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Sonntag, 29. Oktober 2023

Buchtipp: "Der Skandal" von T. S. Orgel

Das schreibende Brüderpaar, das hinter dem Pseudonym T. S. Orgel steckt, ist schon seit einigen Jahren fester und erfolgreicher Bestandteil der deutschsprachigen Phantastik. Bekannt sind sie für ihre epischen Fantasyromane, aber auch für historische Romane und Science Fiction. Sie sind gern gesehene Gäste beim BuCon und bereichern dessen Programm regelmäßig mit ihren launigen Lesungen - wirklich, die solltet ihr euch mal live gönnen, macht Spaß!

Nun habe ich aber tatsächlich noch kein einziges ihrer Bücher gelesen - bis heute, und was ich euch heute vorstellen möchte, fällt schon rein vom Thema total aus dem "typischen" Orgel-Schema. Es handelt sich nämlich um einen Thriller. Einen Biothriller, genauer gesagt.

"Der Skandal" fühlt sich an wie ein Kino-Blockbuster, in dem es um Weltkonzerne, raffinierte Biotechnologie, korrupte mächtige Menschen, clevere Aktivistinnen und eine Bedrohung für die gesamte Menschheit geht. Würde mich wirklich nicht wundern, wenn das demnächst bei Netflix & Co. angekündigt wird. Vor meinem inneren Auge lief jedenfalls die ganze Zeit der Film mit.

Worum geht es?

Da ist dieses supermoderne, coole Unternehmen namens Light Foods. Die haben es geschafft, Fleisch im Labor zu züchten. Für dieses Fleisch müssen keine Tiere sterben, und es unterscheidet sich in Geschmack, Optik und Struktur nicht von echtem Fleisch - im Gegenteil: es schmeckt noch besser. Zu schön, um wahr zu sein? Firmenchef Dan Light ist von seiner Vision und seiner Firma absolut überzeugt. Das Geschäft brummt, die ganze Welt ist verrückt nach seinen Produkten. Doch dann tauchen Gerüchte auf, dass Light Foods etwas mit den immer häufiger auftretenden Fällen einer tödlichen Krankheit namens TASE zu tun hat. Als eine Gruppe von Aktivisten, die ebenfalls diesem Verdacht nachgehen, mit einer Aktion für die nötige Aufmerksamkeit sorgen, eskaliert die Situation, und plötzlich stehen nicht nur die Aktivisten im Fokus, sondern Dan Light selbst gerät unter Verdacht und riskiert, alles zu verlieren.

Mein Eindruck

Ich bin ganz angetan von diesem Thriller. Er spielt in Deutschland - Berlin, Müritz, die Mecklenburger Seenplatte, das Brandenburger Havelland sind die Schauplätze. Die vielen technischen Details sind leicht verständlich in die Handlung eingebaut. Es werden immer mal falsche Fährten ausgelegt und mehr oder weniger überraschende Wendepunkte eingebaut. Ich mochte die kleinen Seitenhiebe hier und da auf gewisse in der realen Welt existierende Milliardäre, die zufällig auch im Brandenburger Land Standorte für ihre zukunftsorientierten Technologien betreiben. Mir hat es auch Spaß gemacht mitzuraten, welche Figur ein falsches Spiel spielt und wer sich am Ende als gar nicht so großes Arschloch herausstellt, wie ich das als Leserin zunächst annehmen sollte.

Wer Thriller mag, in denen es um die Tücken der Technologie geht, wird hier fündig. Rasant, unterhaltsam und hochaktuell verpackt erzählen uns die Orgels eine spannende Geschichte, deren reale Hintergründe gar nicht mehr so Science Fiction sind, sondern möglicherweise schon bald bestimmender Teil unserer Welt sein könnten.

Von mir gibt es 4, 5 von 5 kontaminierten Nährlösungstanks.


Ihr findet das Buch "Der Skandal" überall im Buchhandel und allen einschlägig bekannten Online-Shops.

Bilder: Offizielle Website von T. S. Orgel


Sonntag, 12. März 2023

Buchtipp: "Fairy Tale" von Stephen King

Ich merke gerade, dass mein letzter Buchtipp hier auf dem Blog ebenfalls ein Titel von Stephen King war. Aber egal, ich habe die Lektüre von "Fairy Tale" so sehr genossen, ich muss euch dieses Buch einfach unbedingt vorstellen - und wärmstens empfehlen.

Allen, die mit dem Namen Stephen King finsteren Horror à la "Friedhof der Kuscheltiere" oder "ES" verbinden, sei gesagt: Der Mann schreibt auch in ganz anderen Genres, und zwar verdammt gut. "Fairy Tale" ist eine astreine Fantasy-Geschichte, die aber die unverkennbare Handschrift des King of Horror trägt.

Dabei ist es nicht einmal sein erster Fantasy-Roman, allerdings der erste seit einer langen Zeit.

Worum geht es?

