Das schreibende Brüderpaar, das hinter dem Pseudonym T. S. Orgel steckt, ist schon seit einigen Jahren fester und erfolgreicher Bestandteil der deutschsprachigen Phantastik. Bekannt sind sie für ihre epischen Fantasyromane, aber auch für historische Romane und Science Fiction. Sie sind gern gesehene Gäste beim BuCon und bereichern dessen Programm regelmäßig mit ihren launigen Lesungen - wirklich, die solltet ihr euch mal live gönnen, macht Spaß!
Nun habe ich aber tatsächlich noch kein einziges ihrer Bücher gelesen - bis heute, und was ich euch heute vorstellen möchte, fällt schon rein vom Thema total aus dem "typischen" Orgel-Schema. Es handelt sich nämlich um einen Thriller. Einen Biothriller, genauer gesagt.
"Der Skandal" fühlt sich an wie ein Kino-Blockbuster, in dem es um Weltkonzerne, raffinierte Biotechnologie, korrupte mächtige Menschen, clevere Aktivistinnen und eine Bedrohung für die gesamte Menschheit geht. Würde mich wirklich nicht wundern, wenn das demnächst bei Netflix & Co. angekündigt wird. Vor meinem inneren Auge lief jedenfalls die ganze Zeit der Film mit.
Worum geht es?
Da ist dieses supermoderne, coole Unternehmen namens Light Foods. Die haben es geschafft, Fleisch im Labor zu züchten. Für dieses Fleisch müssen keine Tiere sterben, und es unterscheidet sich in Geschmack, Optik und Struktur nicht von echtem Fleisch - im Gegenteil: es schmeckt noch besser. Zu schön, um wahr zu sein? Firmenchef Dan Light ist von seiner Vision und seiner Firma absolut überzeugt. Das Geschäft brummt, die ganze Welt ist verrückt nach seinen Produkten. Doch dann tauchen Gerüchte auf, dass Light Foods etwas mit den immer häufiger auftretenden Fällen einer tödlichen Krankheit namens TASE zu tun hat. Als eine Gruppe von Aktivisten, die ebenfalls diesem Verdacht nachgehen, mit einer Aktion für die nötige Aufmerksamkeit sorgen, eskaliert die Situation, und plötzlich stehen nicht nur die Aktivisten im Fokus, sondern Dan Light selbst gerät unter Verdacht und riskiert, alles zu verlieren.
Mein Eindruck
Ich bin ganz angetan von diesem Thriller. Er spielt in Deutschland - Berlin, Müritz, die Mecklenburger Seenplatte, das Brandenburger Havelland sind die Schauplätze. Die vielen technischen Details sind leicht verständlich in die Handlung eingebaut. Es werden immer mal falsche Fährten ausgelegt und mehr oder weniger überraschende Wendepunkte eingebaut. Ich mochte die kleinen Seitenhiebe hier und da auf gewisse in der realen Welt existierende Milliardäre, die zufällig auch im Brandenburger Land Standorte für ihre zukunftsorientierten Technologien betreiben. Mir hat es auch Spaß gemacht mitzuraten, welche Figur ein falsches Spiel spielt und wer sich am Ende als gar nicht so großes Arschloch herausstellt, wie ich das als Leserin zunächst annehmen sollte.
Wer Thriller mag, in denen es um die Tücken der Technologie geht, wird hier fündig. Rasant, unterhaltsam und hochaktuell verpackt erzählen uns die Orgels eine spannende Geschichte, deren reale Hintergründe gar nicht mehr so Science Fiction sind, sondern möglicherweise schon bald bestimmender Teil unserer Welt sein könnten.
Von mir gibt es 4, 5 von 5 kontaminierten Nährlösungstanks.
Ihr findet das Buch "Der Skandal" überall im Buchhandel und allen einschlägig bekannten Online-Shops.
Ich merke gerade, dass mein letzter Buchtipp hier auf dem Blog ebenfalls ein Titel von Stephen King war. Aber egal, ich habe die Lektüre von "Fairy Tale" so sehr genossen, ich muss euch dieses Buch einfach unbedingt vorstellen - und wärmstens empfehlen.
Allen, die mit dem Namen Stephen King finsteren Horror à la "Friedhof der Kuscheltiere" oder "ES" verbinden, sei gesagt: Der Mann schreibt auch in ganz anderen Genres, und zwar verdammt gut. "Fairy Tale" ist eine astreine Fantasy-Geschichte, die aber die unverkennbare Handschrift des King of Horror trägt.
Dabei ist es nicht einmal sein erster Fantasy-Roman, allerdings der erste seit einer langen Zeit.
Worum geht es?
Wir lernen zunächst den 17-jährigen Charlie Reade kennen, einen auf den ersten Blick typisch amerikanischen Teenager, der in einer typisch amerikanischen Kleinstadt in eine typisch amerikanische High School geht, wo er unter anderem im Schulteam die wirklich super-typisch amerikanische Sportart Baseball trainiert. Aber unter seiner äußeren Erscheinung verbirgt sich eine verletzte Seele: Charlie verlor seine Mutter früh durch einen schlimmen Unfall, der Vater entwickelte eine schwere Alkoholsucht, aus der er es jahrelang nicht herausschaffte, Charlies Kindheit verlief alles andere als unbeschert. Dennoch ist er der nette, hilfsbereite junge Mann geworden, der eines Tages dem griesgrämigen, eigenbrötlerischen Howard Bowditch zur Hilfe eilt, als der sich bei einem Sturz schwere Knochenbrüche zuzieht. Vor allem über die alte Hundedame Radar findet Charlie einen Zugang zu dem Mann, der seit Ewigkeiten allein in seinem Haus lebt und nun zum ersten Mal auf fremde Hilfe angewiesen ist. Die soll Charlie ihm leisten, denn er ist der einzige, dem Mr. Bowditch halbwegs vertraut. Der Alte hütet auf seinem Grundstück nämlich nicht nur einen gewaltigen Goldschatz, sondern auch den Zugang zu einer fremden Welt. Bis es soweit ist, dass wir dort hindurchgeführt werden, vergehen einige Seiten - die jedoch lassen sich mit Genuss lesen.
Es kommt eines zum anderen, und Charlie findet sich selbst in jener fremden Welt wieder - zusammen mit Radar, der Hundedame, die so krank ist, dass sie bald sterben wird, wenn Charlie sie nicht zu einem bestimmten Ort in dieser Anderswelt bringt, wo sie geheilt werden kann. Er lernt freundlich gesonnene Bewohner kennen an diesem Ort, der gleichzeitig fremdartig und seltsam vertraut wirkt. Dabei erfährt Charlie nach und nach, unter welchem schrecklichen Fluch die Menschen hier leiden und dass diese Welt im Sterben liegt, wenn nicht eines Tages ein Held erscheint, der den Kampf gegen das Böse aufnimmt. Aber Charlie ist nur ein Teenager aus einer amerikanischen Kleinstadt und kein Held. Oder?
Mein Eindruck
Stephen King hat meine Erwartungen übertroffen. Er hat eine wundervolle, spannende, packende Fantasy-Geschichte geschrieben, die alles enthält, was ein Fantasy-Roman enthalten muss, um ihn als episch zu bezeichnen: Eine fremde Welt voller Magie und Wunder, einen mutigen jungen Helden, eine schöne Prinzessin, die von einem Fluch befreit werden muss, ein geknechtetes Volk, das auf seinen Retter wartet, kleinere Fieslinge, die auf der Heldenreise bezwungen werden müssen, bis hin zu großen Gegnern, die es zu überwinden gilt - bis am Ende der Showdown an einem düsteren Ort stattfinden kann - der Kampf gegen das übermächtige, ultimative Böse.
Und dennoch ist hier vieles anders, werden Klischees nur aufgegriffen, um gebrochen zu werden. Charlie Reade erzählt uns seine Geschichte rückblickend und kommentiert und bewertet vieles aus seiner heutigen Sicht und betont dabei immer wieder, dass das hier "nicht so eine Geschichte" sei. Das macht ihn greifbar, menschlich und kein bisschen heldenhaft, obwohl er im Lauf seines Abenteuers immer wieder ein Stück weiter über sich selbst hinauswachsen muss.
Hinzu kommen die vielen lebendigen Figuren, denen wir in dieser fremden Welt begegnen, von der Schuhflickerin Dora über den hinterhältigen Peterkin bis zu Snab, der großen roten Grille. Dann wären da noch die schöne Prinzessin Leah, der mutige, streitlustige Iota, die taube Claudia, der blinde Woody, die grässliche Riesin Hana und so viele mehr. Und das sind nur die Leute aus der Anderswelt. Auf unserer Seite lernen wir Charlies Vater kennen und natürlich Mr. Bowditch, den granteligen Bewohner des Hauses am Ende der Sycamore Street, in dessen Schuppen sich ein echtes Weltentor verbirgt.
