Freitag, 2. März 2018

Darf ich vorstellen: Die Sache mit dem Einhorn

So, jetzt kommt eine ganz besondere Geschichte. Der achte Beitrag in "Dunkle Begegnungen" hat es in sich. Das Verrückte daran ist: Ich weiß bis heute nicht, ob ich diese Geschichte den Einhorn-Fans empfehlen oder ihnen lieber davon abraten soll, sie zu lesen. Sagen wir so: Niemand muss sich Sorgen um das Einhorn machen - dem Einhorn geht es gut!

Worum geht's?

Die Brüder Steve und Joey Banning kümmern sich um das kleine Hotel Unicorn Inn und hüten ein dunkles Geheimnis. In ihren Wäldern treibt ein echtes Einhorn sein Unwesen. Es ist traumhaft schön und majestätisch, doch man möchte ihm lieber nicht begegnen, denn diese Begegnungen enden für alle Besucher tödlich. Steve und Joey haben ihrer Mutter vor ihrem Tod versprochen, sich weiter um das Einhorn zu kümmern und sein Geheimnis zu bewahren, doch Steve ist müde geworden, und Joey sucht schon nach Möglichkeiten, das böse Einhorn loszuwerden. Er lädt den selbsternannten Großwildjäger Hank ein und begibt sich trotz Steves Warnung auf die Jagd.

Wie die Geschichte entstand

Der Titel entstand aus einer Art Verlegenheit, denn mir wollte, nachdem ich die Story endlich fertig hatte, nichts Passendes, Griffiges einfallen, und im Manuskript wird "Die Sache mit dem Einhorn" tatsächlich auch wortwörtlich erwähnt. Ich hatte die Geschichte für eine Ausschreibung eines kleinen Verlages geschrieben, der Einhorngeschichten suchte, die ... anders waren. Die Einhörner sollten nicht niedlich, pummelig oder harmlos sein. Es sollte nichts mit Kitsch und Puderzucker und tonnenweise Glitzer sein, sondern etwas, das sich problemlos ins Horrorgenre einsortieren lässt. Naja, irgendwie. Das mit der Ausschreibung hat übrigens geklappt, sogar so gut, dass mein Einhorn die Anthologie eröffnen durfte. Leider gibt es den Verlag schon nicht mehr - die Verlagsbranche ist manchmal ganz schön schnelllebig, und so beschloss ich, meiner Geschichte in meinem eigenen Kurzgeschichtenband ein neues Zuhause zu geben.

Ich mochte Einhörner schon immer gern, aber mir gefällt die "klassische" Variante - majestätisch, anmutig, überirdisch schön. Die kleinen dicken Comic-Einhörner mit regenbogenfarbener Mähne, albernen Sprüchen und Glitzer finde ich zwar auch lustig, aber das ist nicht dasselbe. Ich dachte mir also, ich könnte versuchen, meinen Lieblingsfabelwesen den Respekt zu erweisen, den sie verdienen. Naja, und noch einen draufzusetzen. Und so schickte ich die Banning-Brüder in den finstren Wald, in dem ein wunderschönes, aber ziemlich bösartiges Einhorn sein Unwesen trieb. Es hat mir großen Spaß gemacht, diese wunderbare fiese, blutige Geschichte aufzuschreiben, und nun hoffe ich, dass sie euch genauso gut gefällt.

Lesepröbchen

Na los, ihr Lieben, dann mal rein mit euch in den Banning-Forest, das Einhorn wartet schon ...