Wir lernen zunächst den 17-jährigen Charlie Reade kennen, einen auf den ersten Blick typisch amerikanischen Teenager, der in einer typisch amerikanischen Kleinstadt in eine typisch amerikanische High School geht, wo er unter anderem im Schulteam die wirklich super-typisch amerikanische Sportart Baseball trainiert. Aber unter seiner äußeren Erscheinung verbirgt sich eine verletzte Seele: Charlie verlor seine Mutter früh durch einen schlimmen Unfall, der Vater entwickelte eine schwere Alkoholsucht, aus der er es jahrelang nicht herausschaffte, Charlies Kindheit verlief alles andere als unbeschert. Dennoch ist er der nette, hilfsbereite junge Mann geworden, der eines Tages dem griesgrämigen, eigenbrötlerischen Howard Bowditch zur Hilfe eilt, als der sich bei einem Sturz schwere Knochenbrüche zuzieht. Vor allem über die alte Hundedame Radar findet Charlie einen Zugang zu dem Mann, der seit Ewigkeiten allein in seinem Haus lebt und nun zum ersten Mal auf fremde Hilfe angewiesen ist. Die soll Charlie ihm leisten, denn er ist der einzige, dem Mr. Bowditch halbwegs vertraut. Der Alte hütet auf seinem Grundstück nämlich nicht nur einen gewaltigen Goldschatz, sondern auch den Zugang zu einer fremden Welt. Bis es soweit ist, dass wir dort hindurchgeführt werden, vergehen einige Seiten - die jedoch lassen sich mit Genuss lesen.

Es kommt eines zum anderen, und Charlie findet sich selbst in jener fremden Welt wieder - zusammen mit Radar, der Hundedame, die so krank ist, dass sie bald sterben wird, wenn Charlie sie nicht zu einem bestimmten Ort in dieser Anderswelt bringt, wo sie geheilt werden kann. Er lernt freundlich gesonnene Bewohner kennen an diesem Ort, der gleichzeitig fremdartig und seltsam vertraut wirkt. Dabei erfährt Charlie nach und nach, unter welchem schrecklichen Fluch die Menschen hier leiden und dass diese Welt im Sterben liegt, wenn nicht eines Tages ein Held erscheint, der den Kampf gegen das Böse aufnimmt. Aber Charlie ist nur ein Teenager aus einer amerikanischen Kleinstadt und kein Held. Oder?

Mein Eindruck

Stephen King hat meine Erwartungen übertroffen. Er hat eine wundervolle, spannende, packende Fantasy-Geschichte geschrieben, die alles enthält, was ein Fantasy-Roman enthalten muss, um ihn als episch zu bezeichnen: Eine fremde Welt voller Magie und Wunder, einen mutigen jungen Helden, eine schöne Prinzessin, die von einem Fluch befreit werden muss, ein geknechtetes Volk, das auf seinen Retter wartet, kleinere Fieslinge, die auf der Heldenreise bezwungen werden müssen, bis hin zu großen Gegnern, die es zu überwinden gilt - bis am Ende der Showdown an einem düsteren Ort stattfinden kann - der Kampf gegen das übermächtige, ultimative Böse.

Und dennoch ist hier vieles anders, werden Klischees nur aufgegriffen, um gebrochen zu werden. Charlie Reade erzählt uns seine Geschichte rückblickend und kommentiert und bewertet vieles aus seiner heutigen Sicht und betont dabei immer wieder, dass das hier "nicht so eine Geschichte" sei. Das macht ihn greifbar, menschlich und kein bisschen heldenhaft, obwohl er im Lauf seines Abenteuers immer wieder ein Stück weiter über sich selbst hinauswachsen muss.

Hinzu kommen die vielen lebendigen Figuren, denen wir in dieser fremden Welt begegnen, von der Schuhflickerin Dora über den hinterhältigen Peterkin bis zu Snab, der großen roten Grille. Dann wären da noch die schöne Prinzessin Leah, der mutige, streitlustige Iota, die taube Claudia, der blinde Woody, die grässliche Riesin Hana und so viele mehr. Und das sind nur die Leute aus der Anderswelt. Auf unserer Seite lernen wir Charlies Vater kennen und natürlich Mr. Bowditch, den  granteligen Bewohner des Hauses am Ende der Sycamore Street, in dessen Schuppen sich ein echtes Weltentor verbirgt.

Extra erwähnen muss ich Radar. Sie ist ein bezaubernder Charakter in dieser Geschichte. Eine Schäferhündin, die Mr. Bowditch gehört, an die Charlie aber sein Herz verliert - wie ich als Leserin übrigens auch, dabei bin ich gar kein "Hundemensch". Radar ist diejenige, mit der ich von allen Figuren in "Fairy Tale" am meisten mitgefiebert habe.

Wie schon erwähnt, wäre dies kein Stephen-King-Buch, wenn nicht hier und dort das eine oder andere Horrorelement durchschimmern würde - von den untoten Nachtsoldaten bis zu Gogmagog, einem Wesen, das direkt aus Lovecrafts Cthulhu-Universum entsprungen sein könnte.

Fazit

Ich darf gar nicht viel mehr verraten, deshalb nur noch einmal zusammengefasst: "Fairy Tale" ist ein großartiger Fantasy-Roman, wunderbar und episch. Es zeigt, dass man das Rad literarisch nicht komplett neu erfinden muss, sondern dass man "nur" die richtigen Zutaten kennen und auf ganz eigene, originelle Weise miteinander kombinieren und vermischen können muss - und dass Stephen King das kann, hat er hier auf eindrucksvolle Weise bewiesen.

Ich vergebe volle 5 von 5 Monarchenfaltern!