Extra erwähnen muss ich Radar. Sie ist ein bezaubernder Charakter in dieser Geschichte. Eine Schäferhündin, die Mr. Bowditch gehört, an die Charlie aber sein Herz verliert - wie ich als Leserin übrigens auch, dabei bin ich gar kein "Hundemensch". Radar ist diejenige, mit der ich von allen Figuren in "Fairy Tale" am meisten mitgefiebert habe.
Wie schon erwähnt, wäre dies kein Stephen-King-Buch, wenn nicht hier und dort das eine oder andere Horrorelement durchschimmern würde - von den untoten Nachtsoldaten bis zu Gogmagog, einem Wesen, das direkt aus Lovecrafts Cthulhu-Universum entsprungen sein könnte.
Fazit
Ich darf gar nicht viel mehr verraten, deshalb nur noch einmal zusammengefasst: "Fairy Tale" ist ein großartiger Fantasy-Roman, wunderbar und episch. Es zeigt, dass man das Rad literarisch nicht komplett neu erfinden muss, sondern dass man "nur" die richtigen Zutaten kennen und auf ganz eigene, originelle Weise miteinander kombinieren und vermischen können muss - und dass Stephen King das kann, hat er hier auf eindrucksvolle Weise bewiesen.
Ich vergebe volle 5 von 5 Monarchenfaltern!
Übrigens:
Schon kurz nach Erscheinen des Buches wurde bekannt, dass Stephen King die Filmrechte für einen symbolischen Dollar an den Regisseur Paul Greengrass verkauft haben soll, von dem der Autor ein Fan sei. Ob aus dem Stoff ein Kinofilm oder eine Netflixproduktion wird, ein Einteiler oder eine Serie, ist noch nicht bekannt. Genug Material würde die Geschichte bieten. Ich kenne mich: Ich werde es auf jeden Fall anschauen. Drüben auf meinem Filmblog würde ich es dann natürlich beizeiten vorstellen.
Ich habe endlich wieder ein Buch von Stephen King gelesen. Meine Leidenschaft für Bücher im Allgemeinen und für Horror im Speziellen hing schon immer eng mit diesem Autor zusammen. Eigentlich wollte ich bei King auch stets auf dem aktuellsten Stand bleiben, wollte jedes Buch quasi sofort nach Erscheinung lesen, aber das konnte ich irgendwann nicht mehr wuppen. Inzwischen stehen etliche Stephen-King-Titel noch auf meiner Muss-ich-unbedingt-noch-lesen-Liste. Bei "The Institute" kann ich endlich einen Erledigt-Haken setzen.
Worum geht's?
(Ich habe die englische Originalversion gelesen, möglicherweise verwende ich hier und da abweichende Begriffe, die ich mir selbst übersetzt habe, oder die originalen englischen Namen.)
Luke Ellis, ein zwölfjähriger Junge, führt ein ganz normales Leben in einem Vorort von Minneapolis. Er ist verdammt schlau für sein Alter, und manchmal gelingt es ihm, leere Pizzakartons vom Tisch zu schubsen - nur mit seinen Gedanken. Aber das ist an sich unspektakulär, glaubt zumindest Luke. Bis eines Nachts Fremde in das Haus der Familie Ellis eindringen, Lukes Eltern kaltblütig ermorden und den Jungen entführen. Als er zu sich kommt, befindet er sich in einer fast exakten Kopie seines echten Zimmers, aber dieser Raum liegt im Inneren eines unheimlichen, vor der Welt verheimlichten Ortes, der von seinen Betreibern nur das Institut genannt wird.
Hierher wurden andere Kinder auf ähnliche Weise verschleppt, und sie alle haben etwas gemeinsam: Sie besitzen paranormale Kräfte - Telekinese oder Telepathie, die einen nur schwach, die anderen etwas stärker. Die Menschen im Institut führen seltsame Untersuchungen an Luke durch, injizieren Substanzen, bedrohen und bestrafen ihn. Luke erkennt bald, dass es darum geht, seine übersinnlichen Fähigkeiten zu verstärken, auch wenn er keine Ahnung hat, zu welchem Zweck. Nach und nach verschwinden die Kinder, mit denen er sich im Institut angefreundet hat. Er erfährt, dass es hinter dem Teil, in dem er untergebracht ist, der Front Half, einen weiteren Bereich gibt, die Back Half. Dorthin werden die Kinder gebracht, und von dort ist noch niemals jemand zurückgekommen. Luke weiß, wenn er dran ist und in die Back Half umziehen muss, ist er verloren. Also schmiedet er einen waghalsigen Fluchtplan, aber noch nie konnte ein Kind entkommen. Doch Luke muss es versuchen - für sich selbst und für seine Freunde.
So. Mehr kann und sollte ich an dieser Stelle gar nicht verraten.
Wie hat es mir gefallen?
Der Roman ist - wie ich es von King gewohnt bin - wahnsinnig komplex und mit einem zahlreichen Cast ausgestattet. Tatsächlich dauert es eine Weile, bis die eigentliche Geschichte um Luke Ellis richtig losgeht. Am Anfang geht es nämlich erst einmal um eine andere Figur, der wir Lesenden folgen, bis wir sie plötzlich zurücklassen und uns Lukes Geschichte zuwenden. Das hat natürlich alles seine Gründe, und irgendwann werden die Schicksale aller Figuren an einem Ort zusammengeführt, aber bis dahin ist es ein weiter Weg. Vermutlich war auch dieser verwirrende Anfang ein Grund, dass ich das Buch vor sicher zwei Jahren anfing zu lesen und dann erst einmal beiseite legte. Erst in diesem Jahr nahm ich es mir wieder vor und las weiter. Und als die Dinge im Institute ins Rollen kamen - sagen wir: spätestens, als Luke begann, die Punkte zu sehen -, war ich gefesselt und wollte unbedingt lesen und weiterlesen.
Also hat es mir gefallen? Ja, definitiv ja. Vermutlich lag es an mir selbst und dem Zeitpunkt, als ich mit der Lektüre begann, dass ich nicht so richtig reinfand. Was ich sehr mochte, waren die Kinder im Institut. Jedes hatte seine Geschichte, war besonders, merkwürdig auf eine Weise, aber liebenswert. Mit den Kids, allen voran Luke und Avery, bangte und litt ich am meisten. Es war schön, wieder eine Geschichte von Stephen King zu lesen, in der Kinder die Hauptrolle spielten. Er hat es immer noch drauf, ihre Gefühle, Ängste und kindliche Sicht auf die Welt einfühlsam und glaubhaft zu vermitteln. Aber auch die Bösewichte haben Spaß gemacht, allen voran Mrs. Sigsby. Eine wirklich durchtriebene Antagonistin! Hätte nur noch gefehlt, dass sie rosa Outfits trägt und lauter Katzenbilder in ihrem Büro hat.
Fazit
"The Institute" ist nach meinem Verständnis kein Horror-Roman, zumindest kein reiner. Es ist ein Thriller mit politischer Botschaft und - typisch King - klarer Kritik an Donald Trump und seiner Art, Politik zu betreiben. Das Buch ist Science Fiction, Mystery, und es bedient sich einiger klassischer Verschwörungstheorien, allen voran der, nach der hinter den Kulissen geheime Organisationen die Fäden der Macht in der Hand halten und die Geschicke der Menschheit lenken. Aber das Gefühl des Horrors, des Terrors, insbesondere immer dann, wenn Kinder in Gefahr geraten, ist nicht zu rar gesät und gipfelt in einem epischen Showdown. Überhaupt mochte ich das Ende, es fühlte sich richtig an und wirkte auf mich so, als hätte King es wirklich so geplant und gewusst, was er tat. (Tatsächlich wird King häufig für seine schwachen Enden kritisiert, aber das kann man ihm hier meiner Meinung nach wirklich nicht vorwerfen.)
Ich vergebe für "The Institute" 4,5 von 5 Kaugummi-Zigaretten.
P. S. Oben seht ihr übrigens das amerikanische Cover, weiter unten das deutsche, wie es bei Heyne erschien. Ich mag beide, finde das amerikanische aber ein wenig atmosphärischer.
P. P. S. Übrigens gibt es auch für "The Institute" Pläne, es zu verfilmen. Auf imdb.com existiert bereits ein Eintrag, der aber nicht viel mehr als die Kurzzusammenfassung sowie den Hinweis enthält, dass eine TV-Miniserie geplant sei. Dies wurde auch schon 2019 bei Filmstarts bestätigt. Wir werden es rechtzeitig erfahren, und ich setze es zumindest gedanklich schon einmal auf meine Watchlist.
In Fred Inks Horror-Roman "Hexenhaus" gibt es ein Wiedersehen mit Walter Dekker, dem vom Pech verfolgten Privatdetektiv, den ich schon in Inks Roman "Hinter den Winkeln" kennenlernte. Da es ja gar nicht mehr lange hin ist bis zum nächsten Dekker-Roman, muss ich mich nun sputen, euch meinen Buchtipp zu präsentieren.