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Michaels Freude darüber, ein echtes, leibhaftiges Einhorn zu erblicken, währte nicht lange. Sie endete in dem Moment, als ebenjenes Wesen sein namensgebendes Horn in Tinas Brustkorb stieß. Aus ihrem Mund drangen röchelnde Laute der Überraschung, die in schrilles Kreischen übergingen, als das Einhorn seinen Kopf hob und Tina gleich mit. Aufgrund der veränderten Position durchdrang das Horn ihren Körper vollständig und trat aus ihrem Rücken hervor – rot glänzend. Tina stöhnte noch ein letztes Mal auf, lang und qualvoll, bevor ihr Bewusstsein das Weite suchte. Das Einhorn tat ein paar Schritte, trug die aufgespießte junge Frau wie eine stolze Jagdtrophäe vor sich her. Dann schleuderte es seinen Kopf kraftvoll hin und her und warf Tina in hohem Bogen ab. Ihr Körper überschlug sich noch einmal und blieb schließlich still und blutend liegen – direkt vor Michaels Füßen.
Bis zu diesem Augenblick hatte er wie versteinert dagestanden, während die Kamera seines Smartphones weiterlief und alles aufzeichnete. Er hatte mit offenem Mund geglotzt und es nicht geschafft, das, was seine Sinne ihm zeigten, mit dem zu vereinen, was er zu wissen glaubte. Das Einhorn stellte sich auf die Hinterbeine, schlug mit den Vorderläufen kraftvoll aus und ließ einen Schrei ertönen, den Michael einem solchen Wesen niemals zugetraut hätte. Es klang nicht wie das liebliche Wiehern eines filigranen, feengleichen Fabelwesens. Das ging schon eher in die Richtung wütender Löwe oder beißwütiger Velociraptor. Vielleicht eine Mischung aus beiden. Und dieses Geräusch entstammte der Kehle eines Einhorns. Eines echten, lebendigen Einhorns. Es klang wütend, es raste geradezu, und soeben hatte es Michaels Freundin kaltgemacht.
Tina war tot. Seine Freundin war gerade von einem Einhorn umgebracht worden. So absurd der Gedanke sich auch anfühlte, er entsprach, nüchtern und bei Tageslicht betrachtet, voll und ganz den Tatsachen. Weiter kam Michael jedoch in seinen Überlegungen nicht. Auch für Trauer um seinen Verlust blieb kein Raum mehr.
Als das Einhorn sich aufbäumte und mit gesenktem Haupt und nach vorn gerichtetem Horn (von dem noch immer Tinas Blut tropfte) auf Michael zu galoppierte, trat sein Verstand endgültig die Flucht an.
Er bemerkte nicht, wie ihm sein Smartphone aus der Hand fiel. Es landete auf dem weichen Boden der Lichtung, die Kamera hielt genau auf Michael und filmte unermüdlich weiter. Sie zeichnete auf, wie Michaels Blase ihn im Stich ließ und der khakifarbene Stoff seiner Cargohose sich vom Schritt abwärts dunkel färbte. Sie schnitt mit, wie Michael einen letzten kraftlosen Versuch unternahm, dem heranrasenden Killer-Einhorn auszuweichen, doch dafür war es zu spät. Das Horn traf ihn mit voller Wucht in der Bauchdecke, durchdrang mühelos sein T-Shirt, seine Haut- und Fettschichten, bevor es ihn von den Füßen hob und wie einen übergroßen Schaschlik aufspießte. Michaels Todesschreie schnitten durch die schwüle Nachmittagsluft. Weder er noch das Einhorn waren im Fokus der Kamera, aber als das Wesen Michaels Körper ebenso schwungvoll abwarf wie zuvor Tina und er auf den Boden krachte, spritzte das Blut zu allen Seiten, und ein Tropfen landete direkt auf der Linse und färbte das Gras und den Himmel, die nun von der Kamera eingefangen wurden, rot.
Michael hatte weniger Glück als Tina. Er starb nicht sofort an seiner aufgerissenen, durchbohrten Bauchhöhle. Noch eine halbe Stunde lang nahm die Kamera seines Smartphones die blutgetränkte Umgebung und Michaels klägliches, verzweifeltes Winseln auf. Die Geräusche seines Todeskampfes wurden schwächer und schwächer und erstarben fast zeitgleich mit dem Ende der Aufnahme.
 
