Freitag, 23. Februar 2018

Darf ich vorstellen: Blind Date

Die zweite Geschichte in "Dunkle Begegnungen" entführt euch in die virtuelle Welt, in der alles möglich ist, wo aber der Schein trügt und so manche Bedrohung zur ganz realen Gefahr wird.

Worum geht's?

Meine Protagonistin Marie ist unzufrieden mit ihrem Leben und projiziert ihren Frust am liebsten auf die attraktive, arrogante Nachbarin Sibylle. Um dem grauen Alltag zu entfliehen, führt sie ein virtuelles Leben in der Onlinewelt Beyond Reality, in der sie alles sein kann, was sie will, nämlich wunderschön, beliebt und cool. Bei einer Party in dieser Welt trifft sie auf einen außergewöhnlichen Spieler, der von sich behauptet, ein Dämon zu sein. Marie lässt sich auf ein gefährliches Spiel mit fatalen Folgen ein.

Wie die Geschichte entstand

Die erste Fassung von "Blind Date" entstand 2012 für einen Wettbewerb auf Bookrix. Ich glaube, das Motto dieses Wettbewerbs lautete "Der Tod wartet im Netz" oder etwas in der Art. Da ich zu jener Zeit noch recht intensiv in der tatsächlich existierenden virtuellen Welt von Second Life unterwegs war, wusste ich schnell, dass meine Geschichte auch in so einer Welt spielen würde. Nur konnte ich sie aus markenrechtlichen Gründen nicht so nennen, weshalb ich mir den Namen Beyond Reality ausdachte. Wer Second Life kennt, wird allerdings bei der Lektüre meiner Geschichte problemlos Parallelen und Ähnlichkeiten entdecken.

Kurz zuvor hatte ich eine andere Geschichte, nämlich "Willkommen in Crystal Creek", bei einer Ausschreibung unterbringen können. Noch bevor die Anthologie erschien, trennten sich der Herausgeber und Verlag. Der Herausgeber, niemand Geringeres als Constantin Dupien, Schöpfer der Kultreihe "Mängelexemplare", wollte die Anthologie nun allein bzw. mit einem anderen Verlag herausbringen. Um rechtlichen Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen, schlug Constantin mir vor, die Crystal-Creek-Geschichte gegen "Blind Date" auszutauschen, denn auch diese Geschichte fand er Klasse und passend für seine Anthologie. So kam also "Blind Date" zur Veröffentlichung im allerersten Band der "Mängelexemplare", und "Willkommen in Crystal Creek" erschien stattdessen in meiner eigenen Kurzgeschichtensammlung "Zwischenstopp - Dunkle Geschichten".

Lesepröbchen

Natürlich könnt ihr an dieser Stelle auch in "Blind Date" schon einmal reinlesen. Ich habe die Szene ausgewählt, in der Marie den Dämon zum ersten Mal trifft. Viel Spaß dabei!