Worum geht es?
Walter Dekker ist immer noch in Arkham, dem Ort, an dem sich irgendwie immer und überall etwas Böses, Dunkles in den Schatten zu verstecken scheint. Sein Detektivbüro in dem ehemaligen Buchladen hat er noch gar nicht richtig eingerichtet, da steht ein verzweifelt wirkender Mann namens George Benson vor ihm und bittet ihn um Hilfe bei der Suche nach seiner verschwundenen Freundin. Ihre Spur führt in ein leerstehendes altes Haus, in dem sie überraschenderweise auf weitere Personen treffen, die aus eigenen Gründen hergekommen sind. Und auch das Haus selbst verbirgt sehr viel mehr hinter seinen verrotteten Wänden, als es auf den ersten Blick scheint. Einst soll hier eine Hexe gelebt haben, und ob das wirklich so war oder nicht: Dekker, George und die anderen werden plötzlich mit grausigen Bedrohungen konfrontiert und sehen sich gezwungen, tiefer in das Haus vorzudringen, als ihnen lieb ist. Schon bald müssen sie erkennen, dass sie mitten in einem Labyrinth stecken, und hinter jeder Ecke könnte die nächste tödliche Falle lauern. Die Frage ist nur: Ist es das Haus selbst, das mit ihnen sein teuflisches Spiel spielt, oder steckt etwas ganz Anderes, Älteres und Gefährlicheres dahinter?
Wie fand ich es?
Es ist wieder ein waschechter Ink-Roman geworden, und das heißt, dass die Lektüre mich aufs Vorzüglichste unterhalten hat. Alles, was ich von einer guten Horrorgeschichte erwarte, habe ich hier gefunden: Grusel, Gänsehaut, Humor, starke Figuren, Blut und Massaker, Monster, dunkle Welten und jede Menge Spannung. Hinzu kommt, dass ich als Leserin mich so wie die Figuren im Buch in einem Labyrinth fühlte - ich musste mich auch trauen, auf die nächste Seite zu blättern, um zu erfahren, ob es eine gute oder schlechte Idee war, durch diese eine Tür zu gehen.
Es gab natürlich die Hauptgeschichte um Dekker und seine Mitstreiter:innen und ihre Suche nach einem Ausweg. Aber wie es für Labyrinthe üblich ist, biegen sie oft falsch ab und finden sich an überraschenden Orten wieder oder treffen auf überraschende Personen, mit denen niemand gerechnet hat. Und so genoss ich es wieder sehr, auf alte Bekannte zu treffen, diesmal auf einen Wissenschaftler an einem Ort, den Eingeweihte aus Inks Roman "Crossover" wiedererkennen werden, auf die toughe Söldnerin Florence und auf einen gewissen sprechenden Kater namens Fostur (hallo, Herr Ink, bitte unbedingt mehr von Fostur, ja?).
Der gewisse Lovecraft'sche Einfluss darf natürlich auch nicht fehlen, und am Ende bleiben genügend lose Fäden übrig, an denen angeknüpft werden kann - sei es in weiteren Walter-Dekker-Büchern oder in anderen Geschichten, denn das Universum, das von Fred Ink hier seit Jahren kontinuierlich aufgebaut wird, ist groß und wird immer größer. Monströs groß sozusagen.
Fazit
"Hexenhaus" ist ein gelungener, spannender, rasant erzählter Horror-Roman, der viel mehr bietet, als sich auf den ersten Blick auch nur erahnen lässt. Dazu hat das Buch mit Walter Dekker einen wahnsinnig liebenswerten Protagonisten mit Ecken, Kanten und eigenen Geheimnissen, die der Autor hoffentlich in weiteren Geschichten nach und nach aufdecken wird.
Das Buch ist im KOVD Verlag erschienen und kann dort im eigenen Online-Shop als Print (Englische Broschur) bestellt werden. Wer die E-Book-Variant haben möchte, bekommt diese z. B. hier.
Übrigens ist kein Vorwissen notwendig, ihr könnt dieses Buch direkt lesen, ohne die vorangegangenen Bücher zu kennen - allerdings werdet ihr diese wahrscheinlich danach alle lesen wollen. Für Fans von originellem, atmosphärisch dichtem, gut erzähltem Horror steckt hier nämlich echtes Suchtpotenzial drin ...
Es ist schon ein paar Monate her, dass ich das Buch gelesen habe, aber sobald ich daran zurückdenke, überzieht mich sofort eine Gänsehaut, und das Gefühl von Kälte ist wieder da.
Darum geht's:
Die Ethnologin Amelie entdeckt die verschollenen Tagebuchaufzeichnungen des Kapitäns Johannes Werkmeister, der mit seinem Schiff Teutonia an der legendären 3. Nordpolexpedition im Jahr 1878 teilgenommen hatte. Die Lektüre eröffnet ihr ganz neue Erkenntnisse, die sie nicht nur beunruhigen, sondern ihre Neugierde nähren. Sie schafft es, eine neue Expedition auf die Beine zu stellen, um dem Weg der Schiffe zu folgen und herauszufinden, was damals wirklich passiert ist. Dabei muss sie schon bald erkennen, dass sie das Leben aller in Gefahr bringt, die sie auf dieser Reise begleiten. Der Horror wartet im ewigen Eis ...
Hat es mir gefallen?
Aber sowas von. Es ist wieder ein großartiger, spannender, gänsehauttreibender Roman aus der Feder eines meiner Lieblingsautoren im Horrorgenre - Vincent Voss. Und dass er diesmal sehr intensiv und ausführlich recherchiert und entsprechend lange gebraucht hat, um das Buch zu schreiben, merkt man dem Skript an. Es ist mit vielen Details gespickt, sowohl in dem Handlungsstrang über die 3. Expedition, die in Form von Tagebucheinträgen eingebaut wurde, als auch in dem in der Gegenwart spielenden zweiten Handlungsstrang, dessen Mittelpunkt die Wissenschaftlerin Amelie bildet. Wie eingangs erwähnt, schafft es das Buch durch seine intensiven Beschreibungen von Landschaft und Nordpolarmeer, das Gefühl von durchdringender Kälte zu vermitteln. Der Horror schwingt zunächst eher unterschwellig mit, wie eine Ahnung, dass unter der Oberfläche etwas lauert, das jederzeit hervorbrechen könnte - und es dann auch tut. Oh, und wie es das tut. Ich erwähnte es ja schon: ein echter Voss.
Fazit:
Ich hätte das Buch vielleicht besser im Sommer vorgestellt, da hätte es für willkommene Abkühlung gesorgt. Wenn ihr also jetzt im Herbst und kommenden Winter dazu greift, sorgt dafür, dass ihr kuschelige Socken an den Füßen tragt, eine Wolldecke um eure Schultern gelegt ist und ein wärmendes Heißgetränk in greifbarer Nähe bereitsteht!
Ich vergebe 4,5 von 5 blutbesudelten Eisschollen.
Wenn ihr das Buch nun unbedingt lesen wollt (wovon ich ausgehe), empfehle ich, es direkt beim Verlag Torsten Low zu bestellen - und zwar hier.
Meine persönliche Best-of-Zombie-Books-Liste hat einen Neuzugang zu vermelden. Das Buch erschien bereits 2010 erstmals auf Deutsch und dümpelte eine ganze Weile auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Im Sommer dieses Jahres beschloss ich, dass es endlich wieder Zeit für eine Zombiegeschichte war. Also griff ich zu "Totes Meer" und war ziemlich begeistert.
Zombies überall
Die Zombie-Apokalypse beginnt hier fast schon traditionell: Rattenbisse verwandeln Menschen in fleischfressende, wandelnde Leichen. Erst nur vereinzelt, dann werden es immer mehr. Weil es mit Ratten anfängt, bekommt die Seuche den klangvollen Namen Hamelns Rache. Es dauert nicht lange, und die Ereignisse überschlagen sich: Überall werden aus Menschen lebende Tote, die alles jagen, was noch ein schlagendes Herz hat. Vor nichts und niemand macht es halt, kein Ort scheint mehr sicher. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe Überlebender schafft es, sich auf einem alten, aber immer noch funktionierenden Museumsschiff aus dem brennden Baltimore aufs offene Wasser zu retten, doch wohin sollen sie sich wenden? Und was, wenn es Hamelns Rache ebenfalls an Bord geschafft hat?
Erzählt wird die Geschichte aus Sicht von Lamar, der sich plötzlich als einer der letzten Überlebenden Baltimores mit einer wahren Flut Untoter konfrontiert sieht. Gleich in der ersten Szene des Buches steckt er so tief im Schlamassel, dass es eigentlich nicht mehr viel tiefer gehen kann. Aber natürlich kommt es schlimmer. Viel schlimmer. Richtig schlimm.
