Die zweite Geschichte in "Dunkle Begegnungen" entführt euch in die virtuelle Welt, in der alles möglich ist, wo aber der Schein trügt und so manche Bedrohung zur ganz realen Gefahr wird.
Worum geht's?
Meine Protagonistin Marie ist unzufrieden mit ihrem Leben und projiziert ihren Frust am liebsten auf die attraktive, arrogante Nachbarin Sibylle. Um dem grauen Alltag zu entfliehen, führt sie ein virtuelles Leben in der Onlinewelt Beyond Reality, in der sie alles sein kann, was sie will, nämlich wunderschön, beliebt und cool. Bei einer Party in dieser Welt trifft sie auf einen außergewöhnlichen Spieler, der von sich behauptet, ein Dämon zu sein. Marie lässt sich auf ein gefährliches Spiel mit fatalen Folgen ein.
Wie die Geschichte entstand
Die erste Fassung von "Blind Date" entstand 2012 für einen Wettbewerb auf Bookrix. Ich glaube, das Motto dieses Wettbewerbs lautete "Der Tod wartet im Netz" oder etwas in der Art. Da ich zu jener Zeit noch recht intensiv in der tatsächlich existierenden virtuellen Welt von Second Life unterwegs war, wusste ich schnell, dass meine Geschichte auch in so einer Welt spielen würde. Nur konnte ich sie aus markenrechtlichen Gründen nicht so nennen, weshalb ich mir den Namen Beyond Reality ausdachte. Wer Second Life kennt, wird allerdings bei der Lektüre meiner Geschichte problemlos Parallelen und Ähnlichkeiten entdecken.
Kurz zuvor hatte ich eine andere Geschichte, nämlich "Willkommen in Crystal Creek", bei einer Ausschreibung unterbringen können. Noch bevor die Anthologie erschien, trennten sich der Herausgeber und Verlag. Der Herausgeber, niemand Geringeres als Constantin Dupien, Schöpfer der Kultreihe "Mängelexemplare", wollte die Anthologie nun allein bzw. mit einem anderen Verlag herausbringen. Um rechtlichen Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen, schlug Constantin mir vor, die Crystal-Creek-Geschichte gegen "Blind Date" auszutauschen, denn auch diese Geschichte fand er Klasse und passend für seine Anthologie. So kam also "Blind Date" zur Veröffentlichung im allerersten Band der "Mängelexemplare", und "Willkommen in Crystal Creek" erschien stattdessen in meiner eigenen Kurzgeschichtensammlung "Zwischenstopp - Dunkle Geschichten".
Lesepröbchen
Natürlich könnt ihr an dieser Stelle auch in "Blind Date" schon einmal reinlesen. Ich habe die Szene ausgewählt, in der Marie den Dämon zum ersten Mal trifft. Viel Spaß dabei!
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Die
Location entpuppte sich als geschmackvoller Club, der mit seinen
Neonverzierungen an den Film Tron erinnerte. Maries Avatar war nicht der
erste Gast auf der Party. Über den auf der Tanzfläche herumwackelnden Figuren
leuchteten die Namen, welche die anderen User ihren Avataren gegeben hatten.
Die meisten von ihnen kannte Marie, und ein paar begrüßten sie gutgelaunt im
öffentlichen Chat, den jeder Anwesende mitverfolgen konnte. Sie genoss die
Aufmerksamkeit und die Komplimente für ihr heutiges Aussehen. Mit dem
Mauszeiger klickte sie auf den Discoball, der unter der Decke schwebte. Er
enthielt Animationen – kleine Programme, die dafür sorgten, dass ihr Avatar
sich zu den anderen auf der Tanzfläche gesellte und akrobatisch-rhythmische Verrenkungen
vollführte, die im wahren Leben wohl kein einziger der hier eingeloggten User
zustande bringen würde.
Marie
ließ Sibylle Fairyland das Tanzbein schwingen, lehnte sich zufrieden zurück und
nahm einen Schluck Cola. Ja, hier fühlte sie sich zu Hause. Ein Geräusch aus
dem Treppenhaus holte sie jäh zurück in die Wirklichkeit. Die Kemper stöckelte
gerade wieder auf ihren High Heels nach unten. Kurz darauf hörte Marie das
Aufheulen eines Motors und quietschende Reifen, als wahrscheinlich Sibylle
Kempers Begleiter besonders schwungvoll in die Partynacht startete, um bei ihr
Eindruck zu schinden.
