Jahrelang machte ich um Fantasyliteratur einen Bogen. Der letzte Fantasyroman, den ich gelesen habe, war Tolkiens "Herr der Ringe", und das ist verdammt lange her, nämlich noch rechtzeitig, bevor der erste Film dazu in die Kinos kam. Fantasy hatte sich für mich lesetechnisch irgendwie ausgelutscht angefühlt. Ich fand nichts Neues mehr, hatte das Gefühl, alles schon zu kennen, die immer gleiche Geschichte in neuem Gewand. Auch das, was sich in der Fantasy in den letzten Jahren auf dem Buchmarkt etabliert hat, weckte mein Interesse so gar nicht. Also wandte ich mich anderen Genres zu und hatte da keine Langeweile oder das Gefühl, dass etwas fehlt. Bis ich den "Fehler" beging, mir mal die ersten zwei Folgen der Serie "The Shannara Chronicles" auf Amazon Prime anzuschauen.
Magie, Abenteuer und schöne Menschen vor dystopischer Kulisse
Was hatten wir denn da? Kriegerische Elfen, mächtige Druiden, böse Dämonen mit Weltzerstörungsambitionen, hübsche weibliche Heldinnen und einen jungen, ebenfalls adrett anzusehenden, männlichen Helden, der im Lauf der Geschichte erst einmal begreifen muss, was in ihm steckt und dass das Schicksal der Welt von ihm abhängt. Ja, klar, wieder auf den ersten Blick die alte Geschichte der Heldenreise im neuen Gewand. Aber ich weiß auch nicht, irgendwas daran weckte meine alte Liebe zur Fantasy, brachte mich dazu, beide Staffeln am Stück hintereinander anzuschauen und direkt danach gleich noch einmal. Das Dumme an dieser Serie: Sie wurde eingestellt - nach nur zwei Staffeln, und die zweite Staffel endet dann auch noch mit einem kleinen, echt fiesen Cliffhanger. Ob sich da noch etwas hinsichtlich einer dritten Staffel tut, bleibt fraglich. Aber man weiß ja nie.
Angefixt und hängengelassen - und nun?
Ich war im Shannara-Fieber! Ich wollte mehr. Also fing ich an, mich mit Hilfe von Google, YouTube und den sozialen Netzwerken näher mit der Welt von Shannara zu beschäftigen. Inzwischen folge ich einigen der Darsteller und natürlich dem Erfinder, Erfolgsautor Terry Brooks, auf Twitter und Co., habe mir eine Playlist aus dem wundervollen Soundtrack zur Serie gebastelt und bin jetzt Fan von Ruelle, der Künstlerin, von der das eindrucksvolle "Until We Go Down" stammt, mit dem das Intro untermalt ist. Aber natürlich reicht das alles nicht. Ich wusste ja, dass die Serie auf einer Buchreihe basiert. Es war mir also klar: Ich würde wieder Fantasy lesen!
Nun musste ich mich erst einmal orientieren. Auf welchem Buch genau basiert die Serie überhaupt? Wie viele Bücher gibt es? In welcher Reihenfolge liest man die denn? Welches Buch war das erste? Bei der Menge an Shannara-Büchern war das gar nicht so leicht, zumal Terry Brooks verschiedene Zyklen in ganz unterschiedlichen Zeitaltern seiner über mehrere tausend Jahre verlaufenden Saga spielen lässt. Später erschienene Bücher erzählen Geschichten, die lange vor dem zuerst erschienenen "Schwert der Elfen" spielen, andere finden sehr viel später statt. Alles sehr verwirrend.
Los geht's mit der Lektüre - Das Schwert der Elfen
(Warnung: Die nachfolgenden Absätze enthalten Spoiler, sowohl für die Serie als auch die Bücher!)
Ich entschied mich letzten Endes dafür, mit besagtem Schwert-Buch zu beginnen, auch wenn ich inzwischen wusste, dass dieses Buch von vielen Kritikern als "Herr-der-Ringe-Kopie" abgetan wird. Ich kann bestätigen, dass diese Kritiker alle recht haben. Soweit ich weiß, gab Terry Brooks selbst zu, sich zu großen Teilen von Tolkiens Meisterwerk inspiriert haben zu lassen. Ja, es gibt bei Brooks dieselbe Gefährtentruppe aus Elfen, Zwergen, Menschen, Halblingen und einem Zauberer. Der Zauberer ist hier ein Druide namens Allanon, und inzwischen finde ich den weitaus cooler als Gandalf, echt jetzt, sowohl wegen seiner Taten als auch wegen seiner Beschreibung als irgendwie furchteinflößender, ehrfurchtgebietender, wortkarger Typ, mit dem man besser keine Diskussionen anfängt. Die Halblinge heißen hier Shea und Flick Ohmsford. Sie sind eigentlich ganz normale Menschen (okay, Shea ist ein Halbelf), werden aber in der Geschichte gerne als "kleine Talbewohner" beschrieben und geraten als einfache Leute ohne militärische Ausbildung auch nur wider Willen in das Abenteuer ihres Lebens.