Es dämmerte bereits, als Steve Banning die Einhornlichtung betrat. Er stellte den Karren ab, den er den ganzen Weg vom Parkplatz bis hierher hinter sich hergezogen hatte, streckte sich und stemmte dabei die Fäuste in den Rücken. Seine Bandscheibe meldete sich schmerzhaft, und es knackte unüberhörbar im Rückgrat.
»Alter, lange mache ich diesen Scheiß nicht mehr mit«, murmelte er und schob das aufgeweichte Stück Kautabak von einer Wange in die andere, bevor er dunkelgefärbten Speichel ausspuckte. Dann verbrachte er einige Minuten damit, schweigend über den Ort zu blicken und alle Eindrücke aufzunehmen.
Als er damit fertig war, kommentierte er es ungerührt mit den Worten: »Was für 'ne Schweinerei!«
Die Melodie von Knight Rider ertönte plötzlich aus seiner Brusttasche. Er fummelte das Telefon heraus und schaute aufs Display. Klar, Joey, wer sonst.
»Hey Bruder«, meldete er sich, »was gibt’s?«
»Stevie, alter Junge, wie lange brauchst du noch?«, kam die Antwort.
»Alter, mal langsam, ich bin gerade erst angekommen«, gab Steve träge zurück. »Bis ich den Saustall beseitigt habe, ist es dunkel wie in einem Affenarsch.«
»So schlimm?«
»Jepp.« Steve bekreuzigte sich, auch wenn er schon lange aufgehört hatte, an den Scheiß zu glauben.
»Oh Mann«, stöhnte Joey am anderen Ende. »Was ist los mit dem Biest? Das wird immer aggressiver.«
Steve hätte seinen kleinen Bruder am liebsten gebeten, ebenfalls herzukommen und ihm bei dieser Drecksarbeit zu helfen, aber so gern Joey den harten Mann spielte, wusste Steve doch ganz genau, dass er ein kleiner Schisser war. Das Einhorn jagte ihm eine Scheißangst ein, und er machte die ganze Sache nur wegen Mom mit. Doch ihre Mutter war inzwischen seit über einem Jahr tot. Klar hatten die Brüder ihr am Sterbebett das Versprechen gegeben, das Unicorn Inn nicht aufzugeben und weiterzuführen mit allen Aufgaben, die dazugehörten. Wirklich allen Aufgaben. Auch dieser hier draußen auf der Lichtung. Steve fragte sich dennoch, wie lange Joey noch mitziehen würde. In letzter Zeit war er nicht mehr so konzentriert bei der Sache und beschäftigte sich mehr mit seiner aberwitzigen Theorie, was Mom betraf, als gut für ihn war. Steve schätzte, dass sie reden mussten.
»Pass bloß auf dich auf, hörst du?«, unterbrachen Joeys Worte Steves Gedanken. Im Hintergrund ertönte die Glocke, die am Eingang zur Rezeption hing. Kundschaft im Laden. »Okay, ich hab‘ zu tun«, erklärte Joey nun.
»Kein Problem, Bruder, bis später!« Steve legte auf und ließ seinen Blick erneut über die Einhornlichtung schweifen, während er das Telefon einsteckte. Das Mistvieh hatte ganze Arbeit geleistet. Das Blut seiner letzten Opfer war weit über die Wiese verteilt. Das würde der nächste Regenguss beseitigen müssen. Mitten auf der Lichtung lag die Lady. Steve erinnerte sich, dass sie ein weißes Oberteil angehabt hatte, als sie am Morgen mit ihrem Mann – Michael, wenn Steve sich richtig erinnerte – das Unicorn Inn verlassen hatte. Jetzt jedenfalls sah es rostrot aus. Die Lady – wie war noch gleich ihr Name, Linda? Lisa? – lag mit verdrehten Gliedmaßen auf dem Rücken. Ihre geöffneten Augen starrten blicklos in den Abendhimmel. Sie war hübsch gewesen, fand Steve. Sie war ganz anders als Rhonda, die kleine Rothaarige, die ihnen im Hotel das Frühstücksbuffet machte und die ihm samstags im Chevy’s für zwei Bier und einen Tequila auf dem Klo einen halbherzigen Blowjob verpasste. Nein, die Lady hier war was Besonderes. Das Blond ihrer Haare hatte nicht so künstlich gewirkt, sie trug kein grelles Makeup, und ihre durchtrainierten Beine hatten in der kurzen Hose ganz schön scharf ausgesehen. Mit den Dingern konnte sie einen Mann bestimmt so fest umklammern, bis er keine Luft mehr bekam.
Aber was auch immer Lisa oder Linda oder – nein, sie hieß Tina, fiel es Steve wieder ein – mit ihrem Körper einem Mann anzutun fähig gewesen sein mochte, sie würde es nie wieder tun können. Und Steve fand das irgendwie traurig.
Die Leiche ihres Mannes Michael lag ein Stück entfernt, ähnlich zugerichtet wie die von der Lady.
Steve seufzte. Es half ja nichts. Sie konnten die Toten hier nicht einfach liegen lassen. Zwar kam durch diese Gegend so gut wie nie jemand durch, weil sie abseits der bekannten Wanderrouten lag, aber wie hatte Mom immer gesagt? Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste! Oder: Ordnung ist das halbe Leben! Wie jedes Mal teilten sich die Banning-Brüder die Aufgabe, alle Spuren zu beseitigen. Joey sorgte im Unicorn Inn dafür, dass sämtliche Habseligkeiten sowie die Autos der Gäste verschwanden, und Steve war hierfür zuständig. Er war der Cleaner. Das klang ziemlich cool. So wurden auch in den ganzen Mafiakrimis die Typen genannt, die nach einem Blutbad kamen und aufräumten, damit die Bullen nichts fanden. Steve liebte diese Filme. Und irgendwann erkannte er, dass auch er ein Cleaner war. Nur arbeiteten er und sein Bruder nicht für die Mafia.

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Okay, dann lassen wir Steve mal in Ruhe aufräumen. Wenn ihr euch bis jetzt noch nicht entsetzt abgewendet hat, dann ist diese Geschichte vielleicht doch etwas für euch, und ihr könnt euch für die Kombination Einhorn + Horror genauso begeistern wie ich. Dann holt euch doch einfach das E-Book oder das Taschenbuch und lest, was das Einhorn noch so anstellt. Viel Spaß dabei!

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