Mein Eindruck
Brian Keene hat für seinen Roman das Genre nicht neu erfunden, er hat jedoch ein paar unschöne, aber äußerst spannende Spielregeln hinzugefügt. Ich möchte nicht spoilern, aber so ein Zombievirus findet nicht nur Gefallen an Menschen und Ratten, und so kommt es immer wieder zu drastischen, actiongeladenen Szenen, in denen die Überlebenden nicht nur gegen menschliche Zombies kämpfen müssen.
Außerdem hat Keene mit Lamar einen wirklich sympathischen Protagonisten erschaffen, dessen Schicksal mich mitnahm und mitleiden ließ, und das auch ohne den Zombie-Bonus. Denn Lamar hat schon, bevor Hamelns Rache über das Land kam, am Rand der Gesellschaft dahinvegetiert und sowieso jeden Tag ums Überleben kämpfen müssen. Arm, arbeitslos, friedfertig, schwarz und schwul, all das lässt Lamar zunächst wie das garantiert nächste Opfer eines hungrigen Zombies wirken - oder eines homophoben Rassisten, dem Lamars freundliche Visage nicht passt. Aber er beißt (beißt ... hihi) sich ein ums andere Mal durch, hilft anderen und wächst immer wieder über sich und seine eigenen inneren Dämonen hinaus.
Abzüglich aller Gesellschaftskritik und sonstiger äußerst aktueller Thematiken ist "Totes Meer" in erster Linie aber immer noch ein spannender, deftiger und angemessen blutiger Zombie-Roman in einer klaren, einfach gehaltenen Sprache, die diese Art von Geschichte genau richtig vorantreibt.
Und weil ja viele besonderen Wert auf den ersten Satz legen - mich eingeschlossen - präsentiere ich hier mal den ersten Satz aus "Totes Meer" - der sitzt auf jeden Fall, würde ich sagen:
"Ich erschoss die Schlampe erst, als sie anfing, Alans Gesicht zu fressen."
Ich jedenfalls vergebe sehr gern 5 von 5 beißwütigen Zombieratten!
Ich habe im diesjährigen Sommerurlaub wieder etwas mehr Zeit zum Lesen gehabt. Drei Bücher sind es geworden, und alle drei haben mir so gut gefallen, dass ich sie euch nacheinander vorstellen und ans Herz legen möchte. Hier kommt Buchtipp Nr. 1:
"Hinter den Winkeln" von Fred Ink
Ich bin schon seit längerem ein Fan von Fred Ink und seinen unglaublich guten Horrorgeschichten. Als er in diesem Jahr ein neues Buch ankündigte, war klar, dass ich es unbedingt haben muss. Und dann ergab es sich sogar, dass Fred mir das Buch mit persönlicher Widmung schenkte - wie konnte ich da Nein sagen?
Ob es mir gefallen hat? Aber sowas von! "Hinter den Winkeln" ist ein rundum gelungener Horror-Roman, der Liebhabern der unheimlichen Phantastik wie mir alles bietet, was man sich wünschen kann. Noch dazu bietet das Buch sogar vier Geschichten in einer. Denn der Autor stellt uns anfangs vier Personen vor, die von Grund auf nicht unterschiedlicher sein könnten und die alle ihren ganz eigenen Horror erleben, als das Böse versucht, in unsere Welt einzudringen.
Da ist Walter, ein mehr oder weniger erfolgloser Privatdetektiv, der das Unglück anzuziehen scheint wie das Licht die Motten. Bei einem Auftrag stößt er auf ein geheimnisvolles Buch, dessen Spur ihn bis in die seltsame Stadt Arkham (!) führt. Da ist Agnes, die schüchterne Bestsellerautorin, deren letztes Manuskript ein beunruhigendes Eigenleben entwickeln zu scheint - und dabei kann sie sich nicht einmal erinnern, dieses überhaupt geschrieben zu haben. Die Söldnerin Florence gerät im tiefsten südamerikanischen Dschungel mit einer Kreatur aneinander, mit der sie eine Rechnung offen hat, doch auf der Jagd nach dem Wesen stößt sie auf das unvorstellbare Grauen. Zu Guter Letzt wäre da Mark, der auf den ersten Blick ein armer Irrer ist - auf den zweiten Blick bildet er sich jedoch nicht nur ein, dass alles, was er berührt, stirbt - es passiert tatsächlich. Gemeinsam mit seinem dämonischen Freund Menelaos, den natürlich niemand außer ihm wahrnehmen kann, muss er sich auf den Weg in die Welt "hinter den Winkeln" machen, um den Kampf gegen das Böse aufzunehmen.
Alle vier Schicksale werden im Wechsel erzählt, und nach und nach enthüllt sich das große Ganze. Auf dem Weg ins Finale erlebt man eine wahre Achterbahnfahrt - oder eher die rasante Fahrt durch eine Geisterbahn? Action, Grusel, Abgründe, Blut und Gedärme, düstere Geheimnisse, Dämonen, Monster und die sprichwörtlichen Großen Alten, die uns faszinieren, seit H.P. Lovecraft uns zum ersten Mal von ihnen erzählte - alles ist in knapp 260 Taschenbuchseiten enthalten.
Die Lektüre bescherte mir jede Menge Gänsehaut, einen kurzen Moment der Wiedersehensfreude, auf den ich an dieser Stelle nicht näher eingehen werde, und entlockte mir hier und da ein amüsiertes Grinsen, besonders, wenn Mark es plötzlich mit einer Armee sprechender Katzen zu tun bekommt. Erwähnte ich, dass dieses Buch eine richtige Wundertüte ist?
Fred Inks neuester Roman hat mich wieder auf ganzer Linie begeistert, ich kann ihn nur wärmstens empfehlen. Wenn ihr auf monströsen Horror steht, Crossover zu Genres wie der Science Fiction mögt und Spaß an Lovecraftscher Gruselatmosphäre habt, dann taucht doch auch mal in die düster-phantastische Welt von "Hinter den Winkeln" ein.
Ich verleihe feierlich fünf von fünf blutbesudelten, faustgroßen Rubinen!
Ach ja, ihr wollt das Buch jetzt bestimmt alle sofort haben, nicht wahr? Hier gibt es das Taschenbuch, hier das E-Book. Also ran da!
Mit Melanie Vogltanz verbindet mich so einiges, vor allem war eines ihrer Manuskripte mein Einstieg in meine nebenberufliche Laufbahn als Lektorin. Seitdem bin ich ein Fan von Melanie. Als mit der Absage der Leipziger Buchmesse 2020 die Aktion #buecherhamstern startete, war ihr Roman "Shape Me" eines der ersten Bücher, das ich mir aus diesem Anlass zulegte.
Inzwischen habe ich das Buch zu Ende gelesen - was soll ich sagen: Ich bin sehr angetan. Dieses Buch war ganz anders als alles, was ich vorher aus Melanies Feder gelesen habe, sowohl vom Thema als auch vom Stil und vom Genre. "Shape Me" ist ein Science Fiction Roman. Ich mag dieses Genre sowieso sehr gern und finde es immer besonders spannend, wenn ich wieder ein interessant klingendes SciFi-Buch von einer deutschsprachigen Autorin entdecke. Von "Shape Me" hatte ich außerdem schon vorab so viel Gutes gehört, dass ich gar nicht anders konnte, als es endlich zu lesen.
"Shape Me" spricht ein Thema an, das in seiner Aktualität gar nichts mit Science Fiction zu tun hat. Es geht ums Abnehmen, um das Kämpfen gegen überflüssige Pfunde, das Hinterherjagen nach mehr oder weniger realistischen Schönheitsidealen und um Kontrolle einer ganzen Gesellschaft. Denn Frau Vogltanz hat den sowieso schon ziemlich überdrehten Schlankheitswahn unserer Zeit um einige Ziffern auf der Uhr der Zeit weitergedreht. In einer gar nicht so weit entfernten Zukunft wird jeder Bürger einer Normgröße zugeordnet. Er ist gechipt und kann über ein individuelles, streng überwachtes Kalorienkonto Lebensmittel kaufen. Menschen mit Übergewicht sind stigmatisiert. In dieser Gesellschaft macht die Shape Me Corporation ein echt fettes Geschäft - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn sie nutzen eine ausgefeilte, streng geheim gehaltene Technologie, um übergewichtigen Menschen mit den nötigen finanziellen Mitteln zu ihrer Traumfigur zu verhelfen: Sie vertauschen die Körper. Der Shape-Me-Trainer steckt im fettleibigen Körper seiner Mandantin, trainiert diesen Körper inklusive strenger Diät, während die Mandantin in dieser Zeit den Luxus des gesunden, schlanken Körpers ihres Trainers genießen darf - inklusive eines unbegrenzten Kalorienbudgets. Doch kein System ist ohne Sicherheitslücken. In eine solche Lücke fällt plötzlich die Protagonistin Nena Jean. Sie wacht eines Morgens auf und muss feststellen, dass es nicht mehr ihr Körper ist. Der wurde ihr über Nacht gestohlen. Und niemand will ihr zunächst glauben oder ist bereit, ihr zu helfen.
Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt. "Shape Me" ist bissig, zynisch, böse, verdammt spannend und unterhaltsam, gleichzeitig aber auch sehr nachdenklich und emotional. Den Aufbau fand ich auch originell: Die Story wird im Rückblick erzählt und wechselt perspektivisch zwischen den einzelnen Hauptakteuren und protokollarisch gehaltenen Berichten inklusive Aktenzeichen etc.
Inzwischen ist das Buch für sage und schreibe zwei renommierte Preise in der Science Fiction Literatur nominiert, wie ich finde, völlig zu Recht. "Shape Me" steht auf der Shortlist für den Deutschen Science Fiction Preis (hier die vollständige Shortlist) und für den Kurd-Laßwitz-Preis. Ich drücke Melanie für beide Preise beide Daumen!
"Shape Me" erhält von mir 5 von 5 gut gefüllten Kalorienkonten.
Hier könnt ihr das Buch übrigens käuflich erwerben:
Zombiefans aufgepasst! Wenn ihr Lektüre mit Untoten mögt, wird euch die Zombie Zone Germany vielleicht längst ein Begriff sein. Unter diesem Titel veröffentlicht der Amrûn Verlag schon seit ein paar Jahren eine Reihe, in der Deutschland von der Zombieapokalypse heimgesucht wird. Es gibt inzwischen zwei Anthologien und eine Reihe von Novellen bzw. Kurzromanen. In der ersten Anthologie, mit der die ZZG begann, werde ich sogar namentlich erwähnt - in der darin enthaltenen Kurzgeschichte von Vincent Voss.
Am vergangenen Wochenende habe ich mir eine der Novellen vorgenommen, die einer meiner aktuellen Lieblingshorrorautoren, Thomas Williams, geschrieben hat. Er hat das große Thema Zombies in Deutschland von einer speziellen Seite beleuchtet, und interessanterweise treten die geliebten Untoten dadurch nur als Randfiguren in wenigen Schlüsselszenen in Aktion. Bei Williams geht es nämlich um Kannibalen. Dass die Überlebenden einer Zombieapokalypse irgendwann anfangen, ihren Mitüberlebenden sehr schlimme Dinge anzutun, wissen Kenner des Genres schon lange. Hier also fressen sie die Mitüberlebenden auf. Mitten in ein Nest von Kannibalen geraten die Protagonisten Natalie und der Doc. Die zwei haben sich unter widrigsten Umständen getroffen und retten seitdem einander das Leben auf der Flucht aus dem abgeriegelten Deutschland. Nun sind die Untoten und der Weg raus aus der ZZG erst einmal zweitrangig, denn ab sofort gilt das Motto "Fressen oder gefressen werden".
Ich liebe Williams' Humor, der in jeder seiner Geschichten mal mehr, mal weniger stark durchblitzt. Auch in "Fressen oder gefressen werden", das im Großen und Ganzen recht ernst und durchgehend spannend daherkommt, gibt es ein paar Stellen, die mir ein Grinsen aufs Gesicht gezaubert haben. Highlight ist mit Sicherheit eine Szene, in der ein Mann splitterfasernackt gegen Zombies und Kannibalen antreten muss. Mehr Details verrate ich jetzt nicht, aber ich fand es genial.
"Fressen oder gefressen werden" von Thomas Williams ist ein gut gemachter, actionreicher Zombiekurzthriller, den ich mit großem Vergnügen gelesen habe.
Dafür gibt es von mir gerne 5 von 5 blutigen Metzgermessern.
Am besten holt ihr euch euer Exemplar direkt im Onlineshop des Verlags - bitte hier entlang.
Anfang März wurden die Shortlists für den Vincent Preis, einen weiteren meiner Lieblingsliteraturpreise, bekanntgegeben. Alle Kandidaten inklusive Informationen über die abgegebenen Stimmen findet ihr hier.
Ich gebe zu, viele der nominierten Bücher und Geschichten habe ich noch gar nicht gelesen. Ich kenne "Infiltriert" von Vincent Voss und seit kurzem "Im Garten Numen" von Erik R. Andara, beide stehen auf der Shortlist für Bester Roman National. Beiden drücke ich schon einmal die Daumen.
Von den nominierten Anthologien liegt zumindest "German Kaiju" von Herausgeber Markus Heitkamp auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Bei den nominierten Grafiken ist ja das Cover zu "Undinenblut" von Christian Pick mein Favorit - das könnte ich mir stundenlang anschauen, dabei besitze ich das Buch (leider) noch gar nicht.
Bis zum 30.04.2020 können jetzt die Stimmen für die Endrunde abgegeben werden. Traditionell werden die Gewinner auf dem Marburg Con verkündet - so er denn stattfindet, was ja in der aktuellen Situation und zum gegenwärtigen Zeitpunkt niemand sagen kann. Ob auch ihr abstimmungsberechtigt seid und wie die Abstimmung funktioniert, könnt ihr hier nachlesen.
Wie auch immer, ich finde, diese Shortlists ebenso wie die Longlists aller im Jahr 2019 erschienenen Werke der dunklen Phantastik bieten jede Menge Input für alle, die derzeit bei der Aktion #buecherhamstern mitmachen und durch ihren Kauf neuen Lesestoffs die vielen Kleinverlage und Selfpublisher unterstützen, die jetzt nicht nur aufgrund der abgesagten Leipziger Buchmesse eine harte Zeit durchmachen.
Vergesst also bitte bei euren Hamsterkäufen nicht, dass ihr für die Shutdown-Phase auch noch Bücher braucht! ;-)
Ich habe hier einen Geheimtipp, der eigentlich kein Geheimtipp mehr sein sollte. Zumindest in den Dunstkreisen, in denen ich mich bewege, erfreuen sich die Geschichten aus der Feder des österreichischen Autors Erik R. Andara stetig wachsender Beliebtheit. Sein Roman "Im Garten Numen" hat es sogar jüngst auf die Shortlist des Vincent Preises geschafft als einer der fünf besten Romane national (okay, national umfasst hier den gesamten deutschsprachigen Raum). Und genau dieses Buch habe ich gestern zu Ende gelesen und möchte es euch heute wärmstens empfehlen.
Horror im österreichischen Hinterland
Darum geht's: Simon, ein Ex-Junkie, reist nach Fugenschlag, ein verlassen wirkendes Dorf im österreichischen Waldviertel, wo er nach seiner vermissten Tochter Katharina sucht. Das Mädchen war in den benachbarten Bruchhof, eine Entziehungseinrichtung für drogenabhängige Jugendliche, zur Therapie eingewiesen worden und von dort spurlos verschwunden. Alle, der zuständige Kaplan Horak, die Gastwirtin Frau Huber, der schweigsame Hans oder die anderen Jugendlichen vom Bruchhof, stellen Simon vor ein Rätsel nach dem anderen. Sie scheinen sehr genau zu wissen, was mit Katharina passiert ist, das ist Simon schon bald klar. Wie sehr von Gott verlassen diese Gegend ist, soll Simon bald herausfinden, als er beginnt, Nachforschungen anzustellen und versucht, hinter die Kulissen zu schauen. Denn dort lauern die nachtschwarzen Pfade auf ihn, und Simon weiß, dass er sie betreten muss, um Katharina zu finden, er weiß aber auch, welchen Preis das fordert, denn auf jenen Wegen in der Finsternis ist er bereits gewandelt und schon einmal fast verlorengegangen ...
Kommt langsam, aber gewaltig
Ich habe tatsächlich eine Weile gebraucht, um mit der Geschichte selbst als auch mit dem Stil von Andara warmzuwerden (letzteres liegt vielleicht daran, dass ich noch nicht viel von österreichischen Autoren gelesen habe und hier einfach ein paar Wörter so nicht kannte). Zwar werden von Anfang an Andeutungen gemacht, erlebt Simon schon ein paar merkwürdige Dinge, aber der echte Grusel beginnt für mich gefühlt erst relativ spät, nämlich mit der Szene in der unterirdischen Kirche und der dort abgehaltenen Messe. Dennoch liest sich das Buch von Anfang an angenehm flüssig und lädt Seite für Seite ein, weiterzublättern und tiefer in dieses Fugenschlag und seine seltsame Geschichte einzutauchen. Auf geschickte Weise hat der Autor hier sehr moderne, aktuelle Themen wie Drogensucht und Beziehungsprobleme mit uralten Mythen und einer Art von Horror verwoben, die sicher nicht unbeabsichtigt an den kosmischen Horror von Lovecraft erinnert. "Im Garten Numen" ist für mich das erste wirklich gruselige Leseerlebnis seit langem, weil hier die Atmosphäre, die mir Gänsehaut auf die Arme treibt, perfekt in Szene gesetzt worden ist.
Ich drücke Erik R. Andara für sein Buch beide Daumen für den Einzug aufs Siegertreppchen beim Vincent Preis. Von mir bekommt es jetzt schon einmal 4,5 von 5 Tassen lecker Nachtkerzentee.