Übrigens:

Schon kurz nach Erscheinen des Buches wurde bekannt, dass Stephen King die Filmrechte für einen symbolischen Dollar an den Regisseur Paul Greengrass verkauft haben soll, von dem der Autor ein Fan sei. Ob aus dem Stoff ein Kinofilm oder eine Netflixproduktion wird, ein Einteiler oder eine Serie, ist noch nicht bekannt. Genug Material würde die Geschichte bieten. Ich kenne mich: Ich werde es auf jeden Fall anschauen. Drüben auf meinem Filmblog würde ich es dann natürlich beizeiten vorstellen.

Mittwoch, 26. Oktober 2022

Buchtipp: Stephen King - "Das Institut"

Ich habe endlich wieder ein Buch von Stephen King gelesen. Meine Leidenschaft für Bücher im Allgemeinen und für Horror im Speziellen hing schon immer eng mit diesem Autor zusammen. Eigentlich wollte ich bei King auch stets auf dem aktuellsten Stand bleiben, wollte jedes Buch quasi sofort nach Erscheinung lesen, aber das konnte ich irgendwann nicht mehr wuppen. Inzwischen stehen etliche Stephen-King-Titel noch auf meiner Muss-ich-unbedingt-noch-lesen-Liste. Bei "The Institute" kann ich endlich einen Erledigt-Haken setzen.

Worum geht's?

(Ich habe die englische Originalversion gelesen, möglicherweise verwende ich hier und da abweichende Begriffe, die ich mir selbst übersetzt habe, oder die originalen englischen Namen.)

Luke Ellis, ein zwölfjähriger Junge, führt ein ganz normales Leben in einem Vorort von Minneapolis. Er ist verdammt schlau für sein Alter, und manchmal gelingt es ihm, leere Pizzakartons vom Tisch zu schubsen - nur mit seinen Gedanken. Aber das ist an sich unspektakulär, glaubt zumindest Luke. Bis eines Nachts Fremde in das Haus der Familie Ellis eindringen, Lukes Eltern kaltblütig ermorden und den Jungen entführen. Als er zu sich kommt, befindet er sich in einer fast exakten Kopie seines echten Zimmers, aber dieser Raum liegt im Inneren eines unheimlichen, vor der Welt verheimlichten Ortes, der von seinen Betreibern nur das Institut genannt wird.

Hierher wurden andere Kinder auf ähnliche Weise verschleppt, und sie alle haben etwas gemeinsam: Sie besitzen paranormale Kräfte - Telekinese oder Telepathie, die einen nur schwach, die anderen etwas stärker. Die Menschen im Institut führen seltsame Untersuchungen an Luke durch, injizieren Substanzen, bedrohen und bestrafen ihn. Luke erkennt bald, dass es darum geht, seine übersinnlichen Fähigkeiten zu verstärken, auch wenn er keine Ahnung hat, zu welchem Zweck. Nach und nach verschwinden die Kinder, mit denen er sich im Institut angefreundet hat. Er erfährt, dass es hinter dem Teil, in dem er untergebracht ist, der Front Half, einen weiteren Bereich gibt, die Back Half. Dorthin werden die Kinder gebracht, und von dort ist noch niemals jemand zurückgekommen. Luke weiß, wenn er dran ist und in die Back Half umziehen muss, ist er verloren. Also schmiedet er einen waghalsigen Fluchtplan, aber noch nie konnte ein Kind entkommen. Doch Luke muss es versuchen - für sich selbst und für seine Freunde.

So. Mehr kann und sollte ich an dieser Stelle gar nicht verraten.

Wie hat es mir gefallen?

Der Roman ist - wie ich es von King gewohnt bin - wahnsinnig komplex und mit einem zahlreichen Cast ausgestattet. Tatsächlich dauert es eine Weile, bis die eigentliche Geschichte um Luke Ellis richtig losgeht. Am Anfang geht es nämlich erst einmal um eine andere Figur, der wir Lesenden folgen, bis wir sie plötzlich zurücklassen und uns Lukes Geschichte zuwenden. Das hat natürlich alles seine Gründe, und irgendwann werden die Schicksale aller Figuren an einem Ort zusammengeführt, aber bis dahin ist es ein weiter Weg. Vermutlich war auch dieser verwirrende Anfang ein Grund, dass ich das Buch vor sicher zwei Jahren anfing zu lesen und dann erst einmal beiseite legte. Erst in diesem Jahr nahm ich es mir wieder vor und las weiter. Und als die Dinge im Institute ins Rollen kamen - sagen wir: spätestens, als Luke begann, die Punkte zu sehen -, war ich gefesselt und wollte unbedingt lesen und weiterlesen.

Also hat es mir gefallen? Ja, definitiv ja. Vermutlich lag es an mir selbst und dem Zeitpunkt, als ich mit der Lektüre begann, dass ich nicht so richtig reinfand. Was ich sehr mochte, waren die Kinder im Institut. Jedes hatte seine Geschichte, war besonders, merkwürdig auf eine Weise, aber liebenswert. Mit den Kids, allen voran Luke und Avery, bangte und litt ich am meisten. Es war schön, wieder eine Geschichte von Stephen King zu lesen, in der Kinder die Hauptrolle spielten. Er hat es immer noch drauf, ihre Gefühle, Ängste und kindliche Sicht auf die Welt einfühlsam und glaubhaft zu vermitteln. Aber auch die Bösewichte haben Spaß gemacht, allen voran Mrs. Sigsby. Eine wirklich durchtriebene Antagonistin! Hätte nur noch gefehlt, dass sie rosa Outfits trägt und lauter Katzenbilder in ihrem Büro hat.