Auch hier sind sie auf dem Weg an einen schwer erreichbaren Ort wegen eines Artefaktes. Anders als bei Tolkien besitzen sie dieses Artefakt noch nicht, sondern versuchen, es zu erreichen, bevor ihr Widersacher, der Hexenmeister Brona, es zerstören kann. Hier geht es nicht um einen Ring, sondern um ein Schwert, die einzige wirksame Waffe gegen den Hexenmeister. Und nur Shea kann es führen, weil er ein Nachfahre des untergegangenen Königsgeschlechts Shannara ist, dem dieses Schwert gehört. Die Minen von Moria kommen in abgewandelter Form ebenso vor wie das Auenland (das beschauliche Schattental, Heimat von Shea und Flick), die Schlacht um Helms Klamm und das Heimatland des Bösen - Mordor. Dennoch liest sich das "Schwert von Shannara" kurzweilig, und es kommen einige Figuren vor, die meine Sympathien gewinnen konnten, besonders der einarmige Bandit (kein Wortspiel!) Panamon.
Und weiter geht's - Die Elfensteine
Direkt im Anschluss las ich dann "Die Elfensteine", und hier wurde die Sache für mich spannend. Das Buch ist nicht nur der Nachfolger in der Buchreihe, es bildet zugleich die Grundlage für die erste Staffel der TV-Serie. Wie so oft stimmen literarische Vorlage und Verfilmung nicht 100% überein, nicht einmal zu 50%, wenn ich genauer darüber nachdenke. Was es für mich so verwirrend machte: Ich kannte ja bereits die Verfilmung, und zwar sehr gut, weil mehrfach geschaut. Ich mochte die Figuren Wil Ohmsford, Eretria und Amberle genauso, wie sie dort gezeigt wurden, inklusive ihrer Love-Triangle-Beziehung und ihrer jeweiligen Aufgaben in der Geschichte. Dann las ich das Buch und staunte immer wieder verwirrt und fragte mich: Warum haben die das denn bloß so stark geändert in der Serie?
Wil ist in der Serie der Sohn von Shea Ohmsford, im Buch ist er der Enkelsohn, und Shea lebt noch, wenn er auch nur erwähnt wird und nicht persönlich vorkommt. Eretria steigt mit Wil schon sehr früh ins Bett und begleitet ihn und Amberle von Anfang an auf ihrer Suche nach dem Blutfeuer. Am Ende von Staffel 1 muss sie sich von der Gruppe trennen und wird einem ungewissen Schicksal überlassen - Cliffhanger für Staffel 2. Im Buch trifft Wil wesentlich später auf Eretria, verknallt sich zwar auch irgendwie sofort, weist sie aber zurück. Die beiden haben keinen Sex, küssen sich nicht einmal, da knistert erstmal gar nix. Ihre Wege kreuzen sich mehrfach, bevor Eretria erst kurz vor dem Finale endgültig bei Wil und Amberle bleibt. Sie hat auch keine so entscheidende Aufgabe, wird also nicht als "Kind des Armageddon" eingeführt wie in der Verfilmung, ohne die das Blutfeuer nicht geweckt werden könnte. Im Buch gelingt das Amberle ganz alleine.
Zwischen Amberle und Wil knistert es in der Serie gewaltig, die beiden kommen sich körperlich nahe, gestehen einander ihre Liebe. Wil entscheidet sich also für sie. Im Buch verbinden die beiden auch sehr innige Gefühle, aber von Liebe im Sinne von Liebe zwischen Mann und Frau inklusive Sex und der Vorstellung von einer gemeinsamen Zukunft als Liebespaar kann nicht die Rede sein. Sie sind eher wie Seelenverwandte, beste Freunde, Bruder und Schwester.
Ein Charakter spielt im Buch eine unglaublich wichtige Rolle, kommt in der Serie aber nur einmal vor, hilft kurz und verschwindet wieder: Perk, der junge Elf mit dem Riesenvogel (also Reittier, damit das klar ist). Und ein paar Figuren kommen im Buch überhaupt nicht vor, wurden also anscheinend extra für die Serie erfunden, unter anderem Bandon, der Elf mit seherischen Fähigkeiten, und Catania, Amberles Zofe. Beide Figuren spielen in der zweiten Staffel wichtige Rollen, also denke ich, dass sie aus dramaturgischen Gründen hier bereits eingeführt wurden.
Die zweite Staffel - wer hat sich das ausgedacht?