Mein erster Buchtipp des Jahres ist ein ganz besonderer: Ein postapokalyptischer Roman, geschrieben von einem Schriftstellerehepaar aus Aachen, angesiedelt in dem, was von Deutschland übrig ist, und der wohl erste Roman überhaupt im deutschsprachigen Raum, der in gendergerechter Sprache verfasst wurde (dazu später mehr).
Mad Max aus Deutschland
"Wasteland" erzählt die Geschichte von der Streunerin Laylay, ihrem Vater Azmi und Zeeto, ihrer großen Liebe. In etwa 50 Jahren in der Zukunft existiert die Welt, wie wir sie kennen, nicht mehr. Kriege, Klimakatastrophe, Pandemien und Biokampfstoffe haben sie zerstört. Übrig geblieben sind Ruinenstädte, in die sich niemand mehr traut, weil sie verseucht sind, und verödete Landstriche, in denen sich die Reste der menschlichen Zivilisation einen täglichen Kampf ums Überleben liefern - miteinander und gegeneinander.
Mittendrin kämpfen auch Laylay und Azmi um jeden einzelnen Tag. Mit dem Motorrad befinden sie sich seit Jahren auf Wanderschaft - und auch auf der Flucht, denn Laylay ist anders, und das darf niemand herausfinden ... Zeeto hingegen lebt auf dem sogenannten Handgebunden-Markt, einer Enklave inmitten der Ödnis, geduldet von den marodierenden Banden, wo es alles zu tauschen und zu feilschen gibt, was die Reste der Zivilisation noch hergeben. Da wird aus einem originalverpackten Kondom schnell ein kostbarer Schatz.
Zeeto und Laylay haben sich bei Laylays Besuchen auf dem Markt kennengelernt und ineinander verliebt. Als Zeeto von einem seiner lebensmüden Ausflüge ins Ödland ein Baby mitbringt, das der Schlüssel zu einem tief in den Ödland-Bunkern verborgenen Geheimnis sein könnte, kommen die Dinge dramatisch ins Rollen.
Dystopie? Utopie? Hopepunk!
Judith und Christian Vogt haben nicht einfach nur Elemente aus Mad Max und anderen Vertretern der Postapokalyptischen Fiktion neu kombiniert, sondern mit "Wasteland" einen eigenständigen, spannend erzählten und mit erfrischend authentischen Charakteren bevölkerten Roman geschaffen. Das Buch wird in die Sparte Hopepunk einsortiert, und ich gestehe, ich kannte den Begriff davor gar nicht. Hopepunk ist quasi das Gegenstück zur düsteren, pessimistischen Zukunftsvision. In "Wasteland" ist zwar vieles unwiederbringlich zerstört und verschwunden, doch die Hoffnung lebt weiter. Sie wird zum Beispiel von den Menschen auf dem Handgebunden-Markt getragen, die mit ihrer in alle Richtungen offenen Gesellschaft jeder Person die Freiheit bieten, sich als das Geschlecht zu definieren, als das sie sich fühlt, ob nun weiblich, männlich oder divers, ganz ohne Einschränkungen, Vor- oder Nachteile. Dies ist nur eine Facette, die zeigt: Die Menschheit wird sich weiterentwickeln, allen Widrigkeiten zum Trotz. Ein schöner Gedanke.
Gender... was?
Ja, so hab ich auch zunächst geguckt, als ich das erste Mal bei der Lektüre über das Wörtchen "ser" stolperte. Da hielt ich es noch für einen Tippfehler, bis es im Zusammenhang mit bestimmten Figuren immer wieder im Text auftauchte, auch in deklinierter Form ("sire"). Das ist nämlich das Pronom für diverse Figuren, wie sie von den Vogts völlig beiläufig und ohne großes Aufsehen in die Geschichte "eingestreut" werden. Ich wusste zwar schon vorher, dass der Roman gendergerecht geschrieben wurde, hatte mir aber keine Gedanken über das Wie gemacht und dachte, ich würde schon merken, wenn da irgendwas anders läuft als in den Romanen, die ich sonst so lese.
Auch andere Details wurden vom Autorenduo ganz bewusst genderneutral ausformuliert. Aus Wächtern wurden Wachhabende, aus Motorradfahrern wurden Gangmitglieder, um mal Beispiele zu nennen. Wenn die Person, die über eine Gruppe das Sagen hat, weiblich ist, dann heißt es einfach "die Boss". Auch wenn das erst einmal komisch anmuten mag, kann ich bestätigen, dass es den Lesefluss nicht stört, dass ich mich recht schnell an die diversen Personalpronomen gewöhnt habe und dass mir manche Dinge (wie die "Wachhabenden") gar nicht aufgefallen wären, wenn die Vogts nicht darüber zum Beispiel in diesem Artikel auf TOR Online berichtet hätten.
Fazit
Ich fand "Wasteland" kurzweilig, spannend, unterhaltsam, anregend und auf vielerlei Art faszinierend. Und als Fan von Mad Max gefielen mir gewisse Szenen, die wie Reminiszenzen wirken (Stichwort "Zwei gehen rauf, einer kommt runter"), besonders gut.
Mögt ihr postapokalyptische Science Fiction? Dann lest unbedingt dieses Buch! Mögt ihr Geschichten mit starken Frauenfiguren (und damit meine ich nicht nur die Protagonistin)? Dann lest unbedingt dieses Buch! Habt ihr Bock, mal ein bisschen neues literarisches Terrain zu betreten, was die bewusste Benutzung gendergerechter Sprache angeht? Dann lest unbedingt dieses Buch!
"Wasteland" ist bei Droemer Knaur erschienen, und ich finde es großartig, dass ein Publikumsverlag wie dieser sich an ein solches literarisches Experiment wagt und es unterstützt.
Definitiv ein gelungenes Experiment, das übrigens nach einer Fortsetzung schreit. Laut und deutlich. Wie sieht's denn damit aus, liebe Familie Vogt?
Ich bin zurück aus meinem Sommerurlaub und habe mich nicht nur gut erholt, sondern auch endlich Zeit gehabt, um mal wieder in Ruhe zu lesen. Zwei Bücher habe ich während meines Urlaubs gelesen, zwei ganz unterschiedliche Bücher, beide verdammt gut und deshalb heute meine unbedingte Empfehlung wert.
Heute kommt Buchtipp Nr. 2:
"Alles über Frau Dohle" von Oliver Susami
Es
war nicht mein erstes Buch von Oliver Susami, dennoch hat es mich wieder
umgehauen, wie großartig dieser Autor schreibt, wie spannend er erzählt, wie er
es schafft, mich weiterlesen zu lassen, ohne Rücksicht auf die Uhrzeit. Es ist
mir schon lange nicht mehr passiert, dass ich ein Buch so "inhaliert"
habe wie dieses.
"Alles
über Frau Dohle" erzählt die unglaubliche Geschichte von Maria
Holtzmacher, die aber geradezu unerträglich spießig beginnt. Maria führt ein eher langweiliges, ereignisloses Leben als Ehefrau eines cholerischen, reichen Unternehmers mit Hang zum Alkoholismus und
Mutter von Katharina und Tom. Eines Tages rettet sie eine junge Dohle vor einer
Katze. Das verletzte Jungtier überlebt, doch es lernt nie zu fliegen, und so
lebt Herr Klostermayer, wie sie den Vogel tauft, fortan bei ihr und verleiht
ihr den Spitznamen Frau Dohle.
Alles
ändert sich, als Marias exzentrischer Sohn Tom, ein begabter Künstler, bei
einem Autounfall ums Leben kommt. Als sie in seinem Haus, das voll von Toms
Kunstwerken ist, nach dem Rechten sehen will, entdeckt sie in einem versteckten
Raum ein fast verhungertes Mädchen in einem Käfig. Soll Tom, ihr zwar
eigensinniger, aber sensibler, ganz sicher harmloser Sohn, etwa ein psychopathischer
Entführer und Vergewaltiger gewesen sein? Für Maria Holtzmacher und ihre
Familie beginnt ein Albtraum aus Medienschlammschlacht, Shitstorm und
Spießrutenlauf, doch trotz aller Widrigkeiten steht für Maria fest: Ihr Sohn
war unschuldig, und sie wird es beweisen.
Es
ist nicht nur die haarsträubend spannende Geschichte, die mich in ihren Bann
geschlagen hat und die garantiert so manchen Leser bis zum Ende an der Nase herumführen wird (bei mir hat es funktioniert). Es liegt vor allem am wunderbaren Stil von Susami: auf eine
Weise sehr schlicht, passend zu Maria Holtzmachers eher schlicht-naivem Gemüt,
auf eine andere Weise aber auch sehr abgründig, direkt, brutal und dabei so
bildhaft, dass mein Kopfkino die ganze Zeit mitlief - in Farbe und 3D!