Fazit

"The Institute" ist nach meinem Verständnis kein Horror-Roman, zumindest kein reiner. Es ist ein Thriller mit politischer Botschaft und - typisch King - klarer Kritik an Donald Trump und seiner Art, Politik zu betreiben. Das Buch ist Science Fiction, Mystery, und es bedient sich einiger klassischer Verschwörungstheorien, allen voran der, nach der hinter den Kulissen geheime Organisationen die Fäden der Macht in der Hand halten und die Geschicke der Menschheit lenken. Aber das Gefühl des Horrors, des Terrors, insbesondere immer dann, wenn Kinder in Gefahr geraten, ist nicht zu rar gesät und gipfelt in einem epischen Showdown. Überhaupt mochte ich das Ende, es fühlte sich richtig an und wirkte auf mich so, als hätte King es wirklich so geplant und gewusst, was er tat. (Tatsächlich wird King häufig für seine schwachen Enden kritisiert, aber das kann man ihm hier meiner Meinung nach wirklich nicht vorwerfen.)

Ich vergebe für "The Institute" 4,5 von 5 Kaugummi-Zigaretten.

P. S. Oben seht ihr übrigens das amerikanische Cover, weiter unten das deutsche, wie es bei Heyne erschien. Ich mag beide, finde das amerikanische aber ein wenig atmosphärischer.

P. P. S. Übrigens gibt es auch für "The Institute" Pläne, es zu verfilmen. Auf imdb.com existiert bereits ein Eintrag, der aber nicht viel mehr als die Kurzzusammenfassung sowie den Hinweis enthält, dass eine TV-Miniserie geplant sei. Dies wurde auch schon 2019 bei Filmstarts bestätigt. Wir werden es rechtzeitig erfahren, und ich setze es zumindest gedanklich schon einmal auf meine Watchlist.

Dienstag, 18. Oktober 2022

Buchtipp: Fred Ink "Hexenhaus"

In Fred Inks Horror-Roman "Hexenhaus" gibt es ein Wiedersehen mit Walter Dekker, dem vom Pech verfolgten Privatdetektiv, den ich schon in Inks Roman "Hinter den Winkeln" kennenlernte. Da es ja gar nicht mehr lange hin ist bis zum nächsten Dekker-Roman, muss ich mich nun sputen, euch meinen Buchtipp zu präsentieren.

Worum geht es?

Walter Dekker ist immer noch in Arkham, dem Ort, an dem sich irgendwie immer und überall etwas Böses, Dunkles in den Schatten zu verstecken scheint. Sein Detektivbüro in dem ehemaligen Buchladen hat er noch gar nicht richtig eingerichtet, da steht ein verzweifelt wirkender Mann namens George Benson vor ihm und bittet ihn um Hilfe bei der Suche nach seiner verschwundenen Freundin. Ihre Spur führt in ein leerstehendes altes Haus, in dem sie überraschenderweise auf weitere Personen treffen, die aus eigenen Gründen hergekommen sind. Und auch das Haus selbst verbirgt sehr viel mehr hinter seinen verrotteten Wänden, als es auf den ersten Blick scheint. Einst soll hier eine Hexe gelebt haben, und ob das wirklich so war oder nicht: Dekker, George und die anderen werden plötzlich mit grausigen Bedrohungen konfrontiert und sehen sich gezwungen, tiefer in das Haus vorzudringen, als ihnen lieb ist. Schon bald müssen sie erkennen, dass sie mitten in einem Labyrinth stecken, und hinter jeder Ecke könnte die nächste tödliche Falle lauern. Die Frage ist nur: Ist es das Haus selbst, das mit ihnen sein teuflisches Spiel spielt, oder steckt etwas ganz Anderes, Älteres und Gefährlicheres dahinter? 

Wie fand ich es?

Es ist wieder ein waschechter Ink-Roman geworden, und das heißt, dass die Lektüre mich aufs Vorzüglichste unterhalten hat. Alles, was ich von einer guten Horrorgeschichte erwarte, habe ich hier gefunden: Grusel, Gänsehaut, Humor, starke Figuren, Blut und Massaker, Monster, dunkle Welten und jede Menge Spannung. Hinzu kommt, dass ich als Leserin mich so wie die Figuren im Buch in einem Labyrinth fühlte - ich musste mich auch trauen, auf die nächste Seite zu blättern, um zu erfahren, ob es eine gute oder schlechte Idee war, durch diese eine Tür zu gehen.

Es gab natürlich die Hauptgeschichte um Dekker und seine Mitstreiter:innen und ihre Suche nach einem Ausweg. Aber wie es für Labyrinthe üblich ist, biegen sie oft falsch ab und finden sich an überraschenden Orten wieder oder treffen auf überraschende Personen, mit denen niemand gerechnet hat. Und so genoss ich es wieder sehr, auf alte Bekannte zu treffen, diesmal auf einen Wissenschaftler an einem Ort, den Eingeweihte aus Inks Roman "Crossover" wiedererkennen werden, auf die toughe Söldnerin Florence und auf einen gewissen sprechenden Kater namens Fostur (hallo, Herr Ink, bitte unbedingt mehr von Fostur, ja?).

