Mein erster Buchtipp des Jahres ist ein ganz besonderer: Ein postapokalyptischer Roman, geschrieben von einem Schriftstellerehepaar aus Aachen, angesiedelt in dem, was von Deutschland übrig ist, und der wohl erste Roman überhaupt im deutschsprachigen Raum, der in gendergerechter Sprache verfasst wurde (dazu später mehr).
Mad Max aus Deutschland
"Wasteland" erzählt die Geschichte von der Streunerin Laylay, ihrem Vater Azmi und Zeeto, ihrer großen Liebe. In etwa 50 Jahren in der Zukunft existiert die Welt, wie wir sie kennen, nicht mehr. Kriege, Klimakatastrophe, Pandemien und Biokampfstoffe haben sie zerstört. Übrig geblieben sind Ruinenstädte, in die sich niemand mehr traut, weil sie verseucht sind, und verödete Landstriche, in denen sich die Reste der menschlichen Zivilisation einen täglichen Kampf ums Überleben liefern - miteinander und gegeneinander.
Mittendrin kämpfen auch Laylay und Azmi um jeden einzelnen Tag. Mit dem Motorrad befinden sie sich seit Jahren auf Wanderschaft - und auch auf der Flucht, denn Laylay ist anders, und das darf niemand herausfinden ... Zeeto hingegen lebt auf dem sogenannten Handgebunden-Markt, einer Enklave inmitten der Ödnis, geduldet von den marodierenden Banden, wo es alles zu tauschen und zu feilschen gibt, was die Reste der Zivilisation noch hergeben. Da wird aus einem originalverpackten Kondom schnell ein kostbarer Schatz.
Zeeto und Laylay haben sich bei Laylays Besuchen auf dem Markt kennengelernt und ineinander verliebt. Als Zeeto von einem seiner lebensmüden Ausflüge ins Ödland ein Baby mitbringt, das der Schlüssel zu einem tief in den Ödland-Bunkern verborgenen Geheimnis sein könnte, kommen die Dinge dramatisch ins Rollen.
Dystopie? Utopie? Hopepunk!
Judith und Christian Vogt haben nicht einfach nur Elemente aus Mad Max und anderen Vertretern der Postapokalyptischen Fiktion neu kombiniert, sondern mit "Wasteland" einen eigenständigen, spannend erzählten und mit erfrischend authentischen Charakteren bevölkerten Roman geschaffen. Das Buch wird in die Sparte Hopepunk einsortiert, und ich gestehe, ich kannte den Begriff davor gar nicht. Hopepunk ist quasi das Gegenstück zur düsteren, pessimistischen Zukunftsvision. In "Wasteland" ist zwar vieles unwiederbringlich zerstört und verschwunden, doch die Hoffnung lebt weiter. Sie wird zum Beispiel von den Menschen auf dem Handgebunden-Markt getragen, die mit ihrer in alle Richtungen offenen Gesellschaft jeder Person die Freiheit bieten, sich als das Geschlecht zu definieren, als das sie sich fühlt, ob nun weiblich, männlich oder divers, ganz ohne Einschränkungen, Vor- oder Nachteile. Dies ist nur eine Facette, die zeigt: Die Menschheit wird sich weiterentwickeln, allen Widrigkeiten zum Trotz. Ein schöner Gedanke.
Gender... was?
Ja, so hab ich auch zunächst geguckt, als ich das erste Mal bei der Lektüre über das Wörtchen "ser" stolperte. Da hielt ich es noch für einen Tippfehler, bis es im Zusammenhang mit bestimmten Figuren immer wieder im Text auftauchte, auch in deklinierter Form ("sire"). Das ist nämlich das Pronom für diverse Figuren, wie sie von den Vogts völlig beiläufig und ohne großes Aufsehen in die Geschichte "eingestreut" werden. Ich wusste zwar schon vorher, dass der Roman gendergerecht geschrieben wurde, hatte mir aber keine Gedanken über das Wie gemacht und dachte, ich würde schon merken, wenn da irgendwas anders läuft als in den Romanen, die ich sonst so lese.
Auch andere Details wurden vom Autorenduo ganz bewusst genderneutral ausformuliert. Aus Wächtern wurden Wachhabende, aus Motorradfahrern wurden Gangmitglieder, um mal Beispiele zu nennen. Wenn die Person, die über eine Gruppe das Sagen hat, weiblich ist, dann heißt es einfach "die Boss". Auch wenn das erst einmal komisch anmuten mag, kann ich bestätigen, dass es den Lesefluss nicht stört, dass ich mich recht schnell an die diversen Personalpronomen gewöhnt habe und dass mir manche Dinge (wie die "Wachhabenden") gar nicht aufgefallen wären, wenn die Vogts nicht darüber zum Beispiel in diesem Artikel auf TOR Online berichtet hätten.
Fazit
Ich fand "Wasteland" kurzweilig, spannend, unterhaltsam, anregend und auf vielerlei Art faszinierend. Und als Fan von Mad Max gefielen mir gewisse Szenen, die wie Reminiszenzen wirken (Stichwort "Zwei gehen rauf, einer kommt runter"), besonders gut.
Mögt ihr postapokalyptische Science Fiction? Dann lest unbedingt dieses Buch! Mögt ihr Geschichten mit starken Frauenfiguren (und damit meine ich nicht nur die Protagonistin)? Dann lest unbedingt dieses Buch! Habt ihr Bock, mal ein bisschen neues literarisches Terrain zu betreten, was die bewusste Benutzung gendergerechter Sprache angeht? Dann lest unbedingt dieses Buch!
"Wasteland" ist bei Droemer Knaur erschienen, und ich finde es großartig, dass ein Publikumsverlag wie dieser sich an ein solches literarisches Experiment wagt und es unterstützt.
Definitiv ein gelungenes Experiment, das übrigens nach einer Fortsetzung schreit. Laut und deutlich. Wie sieht's denn damit aus, liebe Familie Vogt?
Ich gebe 5 von 5 durchgeknallten WiFi-Predigern!

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