmarkt begleitet zu haben, der einfach ohne große Vorankündigung aufgetaucht war und die Besucher mit seinen grellen Lichtern, Fahrgeschäften und exotischen Gerüchen anlockte. Der ganze Jahrmarkt war merkwürdig. Die Buden und Attraktionen wirkten altmodisch und ein bisschen schäbig. Die Leute, die hier arbeiteten, sahen auch nicht gerade vertrauenerweckend aus. Manche von ihnen hätten spontan in einem billigen Horrorfilm als Statisten mitspielen können. Mike wollte nicht hier sein, er hatte keine Lust, auch nur einen Cent seines mühsam ersparten Taschengeldes auf diesem runtergekommenen Rummelplatz auszugeben.
Aber dann entdeckte Paul die Schießbude, und Mike entdeckte – Vivian.
Vergessen waren die stechenden Blicke der Schausteller, an deren Buden sie vorbeigegangen waren, ohne etwas zu kaufen. Vergessen auch die kalkweißen Gesichter der Leute, die aus dem Spiegelkabinett stolperten und Mike und Paul zwangen, beiseite zu springen, damit sie nicht über den Haufen gerannt wurden.
»Und wie heißt ihr?«, wollte Vivian nun wissen.
Mike glotzte sie nur weiter an und hatte Mühe, die Frage zu verarbeiten, geschweige denn eine Antwort zu formulieren. Das übernahm wiederum Paul.
Sie lächelte, und Mike stellte verunsichert fest, dass sie dabei ihn anschaute und nicht seinen Kumpel, der sich direkt vor ihr aufgebaut und seinen Arm lässig gegen die Wand der Bude gestützt hatte. Sie kaute weiter unbeeindruckt auf ihrem rosa Kaugummi herum, ließ sich von Paul in ein belangloses Flirtgespräch ziehen, behielt jedoch die ganze Zeit Mike im Blick, der sich darauf beschränkte, aufmerksam zuzuhören.
So erfuhr er, dass Vivian zum Jahrmarkt gehörte. Sie reiste mit den Schaustellern durchs Land. Das wollte Mike gar nicht glauben. Wie passte ein so zauberhaftes Wesen wie Vivian zu diesem zwielichtigen Volk mit seinen abgenutzten Fahrgeschäften und schrottreifen Buden, von denen schon die Farbe abblätterte?
In seinem Bauch rumorte es, und sein Herz stolperte aufgeregt in der Brust vor sich hin. Gerade als er genug Mut zusammengekratzt hatte, um auch einmal etwas zu Vivian zu sagen, mischte sich der Typ ein, der die Schießbude betrieb.
»Hey, ihr Bürschchen, was is'n jetzt: Wollt ihr schießen oder nur quatschen und den Weg versperren? Dann zieht besser weiter, klar?«
Der Schießbudenmann zog missbilligend die Lippe hoch und entblößte seine braunen Zähne, mit denen er einen Zigarrenstummel festhielt. Seine Stimme klang, als würde er jeden Morgen mit Reißzwecken gurgeln. Ein vergilbtes, fleckiges Unterhemd spannte über eine breite Brust. Mit sehnigen, äußerst kräftig wirkenden Armen stützte er sich auf dem Tresen ab, während er die Jungen unter zusammengezogenen buschigen Augenbrauen anstarrte.
Mike zuckte zusammen und trat automatisch einen Schritt zurück. »Entschuldigen Sie bitte …«, stammelte er, doch Paul unterbrach ihn, grinste den Schießbudenmann selbstsicher an und erklärte:
»Na klar wollen wir schießen.« Er zwinkerte Vivian zu. »Welche Trophäe hättest du gern?«
Sie grinste ihn frech an, stieß sich von der Holzwand ab und stolzierte an den Tresen. Sie schaute einen Moment hin und her und zeigte schließlich auf ein riesiges, pinkfarbenes Plüscheinhorn mit glitzernder Mähne in Regenbogenfarben. »Das da!«
Mike schluckte. Das gigantische Kuscheltier schien einer der Hauptgewinne zu sein. Um genug Punkte zu sammeln, würde es nicht einmal reichen, wenn er und Paul ihr gesamtes Geld zusammenlegten und keinen einzigen Fehlschuss produzierten. Vivian zog einen Schmollmund und schenkte Paul einen Augenaufschlag, der Mikes Knie zum Schmelzen brachte.