Der gewisse Lovecraft'sche Einfluss darf natürlich auch nicht fehlen, und am Ende bleiben genügend lose Fäden übrig, an denen angeknüpft werden kann - sei es in weiteren Walter-Dekker-Büchern oder in anderen Geschichten, denn das Universum, das von Fred Ink hier seit Jahren kontinuierlich aufgebaut wird, ist groß und wird immer größer. Monströs groß sozusagen.

Fazit

"Hexenhaus" ist ein gelungener, spannender, rasant erzählter Horror-Roman, der viel mehr bietet, als sich auf den ersten Blick auch nur erahnen lässt. Dazu hat das Buch mit Walter Dekker einen wahnsinnig liebenswerten Protagonisten mit Ecken, Kanten und eigenen Geheimnissen, die der Autor hoffentlich in weiteren Geschichten nach und nach aufdecken wird.

Das Buch ist im KOVD Verlag erschienen und kann dort im eigenen Online-Shop als Print (Englische Broschur) bestellt werden. Wer die E-Book-Variant haben möchte, bekommt diese z. B. hier.

Übrigens ist kein Vorwissen notwendig, ihr könnt dieses Buch direkt lesen, ohne die vorangegangenen Bücher zu kennen - allerdings werdet ihr diese wahrscheinlich danach alle lesen wollen. Für Fans von originellem, atmosphärisch dichtem, gut erzähltem Horror steckt hier nämlich echtes Suchtpotenzial drin ...

Ich vergebe volle 5 von 5 blutgierigen Mbaaks.


Dienstag, 27. September 2022

Buchtipp: Vincent Voss "Im Eis"

Es ist schon ein paar Monate her, dass ich das Buch gelesen habe, aber sobald ich daran zurückdenke, überzieht mich sofort eine Gänsehaut, und das Gefühl von Kälte ist wieder da.

Darum geht's:

Die Ethnologin Amelie entdeckt die verschollenen Tagebuchaufzeichnungen des Kapitäns Johannes Werkmeister, der mit seinem Schiff Teutonia an der legendären 3. Nordpolexpedition im Jahr 1878 teilgenommen hatte. Die Lektüre eröffnet ihr ganz neue Erkenntnisse, die sie nicht nur beunruhigen, sondern ihre Neugierde nähren. Sie schafft es, eine neue Expedition auf die Beine zu stellen, um dem Weg der Schiffe zu folgen und herauszufinden, was damals wirklich passiert ist. Dabei muss sie schon bald erkennen, dass sie das Leben aller in Gefahr bringt, die sie auf dieser Reise begleiten. Der Horror wartet im ewigen Eis ...

Hat es mir gefallen?

Aber sowas von. Es ist wieder ein großartiger, spannender, gänsehauttreibender Roman aus der Feder eines meiner Lieblingsautoren im Horrorgenre - Vincent Voss. Und dass er diesmal sehr intensiv und ausführlich recherchiert und entsprechend lange gebraucht hat, um das Buch zu schreiben, merkt man dem Skript an. Es ist mit vielen Details gespickt, sowohl in dem Handlungsstrang über die 3. Expedition, die in Form von Tagebucheinträgen eingebaut wurde, als auch in dem in der Gegenwart spielenden zweiten Handlungsstrang, dessen Mittelpunkt die Wissenschaftlerin Amelie bildet. Wie eingangs erwähnt, schafft es das Buch durch seine intensiven Beschreibungen von Landschaft und Nordpolarmeer, das Gefühl von durchdringender Kälte zu vermitteln. Der Horror schwingt zunächst eher unterschwellig mit, wie eine Ahnung, dass unter der Oberfläche etwas lauert, das jederzeit hervorbrechen könnte - und es dann auch tut. Oh, und wie es das tut. Ich erwähnte es ja schon: ein echter Voss.

Fazit:

Ich hätte das Buch vielleicht besser im Sommer vorgestellt, da hätte es für willkommene Abkühlung gesorgt. Wenn ihr also jetzt im Herbst und kommenden Winter dazu greift, sorgt dafür, dass ihr kuschelige Socken an den Füßen tragt, eine Wolldecke um eure Schultern gelegt ist und ein wärmendes Heißgetränk in greifbarer Nähe bereitsteht!

Ich vergebe 4,5 von 5 blutbesudelten Eisschollen.

Wenn ihr das Buch nun unbedingt lesen wollt (wovon ich ausgehe), empfehle ich, es direkt beim Verlag Torsten Low zu bestellen - und zwar hier.

Freitag, 16. Oktober 2020

Zwei meiner Hörbücher erhielten ausführliche Rezensionen

Das hat mich ein wenig überrascht und sehr gefreut: Auf dem Blog The Librarian and her Books wurden kurz hintereinander zwei meiner Hörbücher vorgestellt und besprochen, die von der Hörbuchmanufaktur produziert und veröffentlicht worden sind.


Gestern entdeckte ich eher zufällig die erste Rezension zu "Dunkle Begegnungen", heute folgte die zu "Zwischenstopp - Dunkle Geschichten". Beide Hörbücher haben der Rezensentin insgesamt ziemlich gut gefallen und erhielten jeweils 4 Sterne. Volle 5 hätten sie wohl erhalten, wenn sie bei der Rezensentin mehr Grusel und Gänsehaut erzeugt hätten. Das schiebe ich mal auf persönlichen Geschmack - was den einen gruselt und Albträume beschert, entreißt dem anderen nur ein kurzes Zucken im Mundwinkel. Damit kann ich gut leben. Was mich freut, ist zum Einen, dass mein Schreibstil begeistern konnte und dass fast alle Geschichten aufgrund ihrer Ideen und Figuren zu überzeugen wussten, und zum Anderen, dass auch die Umsetzung als Hörbuch mit den ausgesuchten Sprecher*innen im Großen und Ganzen sehr gut ankam.