Und übrigens: Ich habe schon lange nicht mehr eine Figur in einer Geschichte so verabscheut wie diese eine Figur in diesem Buch. Lest es selbst, dann werdet ihr wissen, was ich meine!
Eine
wahre Perle im unüberschaubaren Meer der Selfpublisher. Wenn ihr Thriller und
packende Familiengeschichten über düstere Geheimnisse und Abgründe mögt, werdet
ihr dieses Buch lieben!
Auf
jeden Fall findet ihr "Alles über Frau Dohle" auf Amazon, und zwar hier.
Ich bin zurück aus meinem Sommerurlaub und habe mich nicht nur gut erholt, sondern auch endlich Zeit gehabt, um mal wieder in Ruhe zu lesen. Zwei Bücher habe ich während meines Urlaubs gelesen, zwei ganz unterschiedliche Bücher, beide verdammt gut und deshalb heute meine unbedingte Empfehlung wert.
Heute kommt Buchtipp Nr. 1:
"Zombie Inc." von Chris Dougherty
Ihr habt es sicher schon gemerkt: Ich lese liebend gern Zombiegeschichten. Inzwischen ist es jedoch nicht mehr so leicht, die originelleren darunter zu finden. Mit "Zombie Inc." habe ich einen Volltreffer gelandet. Der Titel erschien bereits 2015 im Luzifer Verlag, die Originalversion stammt aus dem Jahr 2013.
Wir haben es hier mit einem Amerika Mitte des 21. Jahrhunderts zu tun, das sich durch den Ausbruch der Zombieseuche von Grund auf verändert hat. Mal davon abgesehen, dass der Großteil der Zivilisation sich in wandelnde Leichen verwandelt hat, zerfielen die USA in mehrere Splitterstaaten. Man darf davon ausgehen, dass so etwas auch im Rest der Welt passiert ist, das Buch konzentriert sich jedoch auf seine Protagonisten Carl und Dill, die in einem dieser neu formierten US-Splitterstaaten leben und für den größten (und wohl einzigen) Arbeitgeber arbeiten: Zombie Inc.
Die Firma hat aus dem Problem mit den Zombies eine äußerst profitable Geschäftsidee entwickelt. So verkauft sie Sicherheitssysteme an Hausbesitzer, um sich gegen Angriffe durch Untote oder Räuber zu wehren, bei denen die Zombies selbst als Waffe eingesetzt werden. Innerhalb der Mauern von Zombie Inc. ist es sicher, das garantiert die Firma. Für jeden gibt es einen Job, ob als Buchhalter, Verkäufer, Hausmeister oder im Außendienst. Dafür fordert sie von ihren Angestellten quasi 100% Treue und Aufopferung. Dinge wie Wochenende oder gar Urlaub kennen die Leute nur noch aus Erzählungen von früher.
Carl gehört zum Assessment und muss viel in den Außendienst, zum Beispiel, um Probleme mit Fehlfunktionen bei den Sicherheitszombies zu lösen. Die junge Dill, die bisher in der Nachtschicht der Putztruppe gearbeitet hat, will aufsteigen und begleitet Carl als Praktikantin und Aspirantin für den Assessment-Job. Allerdings gehört sie auch zu einer Untergrundorganisation, die für den Schutz von Zombies kämpft und dagegen ist, dass diese "bedauernswerten Geschöpfe" von Zombie Inc. so ausgenutzt werden. Da sind die Konflikte schon vorprogammiert. Als Carl auch noch den Verdacht schöpft, dass bei seinem Arbeitgeber nicht alles so toll ist, wie es scheint, fehlt nicht viel, und die Situation eskaliert.
Mehr kann ich euch gar nicht verraten, da müsst ihr das Buch schon selbst lesen. Es ist großartig geschrieben. Es ist brutal, packend, spannend, traurig, tiefsinnig, gesellschaftskritisch, ironisch und durch und durch zynisch.
Jahrelang machte ich um Fantasyliteratur einen Bogen. Der letzte Fantasyroman, den ich gelesen habe, war Tolkiens "Herr der Ringe", und das ist verdammt lange her, nämlich noch rechtzeitig, bevor der erste Film dazu in die Kinos kam. Fantasy hatte sich für mich lesetechnisch irgendwie ausgelutscht angefühlt. Ich fand nichts Neues mehr, hatte das Gefühl, alles schon zu kennen, die immer gleiche Geschichte in neuem Gewand. Auch das, was sich in der Fantasy in den letzten Jahren auf dem Buchmarkt etabliert hat, weckte mein Interesse so gar nicht. Also wandte ich mich anderen Genres zu und hatte da keine Langeweile oder das Gefühl, dass etwas fehlt. Bis ich den "Fehler" beging, mir mal die ersten zwei Folgen der Serie "The Shannara Chronicles" auf Amazon Prime anzuschauen.
Magie, Abenteuer und schöne Menschen vor dystopischer Kulisse
Was hatten wir denn da? Kriegerische Elfen, mächtige Druiden, böse Dämonen mit Weltzerstörungsambitionen, hübsche weibliche Heldinnen und einen jungen, ebenfalls adrett anzusehenden, männlichen Helden, der im Lauf der Geschichte erst einmal begreifen muss, was in ihm steckt und dass das Schicksal der Welt von ihm abhängt. Ja, klar, wieder auf den ersten Blick die alte Geschichte der Heldenreise im neuen Gewand. Aber ich weiß auch nicht, irgendwas daran weckte meine alte Liebe zur Fantasy, brachte mich dazu, beide Staffeln am Stück hintereinander anzuschauen und direkt danach gleich noch einmal. Das Dumme an dieser Serie: Sie wurde eingestellt - nach nur zwei Staffeln, und die zweite Staffel endet dann auch noch mit einem kleinen, echt fiesen Cliffhanger. Ob sich da noch etwas hinsichtlich einer dritten Staffel tut, bleibt fraglich. Aber man weiß ja nie.
Angefixt und hängengelassen - und nun?
Ich war im Shannara-Fieber! Ich wollte mehr. Also fing ich an, mich mit Hilfe von Google, YouTube und den sozialen Netzwerken näher mit der Welt von Shannara zu beschäftigen. Inzwischen folge ich einigen der Darsteller und natürlich dem Erfinder, Erfolgsautor Terry Brooks, auf Twitter und Co., habe mir eine Playlist aus dem wundervollen Soundtrack zur Serie gebastelt und bin jetzt Fan von Ruelle, der Künstlerin, von der das eindrucksvolle "Until We Go Down" stammt, mit dem das Intro untermalt ist. Aber natürlich reicht das alles nicht. Ich wusste ja, dass die Serie auf einer Buchreihe basiert. Es war mir also klar: Ich würde wieder Fantasy lesen!
Nun musste ich mich erst einmal orientieren. Auf welchem Buch genau basiert die Serie überhaupt? Wie viele Bücher gibt es? In welcher Reihenfolge liest man die denn? Welches Buch war das erste? Bei der Menge an Shannara-Büchern war das gar nicht so leicht, zumal Terry Brooks verschiedene Zyklen in ganz unterschiedlichen Zeitaltern seiner über mehrere tausend Jahre verlaufenden Saga spielen lässt. Später erschienene Bücher erzählen Geschichten, die lange vor dem zuerst erschienenen "Schwert der Elfen" spielen, andere finden sehr viel später statt. Alles sehr verwirrend.
Los geht's mit der Lektüre - Das Schwert der Elfen
(Warnung: Die nachfolgenden Absätze enthalten Spoiler, sowohl für die Serie als auch die Bücher!)
Ich entschied mich letzten Endes dafür, mit besagtem Schwert-Buch zu beginnen, auch wenn ich inzwischen wusste, dass dieses Buch von vielen Kritikern als "Herr-der-Ringe-Kopie" abgetan wird. Ich kann bestätigen, dass diese Kritiker alle recht haben. Soweit ich weiß, gab Terry Brooks selbst zu, sich zu großen Teilen von Tolkiens Meisterwerk inspiriert haben zu lassen. Ja, es gibt bei Brooks dieselbe Gefährtentruppe aus Elfen, Zwergen, Menschen, Halblingen und einem Zauberer. Der Zauberer ist hier ein Druide namens Allanon, und inzwischen finde ich den weitaus cooler als Gandalf, echt jetzt, sowohl wegen seiner Taten als auch wegen seiner Beschreibung als irgendwie furchteinflößender, ehrfurchtgebietender, wortkarger Typ, mit dem man besser keine Diskussionen anfängt. Die Halblinge heißen hier Shea und Flick Ohmsford. Sie sind eigentlich ganz normale Menschen (okay, Shea ist ein Halbelf), werden aber in der Geschichte gerne als "kleine Talbewohner" beschrieben und geraten als einfache Leute ohne militärische Ausbildung auch nur wider Willen in das Abenteuer ihres Lebens.