Überhaupt, die zweite Staffel. Versteht mich nicht falsch: Ich mag diese Staffel auch sehr! Aber ich vermute, dass es dazu gar keine "richtige" Buchvorlage gibt, sondern dass es sich hier eher um ein Potpourri von zusammengestückelten Elementen aus verschiedenen Büchern handelt, die für die Verfilmung miteinander kombiniert wurden. Wils Geschichte endet mit dem Buch "Die Elfensteine". Er bleibt mit Eretria zusammen, sie gründen eine Familie, wobei das im Buch noch nicht erwähnt wird. Das weiß ich nur, weil im Folgeband dann Brin, die Tochter von Wil, die Hauptrolle spielen wird - dieses Buch wird demnächst gelesen. In der Serie geht Wils Geschichte aber weiter. Er ist gebrochen, denn Amberle ist für ihn verloren, und wo Eretria steckt und ob sie noch lebt, weiß er nicht. In Staffel 2 lebt Wil in Storlock, dem Dorf der Heilergnome, wo er sich zum Heiler ausbilden lässt. Es läuft für ihn so lala, bis Merath in sein Leben stolpert. Sie entpuppt sich als Tochter von Allanon, verfügt selbst über erstaunliche magische Kräfte und will, dass Wil sie zu ihrem Vater bringt, der von ihrer Existenz nichts weiß. Weil gleichzeitig aber die Blutjäger, eine Gruppe abtrünniger Elfensoldaten, die sämtliche Magie aus den Vier Landen beseitigen wollen, hinter Wil und Allanon her sind, geraten die Dinge ins Rollen. Obendrein erweckt Bandon, der sich für die dunkle Seite entschieden hat, den totgeglaubten Hexenmeister Brona mittels eines Rituals wieder zum Leben, und was Brona will, wissen wir seit dem "Schwert von Shannara" ja. Wil muss also wieder einmal die Welt retten, ob er das gut findet oder nicht.
Der Reiz der TV-Verfilmung: Mehr Dystopie
Was mir in der Serie übrigens sehr viel besser gefällt als in den Büchern, ist der klare Bezug zu unserer heutigen Welt. Die Vier Lande, in denen die Geschichten spielen, befinden sich nämlich nicht in einer anderen Welt, sondern hier auf der Erde, auf dem Kontinent, den wir als Nordamerika kennen, nur eben in ziemlich ferner Zukunft. Vor tausenden Jahren, ungefähr jetzt, um die Jahrtausendwende herum, wurde unsere Welt, wie wir sie heute kennen, in einem großen nuklearen Weltkrieg zerstört. Diejenigen, die überlebten, bildeten die Grundlage der Rassen, die sich im Laufe der Zeit entwickelten: Menschen, Trolle, Gnome, Zwerge. Und die Elfen? Die waren laut Terry Brooks schon immer da gewesen, hatten sich aber im Verborgenen gehalten, traten erst nach den Großen Kriegen zum Vorschein und entwickelten sich zu einer der herrschenden Rassen.
Dieser Hintergrund ist in Buch und Serie gleich. Aber in der Serie wurde es optisch sehr schön vermittelt. Da reitet Wil an einem mitten im Wald liegenden, völlig überwucherten Flugzeugträger vorbei. Da werden Hinterlassenschaften wie Computertastaturen als Innendekoration verwendet. Amberle und Eretria landen auf ihrer Flucht vor Elfenjägern in einer Highschool-Turnhalle, die wie eine Zeitkapsel die Jahrtausende überdauert hat und noch für den letzten Abschlussball geschmückt ist. Da finden Wil, Amberle und Eretria das Blutfeuer mitten in den Ruinen von San Francisco in einer Kirchenruine, in der Amberle ehrfürchtig eine Marienstatue anstarrt. Diese dystopische Atmosphäre macht für mich den Reiz dieser Serie aus. In den Büchern werden die Hinterlassenschaften der untergegangenen Menschheit nur an ganz wenigen Stellen erwähnt. Ich hoffe, dass diese in späteren Büchern eine stärkere Rolle spielen, das würde mir gefallen.
Wie dem auch sei, ich habe dank Shannara wieder Lust auf Fantasy bekommen und genieße es sehr, mich gedanklich in dieser faszinierenden Welt, die Terry Brooks da geschaffen hat, zu verlieren. Demnächst also werde ich das "Lied der Elfen" lesen und danach bestimmt noch das nächste Buch und das nächste und so weiter.
Wenn ihr jetzt auch Lust habt, in diese faszinierende Welt einzutauchen, dann folgt diesem Link zum ersten Buch oder, wenn ihr lieber gucken mögt, sucht mal danach bei Amazon & Co. Vielleicht seid ihr anschließend ja genauso in Shannara verliebt wie ich!


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