Ich gestehe, ich hoffe jetzt insgeheim, dass die Rezensentin auch mein drittes Hörbuch mit den Schauermärchen, "Des Nachts im finstren Wald", genauer unter die Lupe nehmen wird ... ;-)


Und hier findet ihr die Rezension zu "Dunkle Begegnungen".

Montag, 14. September 2020

Buchtipp: "Totes Meer" von Brian Keene

Meine persönliche Best-of-Zombie-Books-Liste hat einen Neuzugang zu vermelden. Das Buch erschien bereits 2010 erstmals auf Deutsch und dümpelte eine ganze Weile auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Im Sommer dieses Jahres beschloss ich, dass es endlich wieder Zeit für eine Zombiegeschichte war. Also griff ich zu "Totes Meer" und war ziemlich begeistert.

Zombies überall

Die Zombie-Apokalypse beginnt hier fast schon traditionell: Rattenbisse verwandeln Menschen in fleischfressende, wandelnde Leichen. Erst nur vereinzelt, dann werden es immer mehr. Weil es mit Ratten anfängt, bekommt die Seuche den klangvollen Namen Hamelns Rache. Es dauert nicht lange, und die Ereignisse überschlagen sich: Überall werden aus Menschen lebende Tote, die alles jagen, was noch ein schlagendes Herz hat. Vor nichts und niemand macht es halt, kein Ort scheint mehr sicher. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe Überlebender schafft es, sich auf einem alten, aber immer noch funktionierenden Museumsschiff aus dem brennden Baltimore aufs offene Wasser zu retten, doch wohin sollen sie sich wenden? Und was, wenn es Hamelns Rache ebenfalls an Bord geschafft hat?

Erzählt wird die Geschichte aus Sicht von Lamar, der sich plötzlich als einer der letzten Überlebenden Baltimores mit einer wahren Flut Untoter konfrontiert sieht. Gleich in der ersten Szene des Buches steckt er so tief im Schlamassel, dass es eigentlich nicht mehr viel tiefer gehen kann. Aber natürlich kommt es schlimmer. Viel schlimmer. Richtig schlimm.

Mein Eindruck

Brian Keene hat für seinen Roman das Genre nicht neu erfunden, er hat jedoch ein paar unschöne, aber äußerst spannende Spielregeln hinzugefügt. Ich möchte nicht spoilern, aber so ein Zombievirus findet nicht nur Gefallen an Menschen und Ratten, und so kommt es immer wieder zu drastischen, actiongeladenen Szenen, in denen die Überlebenden nicht nur gegen menschliche Zombies kämpfen müssen.

Außerdem hat Keene mit Lamar einen wirklich sympathischen Protagonisten erschaffen, dessen Schicksal mich mitnahm und mitleiden ließ, und das auch ohne den Zombie-Bonus. Denn Lamar hat schon, bevor Hamelns Rache über das Land kam, am Rand der Gesellschaft dahinvegetiert und sowieso jeden Tag ums Überleben kämpfen müssen. Arm, arbeitslos, friedfertig, schwarz und schwul, all das lässt Lamar zunächst wie das garantiert nächste Opfer eines hungrigen Zombies wirken - oder eines homophoben Rassisten, dem Lamars freundliche Visage nicht passt. Aber er beißt (beißt ... hihi) sich ein ums andere Mal durch, hilft anderen und wächst immer wieder über sich und seine eigenen inneren Dämonen hinaus.

Abzüglich aller Gesellschaftskritik und sonstiger äußerst aktueller Thematiken ist "Totes Meer" in erster Linie aber immer noch ein spannender, deftiger und angemessen blutiger Zombie-Roman in einer klaren, einfach gehaltenen Sprache, die diese Art von Geschichte genau richtig vorantreibt.

Und weil ja viele besonderen Wert auf den ersten Satz legen - mich eingeschlossen - präsentiere ich hier mal den ersten Satz aus "Totes Meer" - der sitzt auf jeden Fall, würde ich sagen:

"Ich erschoss die Schlampe erst, als sie anfing, Alans Gesicht zu fressen."

Ich jedenfalls vergebe sehr gern 5 von 5 beißwütigen Zombieratten!


Sonntag, 26. Juli 2020

Buchtipp: "Hinter den Winkeln" von Fred Ink

Ich habe im diesjährigen Sommerurlaub wieder etwas mehr Zeit zum Lesen gehabt. Drei Bücher sind es geworden, und alle drei haben mir so gut gefallen, dass ich sie euch nacheinander vorstellen und ans Herz legen möchte. Hier kommt Buchtipp Nr. 1:

"Hinter den Winkeln" von Fred Ink

Ich bin schon seit längerem ein Fan von Fred Ink und seinen unglaublich guten Horrorgeschichten. Als er in diesem Jahr ein neues Buch ankündigte, war klar, dass ich es unbedingt haben muss. Und dann ergab es sich sogar, dass Fred mir das Buch mit persönlicher Widmung schenkte - wie konnte ich da Nein sagen? 