Auch hier sind sie auf dem Weg an einen schwer erreichbaren Ort wegen eines Artefaktes. Anders als bei Tolkien besitzen sie dieses Artefakt noch nicht, sondern versuchen, es zu erreichen, bevor ihr Widersacher, der Hexenmeister Brona, es zerstören kann. Hier geht es nicht um einen Ring, sondern um ein Schwert, die einzige wirksame Waffe gegen den Hexenmeister. Und nur Shea kann es führen, weil er ein Nachfahre des untergegangenen Königsgeschlechts Shannara ist, dem dieses Schwert gehört. Die Minen von Moria kommen in abgewandelter Form ebenso vor wie das Auenland (das beschauliche Schattental, Heimat von Shea und Flick), die Schlacht um Helms Klamm und das Heimatland des Bösen - Mordor. Dennoch liest sich das "Schwert von Shannara" kurzweilig, und es kommen einige Figuren vor, die meine Sympathien gewinnen konnten, besonders der einarmige Bandit (kein Wortspiel!) Panamon.
Und weiter geht's - Die Elfensteine
Direkt im Anschluss las ich dann "Die Elfensteine", und hier wurde die Sache für mich spannend. Das Buch ist nicht nur der Nachfolger in der Buchreihe, es bildet zugleich die Grundlage für die erste Staffel der TV-Serie. Wie so oft stimmen literarische Vorlage und Verfilmung nicht 100% überein, nicht einmal zu 50%, wenn ich genauer darüber nachdenke. Was es für mich so verwirrend machte: Ich kannte ja bereits die Verfilmung, und zwar sehr gut, weil mehrfach geschaut. Ich mochte die Figuren Wil Ohmsford, Eretria und Amberle genauso, wie sie dort gezeigt wurden, inklusive ihrer Love-Triangle-Beziehung und ihrer jeweiligen Aufgaben in der Geschichte. Dann las ich das Buch und staunte immer wieder verwirrt und fragte mich: Warum haben die das denn bloß so stark geändert in der Serie?
Wil ist in der Serie der Sohn von Shea Ohmsford, im Buch ist er der Enkelsohn, und Shea lebt noch, wenn er auch nur erwähnt wird und nicht persönlich vorkommt. Eretria steigt mit Wil schon sehr früh ins Bett und begleitet ihn und Amberle von Anfang an auf ihrer Suche nach dem Blutfeuer. Am Ende von Staffel 1 muss sie sich von der Gruppe trennen und wird einem ungewissen Schicksal überlassen - Cliffhanger für Staffel 2. Im Buch trifft Wil wesentlich später auf Eretria, verknallt sich zwar auch irgendwie sofort, weist sie aber zurück. Die beiden haben keinen Sex, küssen sich nicht einmal, da knistert erstmal gar nix. Ihre Wege kreuzen sich mehrfach, bevor Eretria erst kurz vor dem Finale endgültig bei Wil und Amberle bleibt. Sie hat auch keine so entscheidende Aufgabe, wird also nicht als "Kind des Armageddon" eingeführt wie in der Verfilmung, ohne die das Blutfeuer nicht geweckt werden könnte. Im Buch gelingt das Amberle ganz alleine.
Zwischen Amberle und Wil knistert es in der Serie gewaltig, die beiden kommen sich körperlich nahe, gestehen einander ihre Liebe. Wil entscheidet sich also für sie. Im Buch verbinden die beiden auch sehr innige Gefühle, aber von Liebe im Sinne von Liebe zwischen Mann und Frau inklusive Sex und der Vorstellung von einer gemeinsamen Zukunft als Liebespaar kann nicht die Rede sein. Sie sind eher wie Seelenverwandte, beste Freunde, Bruder und Schwester.
Ein Charakter spielt im Buch eine unglaublich wichtige Rolle, kommt in der Serie aber nur einmal vor, hilft kurz und verschwindet wieder: Perk, der junge Elf mit dem Riesenvogel (also Reittier, damit das klar ist). Und ein paar Figuren kommen im Buch überhaupt nicht vor, wurden also anscheinend extra für die Serie erfunden, unter anderem Bandon, der Elf mit seherischen Fähigkeiten, und Catania, Amberles Zofe. Beide Figuren spielen in der zweiten Staffel wichtige Rollen, also denke ich, dass sie aus dramaturgischen Gründen hier bereits eingeführt wurden.
Die zweite Staffel - wer hat sich das ausgedacht?
Überhaupt, die zweite Staffel. Versteht mich nicht falsch: Ich mag diese Staffel auch sehr! Aber ich vermute, dass es dazu gar keine "richtige" Buchvorlage gibt, sondern dass es sich hier eher um ein Potpourri von zusammengestückelten Elementen aus verschiedenen Büchern handelt, die für die Verfilmung miteinander kombiniert wurden. Wils Geschichte endet mit dem Buch "Die Elfensteine". Er bleibt mit Eretria zusammen, sie gründen eine Familie, wobei das im Buch noch nicht erwähnt wird. Das weiß ich nur, weil im Folgeband dann Brin, die Tochter von Wil, die Hauptrolle spielen wird - dieses Buch wird demnächst gelesen. In der Serie geht Wils Geschichte aber weiter. Er ist gebrochen, denn Amberle ist für ihn verloren, und wo Eretria steckt und ob sie noch lebt, weiß er nicht. In Staffel 2 lebt Wil in Storlock, dem Dorf der Heilergnome, wo er sich zum Heiler ausbilden lässt. Es läuft für ihn so lala, bis Merath in sein Leben stolpert. Sie entpuppt sich als Tochter von Allanon, verfügt selbst über erstaunliche magische Kräfte und will, dass Wil sie zu ihrem Vater bringt, der von ihrer Existenz nichts weiß. Weil gleichzeitig aber die Blutjäger, eine Gruppe abtrünniger Elfensoldaten, die sämtliche Magie aus den Vier Landen beseitigen wollen, hinter Wil und Allanon her sind, geraten die Dinge ins Rollen. Obendrein erweckt Bandon, der sich für die dunkle Seite entschieden hat, den totgeglaubten Hexenmeister Brona mittels eines Rituals wieder zum Leben, und was Brona will, wissen wir seit dem "Schwert von Shannara" ja. Wil muss also wieder einmal die Welt retten, ob er das gut findet oder nicht.
Der Reiz der TV-Verfilmung: Mehr Dystopie
Was mir in der Serie übrigens sehr viel besser gefällt als in den Büchern, ist der klare Bezug zu unserer heutigen Welt. Die Vier Lande, in denen die Geschichten spielen, befinden sich nämlich nicht in einer anderen Welt, sondern hier auf der Erde, auf dem Kontinent, den wir als Nordamerika kennen, nur eben in ziemlich ferner Zukunft. Vor tausenden Jahren, ungefähr jetzt, um die Jahrtausendwende herum, wurde unsere Welt, wie wir sie heute kennen, in einem großen nuklearen Weltkrieg zerstört. Diejenigen, die überlebten, bildeten die Grundlage der Rassen, die sich im Laufe der Zeit entwickelten: Menschen, Trolle, Gnome, Zwerge. Und die Elfen? Die waren laut Terry Brooks schon immer da gewesen, hatten sich aber im Verborgenen gehalten, traten erst nach den Großen Kriegen zum Vorschein und entwickelten sich zu einer der herrschenden Rassen.
Cover für Staffel 2
Dieser Hintergrund ist in Buch und Serie gleich. Aber in der Serie wurde es optisch sehr schön vermittelt. Da reitet Wil an einem mitten im Wald liegenden, völlig überwucherten Flugzeugträger vorbei. Da werden Hinterlassenschaften wie Computertastaturen als Innendekoration verwendet. Amberle und Eretria landen auf ihrer Flucht vor Elfenjägern in einer Highschool-Turnhalle, die wie eine Zeitkapsel die Jahrtausende überdauert hat und noch für den letzten Abschlussball geschmückt ist. Da finden Wil, Amberle und Eretria das Blutfeuer mitten in den Ruinen von San Francisco in einer Kirchenruine, in der Amberle ehrfürchtig eine Marienstatue anstarrt. Diese dystopische Atmosphäre macht für mich den Reiz dieser Serie aus. In den Büchern werden die Hinterlassenschaften der untergegangenen Menschheit nur an ganz wenigen Stellen erwähnt. Ich hoffe, dass diese in späteren Büchern eine stärkere Rolle spielen, das würde mir gefallen.
Wie dem auch sei, ich habe dank Shannara wieder Lust auf Fantasy bekommen und genieße es sehr, mich gedanklich in dieser faszinierenden Welt, die Terry Brooks da geschaffen hat, zu verlieren. Demnächst also werde ich das "Lied der Elfen" lesen und danach bestimmt noch das nächste Buch und das nächste und so weiter.
Wenn ihr jetzt auch Lust habt, in diese faszinierende Welt einzutauchen, dann folgt diesem Link zum ersten Buch oder, wenn ihr lieber gucken mögt, sucht mal danach bei Amazon & Co. Vielleicht seid ihr anschließend ja genauso in Shannara verliebt wie ich!