»Äh«, begann Paul, »ich hatte eher an etwas Kleineres gedacht.« Er wandte sich an den Schießbudenmann. »Wie viele Punkte brauche ich für das fette Einhorn?«
»Fünfzig.«
»Und wie viele Punkte bringt ein Treffer?«
»Einen.«
»Okay … wie viel kosten denn zehn Schuss?«
»Acht.«
Paul stöhnte auf. Vivian sah zu Mike herüber, zwinkerte ihm zu und unterdrückte ein Kichern. Ganz schön gerissen, die Kleine, dachte Mike. Paul schien das nicht zu merken. Stattdessen funkelten nun seine Augen. Sein Ehrgeiz war geweckt. Mike kannte diesen Ausdruck. Vivian hatte ihn bei seiner Ehre gepackt. Bei den Eiern hatte sie ihn, hätte Paul gesagt.
»Mike, wie viel Geld hast du bei dir?«
Mike riss den Blick von Vivian los, durchwühlte seine Hosentaschen und förderte zwei Geldscheine hervor. »Zwanzig Euro. Komm schon, Paul, du willst das doch nicht alles für die Schießbude ausgeben?«
Paul antwortete nicht. Er nahm Mike das Geld ab, bevor dieser protestieren konnte, und legte es mit seinem eigenen auf den Tresen. Der Schießbudenmann sah ihn lauernd an.
»Also gut, das hier sind 35 Euro. Wie viele Schuss bekomme ich dafür?«
Der Schießbudenmann schien im Kopf hin und her zu rechnen. Dann schob er das Geld wieder zu Paul zurück und erklärte: »Du bist hartnäckig, das gefällt mir. Okay, Bürschchen, ich mach' dir einen Vorschlag. Du schießt jetzt zehn Mal auf die Hasen«, er zeigte auf den Kugelfang aus Blech, in dem im immer gleichen Tempo kleine Hasenfiguren vorbeifuhren, »damit ich sehen kann, wie du dich anstellst – dein Freund darf es auch mal versuchen – und wenn es gut für euch läuft, mache ich euch ein Angebot. Dann ist für die Kleine auch das Einhorn drin.«
»Was für ein Angebot?«, fragte Mike zögernd, während Paul schon nickte und nach einem Gewehr griff.
Der Schießbudenmann grinste ihn an, und dank seiner schiefen, verfärbten Zähne erweckte dieser Anblick kein bisschen Vertrauen, sondern löste in Mike schon fast einen Fluchtimpuls aus.
»Wirst du dann sehen, Bürschchen, wirst du sehen«, sagte der Typ und kratzte sich mit seinen schwarzen Fingernägeln an der unrasierten Wange, was ein Geräusch wie von Sandpapier auf Holz verursachte. Mike schluckte seine aufkommende Panik hinunter und sah zu Vivian, die abwartend dastand und Mike mit ihren Funkenaugen anblitzte.
»Du kannst doch schießen, oder?«, fragte der Schießbudenmann, und als Mike nickte, nahm er ein Karabinergewehr aus dem Regal, lud die erste Kugel aus dem Magazin und hielt Mike die Waffe hin. Der nahm sie vorsichtig entgegen. Sie sah alt und abgenutzt aus – wie alles auf diesem Jahrmarkt. Paul stand schon mit seinem Gewehr im Anschlag da und wartete darauf, dass Mike sich ebenfalls startklar machte.
»Also gut, ihr Bürschchen«, verkündete der Schießbudenmann. »Ihr schießt abwechselnd. Mal sehen, wer der bessere Schütze ist.«
Dann trat er beiseite und gab die Schussbahn frei.
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