Ob es mir gefallen hat? Aber sowas von! "Hinter den Winkeln" ist ein rundum gelungener Horror-Roman, der Liebhabern der unheimlichen Phantastik wie mir alles bietet, was man sich wünschen kann. Noch dazu bietet das Buch sogar vier Geschichten in einer. Denn der Autor stellt uns anfangs vier Personen vor, die von Grund auf nicht unterschiedlicher sein könnten und die alle ihren ganz eigenen Horror erleben, als das Böse versucht, in unsere Welt einzudringen.

Da ist Walter, ein mehr oder weniger erfolgloser Privatdetektiv, der das Unglück anzuziehen scheint wie das Licht die Motten. Bei einem Auftrag stößt er auf ein geheimnisvolles Buch, dessen Spur ihn bis in die seltsame Stadt Arkham (!) führt. Da ist Agnes, die schüchterne Bestsellerautorin, deren letztes Manuskript ein beunruhigendes Eigenleben entwickeln zu scheint - und dabei kann sie sich nicht einmal erinnern, dieses überhaupt geschrieben zu haben. Die Söldnerin Florence gerät im tiefsten südamerikanischen Dschungel mit einer Kreatur aneinander, mit der sie eine Rechnung offen hat, doch auf der Jagd nach dem Wesen stößt sie auf das unvorstellbare Grauen. Zu Guter Letzt wäre da Mark, der auf den ersten Blick ein armer Irrer ist - auf den zweiten Blick bildet er sich jedoch nicht nur ein, dass alles, was er berührt, stirbt - es passiert tatsächlich. Gemeinsam mit seinem dämonischen Freund Menelaos, den natürlich niemand außer ihm wahrnehmen kann, muss er sich auf den Weg in die Welt "hinter den Winkeln" machen, um den Kampf gegen das Böse aufzunehmen.

Alle vier Schicksale werden im Wechsel erzählt, und nach und nach enthüllt sich das große Ganze. Auf dem Weg ins Finale erlebt man eine wahre Achterbahnfahrt -  oder eher die rasante Fahrt durch eine Geisterbahn? Action, Grusel, Abgründe, Blut und Gedärme, düstere Geheimnisse, Dämonen, Monster und die sprichwörtlichen Großen Alten, die uns faszinieren, seit H.P. Lovecraft uns zum ersten Mal von ihnen erzählte - alles ist in knapp 260 Taschenbuchseiten enthalten.

Die Lektüre bescherte mir jede Menge Gänsehaut, einen kurzen Moment der Wiedersehensfreude, auf den ich an dieser Stelle nicht näher eingehen werde, und entlockte mir hier und da ein amüsiertes Grinsen, besonders, wenn Mark es plötzlich mit einer Armee sprechender Katzen zu tun bekommt. Erwähnte ich, dass dieses Buch eine richtige Wundertüte ist?

Fred Inks neuester Roman hat mich wieder auf ganzer Linie begeistert, ich kann ihn nur wärmstens empfehlen. Wenn ihr auf monströsen Horror steht, Crossover zu Genres wie der Science Fiction mögt und Spaß an Lovecraftscher Gruselatmosphäre habt, dann taucht doch auch mal in die düster-phantastische Welt von "Hinter den Winkeln" ein.

Ich verleihe feierlich fünf von fünf blutbesudelten, faustgroßen Rubinen!

Ach ja, ihr wollt das Buch jetzt bestimmt alle sofort haben, nicht wahr? Hier gibt es das Taschenbuch, hier das E-Book. Also ran da!


Mittwoch, 15. April 2020

Buchtipp: "Shape Me" von Melanie Vogltanz

Mit Melanie Vogltanz verbindet mich so einiges, vor allem war eines ihrer Manuskripte mein Einstieg in meine nebenberufliche Laufbahn als Lektorin. Seitdem bin ich ein Fan von Melanie. Als mit der Absage der Leipziger Buchmesse 2020 die Aktion #buecherhamstern startete, war ihr Roman "Shape Me" eines der ersten Bücher, das ich mir aus diesem Anlass zulegte.

Inzwischen habe ich das Buch zu Ende gelesen - was soll ich sagen: Ich bin sehr angetan. Dieses Buch war ganz anders als alles, was ich vorher aus Melanies Feder gelesen habe, sowohl vom Thema als auch vom Stil und vom Genre. "Shape Me" ist ein Science Fiction Roman. Ich mag dieses Genre sowieso sehr gern und finde es immer besonders spannend, wenn ich wieder ein interessant klingendes SciFi-Buch von einer deutschsprachigen Autorin entdecke. Von "Shape Me" hatte ich außerdem schon vorab so viel Gutes gehört, dass ich gar nicht anders konnte, als es endlich zu lesen.