Marie
verdrehte unwillig die Augen. Sie beugte sich vor und konzentrierte sich wieder
ganz auf ihre eigene Party drüben im virtuellen ‚Lalaland‘. Da fiel er ihr auf.
Am Eingang stand ein sonderbar aussehender Avatar, der seinen Körper ständig
hin und her drehte, als würde sein Besitzer sich aufmerksam umschauen. Marie
zoomte näher heran und betrachtete ihn von oben bis unten. Ziemlich
beeindruckende Erscheinung. In Beyond Reality war es nicht unüblich,
dass die User sich lieber als Tier, Elfe, Drache oder sonstiges Fabelwesen
präsentierten. Sie trugen spitze Ohren, Flügel oder Hörner zur Schau, hatten
Vampirzähne oder blaue Haut wie die außerirdischen Naturvölker aus diesem Science-Fiction-Film.
An solchen Verrückten verdienten viele 3D-Designer eine Menge Geld, indem sie
immer neue Fantasy-Charaktere gestalteten und diese auf Online-Marktplätzen für
Beyond Reality verkauften.
Aber
einen Typen wie diesen hier hatte Marie noch nie zuvor gesehen. Er sah einfach
unglaublich aus. Seine Haut war von Kopf bis Fuß rot. Er trug keine Kleidung,
abgesehen von einer Art Lendenschurz. Sein muskelbepackter Körper stand auf
Hufen mit nach hinten geknickten Beinen. Seine Hände waren krallenbewehrte
Klauen. Auf seinem kahlen Schädel thronten zwei gedrehte Hörner, die in
metallbeschlagenen Dornen endeten. Seine kleinen Ohren liefen spitz zu und
standen etwas ab. Aus seinem Maul ragten zwei Hauer, und zwischen den
messerscharf aussehenden Zähnen blitzte immer wieder eine gespaltene schwarze
Zunge hervor.
Marie
steuerte die Ansicht um den Fremden herum, so dass sie auch die Doppelreihe von
scharfkantigen Knochenplatten sehen konnte, die entlang seiner Wirbelsäule aus
seinem Rücken stachen. Am Steißbein saß außerdem ein Schwanz mit einem
skorpionartigen Stachel am Ende, der permanent hin und her peitschte. Völlig
hingerissen, bestaunte Marie minutenlang jedes Detail der geheimnisvollen
fremden Gestalt.
Sie
klickte auf eines der Hörner, um den Hersteller dieses außergewöhnlichen
Avatars festzustellen, doch das Menü mit den gewünschten Infos ließ sich nicht
öffnen.
Auch der
Name des Unbekannten – dargestellt in fremdartigen Symbolen, die Marie an eine
Mischung aus ägyptischen Hieroglyphen und arabischen Schriftzeichen denken
ließen – war so eine merkwürdige Sache. Dass man seinen Avatarnamen in einer
anderen Schriftart darstellen konnte, wusste Marie bisher nicht, und es weckte
ihre Neugier. Heute Abend würde sie mit einem Dämon flirten. Marie schickte
eine kurze Nachricht an Marcel, den Gastgeber der Veranstaltung. Sie wollte von
ihm wissen, ob er den Neuankömmling kannte, denn eigentlich sollte die
Einweihungs-party nur für geladene Gäste sein. Doch Marcel war anscheinend zu
beschäftigt, um zu antworten. Sie beschloss, in die Offensive zu gehen, klickte
den Dämonenavatar an, und das Fenster für den privaten Chat öffnete sich.
»Was bist
du denn für einer?«, schrieb sie und fügte ein Smiley-Symbol hinzu. Der Fremde
schien sofort zu wissen, von wem diese Nachricht kam, denn er richtete seine
rot glühenden Augen auf die immer noch tanzende Sibylle Fairyland.
»Ich bin
der, den du siehst«, kam als Antwort.
Na
wundervoll, dachte Marie sarkastisch. Einer, der sich in dieser Welt komplett
verloren hat. Solche Süchtigen traf man immer wieder, und meist machte Marie einen
großen Bogen um sie. Sie erinnerten sie viel zu sehr an ihr eigenes zwanghaftes
Verhalten. Doch heute war sie in der richtigen Stimmung für so einen Typen.
»Ich sehe
eine Art Dämon«, tippte sie und wartete.
Die
Antwort kam prompt: »Dann siehst du das, was ich bin.«
Das
versprach, noch lustig zu werden.
Na? Weiterlesen? Gerne doch! Zum Taschenbuch geht es hier entlang, hier findet ihr das E-Book.

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