**********************************

Die Location entpuppte sich als geschmackvoller Club, der mit seinen Neonverzierungen an den Film Tron erinnerte. Maries Avatar war nicht der erste Gast auf der Party. Über den auf der Tanzfläche herumwackelnden Figuren leuchteten die Namen, welche die anderen User ihren Avataren gegeben hatten. Die meisten von ihnen kannte Marie, und ein paar begrüßten sie gutgelaunt im öffentlichen Chat, den jeder Anwesende mitverfolgen konnte. Sie genoss die Aufmerksamkeit und die Komplimente für ihr heutiges Aussehen. Mit dem Mauszeiger klickte sie auf den Discoball, der unter der Decke schwebte. Er enthielt Animationen – kleine Programme, die dafür sorgten, dass ihr Avatar sich zu den anderen auf der Tanzfläche gesellte und akrobatisch-rhythmische Verrenkungen vollführte, die im wahren Leben wohl kein einziger der hier eingeloggten User zustande bringen würde.
Marie ließ Sibylle Fairyland das Tanzbein schwingen, lehnte sich zufrieden zurück und nahm einen Schluck Cola. Ja, hier fühlte sie sich zu Hause. Ein Geräusch aus dem Treppenhaus holte sie jäh zurück in die Wirklichkeit. Die Kemper stöckelte gerade wieder auf ihren High Heels nach unten. Kurz darauf hörte Marie das Aufheulen eines Motors und quietschende Reifen, als wahrscheinlich Sibylle Kempers Begleiter besonders schwungvoll in die Partynacht startete, um bei ihr Eindruck zu schinden.
Marie verdrehte unwillig die Augen. Sie beugte sich vor und konzentrierte sich wieder ganz auf ihre eigene Party drüben im virtuellen ‚Lalaland‘. Da fiel er ihr auf. Am Eingang stand ein sonderbar aussehender Avatar, der seinen Körper ständig hin und her drehte, als würde sein Besitzer sich aufmerksam umschauen. Marie zoomte näher heran und betrachtete ihn von oben bis unten. Ziemlich beeindruckende Erscheinung. In Beyond Reality war es nicht unüblich, dass die User sich lieber als Tier, Elfe, Drache oder sonstiges Fabelwesen präsentierten. Sie trugen spitze Ohren, Flügel oder Hörner zur Schau, hatten Vampirzähne oder blaue Haut wie die außerirdischen Naturvölker aus diesem Science-Fiction-Film. An solchen Verrückten verdienten viele 3D-Designer eine Menge Geld, indem sie immer neue Fantasy-Charaktere gestalteten und diese auf Online-Marktplätzen für Beyond Reality verkauften.
Aber einen Typen wie diesen hier hatte Marie noch nie zuvor gesehen. Er sah einfach unglaublich aus. Seine Haut war von Kopf bis Fuß rot. Er trug keine Kleidung, abgesehen von einer Art Lendenschurz. Sein muskelbepackter Körper stand auf Hufen mit nach hinten geknickten Beinen. Seine Hände waren krallenbewehrte Klauen. Auf seinem kahlen Schädel thronten zwei gedrehte Hörner, die in metallbeschlagenen Dornen endeten. Seine kleinen Ohren liefen spitz zu und standen etwas ab. Aus seinem Maul ragten zwei Hauer, und zwischen den messerscharf aussehenden Zähnen blitzte immer wieder eine gespaltene schwarze Zunge hervor.
Marie steuerte die Ansicht um den Fremden herum, so dass sie auch die Doppelreihe von scharfkantigen Knochenplatten sehen konnte, die entlang seiner Wirbelsäule aus seinem Rücken stachen. Am Steißbein saß außerdem ein Schwanz mit einem skorpionartigen Stachel am Ende, der permanent hin und her peitschte. Völlig hingerissen, bestaunte Marie minutenlang jedes Detail der geheimnisvollen fremden Gestalt.
Sie klickte auf eines der Hörner, um den Hersteller dieses außergewöhnlichen Avatars festzustellen, doch das Menü mit den gewünschten Infos ließ sich nicht öffnen.
Auch der Name des Unbekannten – dargestellt in fremdartigen Symbolen, die Marie an eine Mischung aus ägyptischen Hieroglyphen und arabischen Schriftzeichen denken ließen – war so eine merkwürdige Sache. Dass man seinen Avatarnamen in einer anderen Schriftart darstellen konnte, wusste Marie bisher nicht, und es weckte ihre Neugier. Heute Abend würde sie mit einem Dämon flirten. Marie schickte eine kurze Nachricht an Marcel, den Gastgeber der Veranstaltung. Sie wollte von ihm wissen, ob er den Neuankömmling kannte, denn eigentlich sollte die Einweihungs-party nur für geladene Gäste sein. Doch Marcel war anscheinend zu beschäftigt, um zu antworten. Sie beschloss, in die Offensive zu gehen, klickte den Dämonenavatar an, und das Fenster für den privaten Chat öffnete sich.
»Was bist du denn für einer?«, schrieb sie und fügte ein Smiley-Symbol hinzu. Der Fremde schien sofort zu wissen, von wem diese Nachricht kam, denn er richtete seine rot glühenden Augen auf die immer noch tanzende Sibylle Fairyland.
»Ich bin der, den du siehst«, kam als Antwort.
Na wundervoll, dachte Marie sarkastisch. Einer, der sich in dieser Welt komplett verloren hat. Solche Süchtigen traf man immer wieder, und meist machte Marie einen großen Bogen um sie. Sie erinnerten sie viel zu sehr an ihr eigenes zwanghaftes Verhalten. Doch heute war sie in der richtigen Stimmung für so einen Typen.
»Ich sehe eine Art Dämon«, tippte sie und wartete.
Die Antwort kam prompt: »Dann siehst du das, was ich bin.«
Das versprach, noch lustig zu werden.
********************************

Keine Kommentare: