Donnerstag, 22. Februar 2018

Darf ich vorstellen: Redrum kommt nach Hause

Das ist der Titel der ersten Geschichte in meinem neuen Kurzgeschichtenband "Dunkle Begegnungen". Mit dieser Geschichte beginne ich ab heute die Vorstellung der einzelnen Beiträge im Buch, werde ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, wie diese Geschichten entstanden sind, und zeige euch den einen oder anderen Textschnipsel.

Worum geht es?

Frank sammelt seltene Bücher. Ein besonderes Exemplar will er bei Erwin Trabel abholen, der in einem heruntergekommenen Plattenbau in Frankfurt-Sossenheim wohnt. Den stinkenden Fahrstuhl teilt er sich mit einem Typen, dessen Gesicht unter seiner Kapuze verborgen bleibt. Als ein Stromausfall die Fahrt in den fünften Stock unterbricht und die zwei Männer im Dunkeln festsitzen, dauert es nicht lange, bis Frank es bitter bereut, nicht die Treppe genommen zu haben.

Wie die Geschichte entstand

Das war im Jahr 2013. Ich hatte einen Wettbewerb bei neobooks entdeckt. Der Titel lautete "Wenn es dunkel wird", gesucht wurden Kurzthriller. Was mich besonders reizte, war die Ansage, dass die Jury wirklich jeden Beitrag lesen würde. In dieser Jury saß auch ein gewisser Sebastian Fitzek, ein echter Bestsellerautor, der einen erfolgreichen Thriller nach dem anderen raushaute. Ich gebe zu, ich lese Fitzek nicht, bin kein Fan, aber ein Feedback von Fitzek persönlich zu meiner Schreibe - das hätte ich schon gern gehabt. Also fing ich an, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Zu diesem Zeitpunkt gab es schon etliche Beiträge zum Wettbewerb, und ich ging die der Reihe nach durch, um herauszufinden, worüber die anderen so schrieben und ob meine Idee von einer Szene, die nur in einem steckengebliebenen Fahrstuhl spielen sollte, in irgendeiner ähnlichen Form schon vorkam. Schnell merkte ich: Es kehrten bestimmte Szenen und Themen wieder. Oft wachten die Protagonisten irgendwo im Dunkeln auf, ohne zu wissen, wie sie da hingekommen waren. Oder sie träumten etwas Schreckliches, wurden wach und durchlebten das Geträumte real. Oder sie waren nachts allein unterwegs und wurden verfolgt. Also wusste ich, meine Geschichte würde sich zumindest thematisch abheben.

Ich schaffte es, an einem einzigen Abend aus der Idee einen Plot zu stricken und aus dem Plot einen fertigen Kurzthriller. Irgendwann nach Mitternacht war die Geschichte fertig, zwei Tage später fertig überarbeitet und hochgeladen. Und was soll ich sagen: Mein Beitrag wurde von der Jury zum besten gekürt - ich gewann den Wettbewerb! Belohnt wurde ich mit der Veröffentlichung in einer Anthologie zusammen mit neun weiteren Geschichten, mit einer Einladung zur großen Knaur-Messeparty und einem tollen Autorenseminar bei der Textmanufaktur in München. Und natürlich bekam ich das persönliche Feedback von Sebastian Fitzek, das ich gerne noch einmal zitiere:

Meisterhaft klaustrophobische Psycho-Spannung vom ersten Satz an. Mit feinem Sprachgefühl verwandelt Jana Oltersdorff eine alltägliche Situation in einen grauenhaften Albtraum und schafft einen ausgezeichneten Kurzthriller, den man einfach auszeichnen muss. Herzlichen Glückwunsch! Klaustrophobische Psycho-Spannung auf höchstem Niveau!

Geht runter wie Öl ...

Tja, die Anthologie mit dem Titel "Hüte Dich!" scheint sich selbst zum Ladenhüter entwickelt zu haben. Sie erschien lediglich als E-Book, und vom Verlag wurde so gut wie keine Werbung dafür gemacht. Deshalb haben diese Geschichte wahrscheinlich nur die Leute gelesen, die damals bei neobooks aktiv waren. Höchste Zeit also, meinem "Redrum" die Bühne zu bieten, die er verdient - als Eröffnungsgeschichte meines Kurzgeschichtenbands "Dunkle Begegnungen". Die Geschichte macht dem Titel meines Buches alle Ehre, denn eine solche dunkle Begegnung wie die in jenem Fahrstuhl wünscht man wohl nicht mal seinem ärgsten Feind.

Lesepröbchen

Hatte ich euch ja versprochen. Hier also die ersten Zeilen aus "Redrum kommt nach Hause" - viel Spaß!

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Aus der Nähe machte das Gebäude auch keinen besseren Eindruck. Kalt, grau, heruntergekommen. Es stank nach Altmännerpisse. Die Wände waren mit obszönen Graffitis und Sprüchen beschmiert. Wer sich über die unsäglichen Plattenbauten im Osten aufregte, der sollte mal einen Abstecher nach Frankfurt-Sossenheim machen. Auch westdeutsche Architekten wussten, wie man hässliche Wohnhäuser baute.
Frank wischte sich angewidert die Hand an seiner Jacke ab, nachdem er den Klingelknopf von Erwin Trabel gedrückt hatte. Eine krächzende Stimme meldete sich.
»Fünfter Stock. Die zweite Tür links«, war alles, was Frank zu hören bekam, bevor der Summer der Haustür ertönte. Trabel schien es eilig zu haben. Frank versuchte, die vor Dreck starrende Haustür aufzustoßen, indem er den Türgriff nur mit seinem Ellenbogen herunterdrückte.
Im Halbdunkel der spärlich beleuchteten Eingangshalle blieb er stehen und blickte sich um. Hier drinnen sah es auch nicht einladender aus. Der Uringestank war noch intensiver. An der Wand hingen Suchanzeigen für gestohlene Fahrräder und entlaufene Hauskatzen. Keine einzige der zum Mitnehmen vorbereiteten Telefonnummern war abgerissen worden. Nette Nachbarschaft, dachte Frank und suchte nach dem Fahrstuhl.
Sein Blick glitt über Unrat, der sich in den Ecken gesammelt hatte. Leere Pappbecher, Schokoriegel-papier, alte Zeitungen. Eine aktuelle Ausgabe der Offenbach-Post war auch dabei. Frank hatte sie in der S-Bahn gelesen und kannte bereits die Schlagzeile, die ihm in Großbuchstaben entgegensprang.
»Unheimlicher Redrum-Killer schlägt erneut zu«, stand da zu lesen.
Unheimlich war daran vor allem, wie sich die Sprache seiner Lieblingstageszeitung plötzlich an den reißerischen Schlagzeilen gewisser anderer Tagesblätter orientierte und deren Stil nacheiferte.
Dennoch. Redrum. Das hatte Frankfurt noch nicht erlebt. Ein Serienkiller, der an den Tatorten stets dieses Wort hinterließ. Wie eine geheime Botschaft. Frank kannte das Wort gut. Ein bizarrer Zufall wollte es, dass das Buch, aus dem dieses Wort stammte, der Grund war, weshalb er sich in diesem widerlichen Plattenbau befand. Er schüttelte die aufkommende Gänsehaut ab, die seine Arme überziehen wollte.
Der Fahrstuhl befand sich hinter einer Ecke. Frank drückte den Rufknopf und wartete. Eine Weile tat sich überhaupt nichts.
Plötzlich fiel die Haustür scheppernd ins Schloss. Das Geräusch ließ ihn zusammenzucken. Eine alte Frau schlurfte an ihm vorbei zur Tür, die ins Treppenhaus führte. Sie warf ihm einen kurzen, prüfenden Blick zu. Frank versuchte ein freundliches Kopfnicken, das die Alte lediglich mit einem verächtlichen Schnauben erwiderte.
»Auf den können Sie lange warten«, sagte sie. »Kein Verlass auf die Dinger. Treppe geht schneller.«
Sie verschwand im Treppenhaus. Frank seufzte. Vielleicht hatte sie recht, und er sollte auch zu Fuß gehen. Fünf Stockwerke waren doch nicht viel. Allerdings hatte Franks Körper schon einmal bessere Zeiten erlebt. In den letzten Jahren hatte er so gut wie keinen Sport getrieben und sich von Dingen ernährt, die vor allem aus Fett und Zucker bestanden. Allein der Gedanke an die Anstrengung trieb ihm den Schweiß auf die Stirn.
Seine Zweifel wurden durch einen hellen kurzen Klingelton beseitigt, der den Fahrstuhl ankündigte. Die Türen öffneten sich unendlich langsam. Eine weitere unangenehme Duftwolke strömte Frank entgegen. Er betrat die schmale Kabine; dabei versuchte er, möglichst flach durch den Mund zu atmen. Hoffentlich lohnt sich der ganze Aufwand, dachte er genervt.
Gerade als er den Knopf für die fünfte Etage gedrückt hatte, tauchte ein weiterer Fahrgast auf und schob sich an ihm vorbei in die Kabine. Der Mann überragte Frank um fast einen Kopf. Sein Gesicht hatte er unter einer Kapuze verborgen, die Hände tief in den Taschen vergraben. Frank sah den Mann fragend an. Der machte keine Anstalten, ein Stockwerk auszuwählen.
»Wollen Sie auch in den fünften?«, fragte Frank. Kapuze nickte stumm.
Die Türen schlossen sich fast noch langsamer, als sie sich geöffnet hatten. Ächzend setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung. Nach einer endlos scheinenden Zeit sprang die Stockwerkanzeige vom E auf die 1.
Frank lehnte sich an die Wand; plötzlich fiel ihm ein, wie dreckig hier alles war, und er stellte sich stattdessen in die Mitte der Kabine. Von dort starrte er auf die Anzeige, als könnte er die Fahrt dadurch beschleunigen. Er fragte sich, ob vielleicht irgendwo im Keller ein alter Mann auf einem aufgebockten Fahrrad saß, mit dem diese Konstruktion zum Laufen gebracht wurde. Das hätte die extreme Lahmarschigkeit des Fahrstuhls erklärt.
Kapuze stand hinter Frank und fixierte ihn. Frank spürte fast körperlich, wie Kapuze mit seinen Blicken Löcher in Franks Rücken bohrte. Komischer Typ. Wen der wohl besuchen wollte? Wahrscheinlich wohnte er hier. Die Hälfte der Bewohner musste aus solchen kaputten Typen wie Kapuze bestehen. Ob Erwin Trabel auch so ein Wrack war?

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