"Shape Me" spricht ein Thema an, das in seiner Aktualität gar nichts mit Science Fiction zu tun hat. Es geht ums Abnehmen, um das Kämpfen gegen überflüssige Pfunde, das Hinterherjagen nach mehr oder weniger realistischen Schönheitsidealen und um Kontrolle einer ganzen Gesellschaft. Denn Frau Vogltanz hat den sowieso schon ziemlich überdrehten Schlankheitswahn unserer Zeit um einige Ziffern auf der Uhr der Zeit weitergedreht. In einer gar nicht so weit entfernten Zukunft wird jeder Bürger einer Normgröße zugeordnet. Er ist gechipt und kann über ein individuelles, streng überwachtes Kalorienkonto Lebensmittel kaufen. Menschen mit Übergewicht sind stigmatisiert. In dieser Gesellschaft macht die Shape Me Corporation ein echt fettes Geschäft - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn sie nutzen eine ausgefeilte, streng geheim gehaltene Technologie, um übergewichtigen Menschen mit den nötigen finanziellen Mitteln zu ihrer Traumfigur zu verhelfen: Sie vertauschen die Körper. Der Shape-Me-Trainer steckt im fettleibigen Körper seiner Mandantin, trainiert diesen Körper inklusive strenger Diät, während die Mandantin in dieser Zeit den Luxus des gesunden, schlanken Körpers ihres Trainers genießen darf - inklusive eines unbegrenzten Kalorienbudgets. Doch kein System ist ohne Sicherheitslücken. In eine solche Lücke fällt plötzlich die Protagonistin Nena Jean. Sie wacht eines Morgens auf und muss feststellen, dass es nicht mehr ihr Körper ist. Der wurde ihr über Nacht gestohlen. Und niemand will ihr zunächst glauben oder ist bereit, ihr zu helfen.

Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt. "Shape Me" ist bissig, zynisch, böse, verdammt spannend und unterhaltsam, gleichzeitig aber auch sehr nachdenklich und emotional. Den Aufbau fand ich auch originell: Die Story wird im Rückblick erzählt und wechselt perspektivisch zwischen den einzelnen Hauptakteuren und protokollarisch gehaltenen Berichten inklusive Aktenzeichen etc. 

Inzwischen ist das Buch für sage und schreibe zwei renommierte Preise in der Science Fiction Literatur nominiert, wie ich finde, völlig zu Recht. "Shape Me" steht auf der Shortlist für den Deutschen Science Fiction Preis (hier die vollständige Shortlist) und für den Kurd-Laßwitz-Preis. Ich drücke Melanie für beide Preise beide Daumen!

"Shape Me" erhält von mir 5 von 5 gut gefüllten Kalorienkonten.

Hier könnt ihr das Buch übrigens käuflich erwerben:


Montag, 23. März 2020

Buchtipp: "Fressen oder gefressen werden" von Thomas Williams

Zombiefans aufgepasst! Wenn ihr Lektüre mit Untoten mögt, wird euch die Zombie Zone Germany vielleicht längst ein Begriff sein. Unter diesem Titel veröffentlicht der Amrûn Verlag schon seit ein paar Jahren eine Reihe, in der Deutschland von der Zombieapokalypse heimgesucht wird. Es gibt inzwischen zwei Anthologien und eine Reihe von Novellen bzw. Kurzromanen. In der ersten Anthologie, mit der die ZZG begann, werde ich sogar namentlich erwähnt - in der darin enthaltenen Kurzgeschichte von Vincent Voss.

Am vergangenen Wochenende habe ich mir eine der Novellen vorgenommen, die einer meiner aktuellen Lieblingshorrorautoren, Thomas Williams, geschrieben hat. Er hat das große Thema Zombies in Deutschland von einer speziellen Seite beleuchtet, und interessanterweise treten die geliebten Untoten dadurch nur als Randfiguren in wenigen Schlüsselszenen in Aktion. Bei Williams geht es nämlich um Kannibalen. Dass die Überlebenden einer Zombieapokalypse irgendwann anfangen, ihren Mitüberlebenden sehr schlimme Dinge anzutun, wissen Kenner des Genres schon lange. Hier also fressen sie die Mitüberlebenden auf. Mitten in ein Nest von Kannibalen geraten die Protagonisten Natalie und der Doc. Die zwei haben sich unter widrigsten Umständen getroffen und retten seitdem einander das Leben auf der Flucht aus dem abgeriegelten Deutschland. Nun sind die Untoten und der Weg raus aus der ZZG erst einmal zweitrangig, denn ab sofort gilt das Motto "Fressen oder gefressen werden".

Ich liebe Williams' Humor, der in jeder seiner Geschichten mal mehr, mal weniger stark durchblitzt. Auch in "Fressen oder gefressen werden", das im Großen und Ganzen recht ernst und durchgehend spannend daherkommt, gibt es ein paar Stellen, die mir ein Grinsen aufs Gesicht gezaubert haben. Highlight ist mit Sicherheit eine Szene, in der ein Mann splitterfasernackt gegen Zombies und Kannibalen antreten muss. Mehr Details verrate ich jetzt nicht, aber ich fand es genial.

"Fressen oder gefressen werden" von Thomas Williams ist ein gut gemachter, actionreicher Zombiekurzthriller, den ich mit großem Vergnügen gelesen habe.

Dafür gibt es von mir gerne 5 von 5 blutigen Metzgermessern.

Am besten holt ihr euch euer Exemplar direkt im Onlineshop des Verlags - bitte hier entlang.

Freitag, 19. Juli 2019

Buchtipps für eure Urlaubslektüre - Gänsehaut garantiert - Teil 2

Ich bin zurück aus meinem Sommerurlaub und habe mich nicht nur gut erholt, sondern auch endlich Zeit gehabt, um mal wieder in Ruhe zu lesen. Zwei Bücher habe ich während meines Urlaubs gelesen, zwei ganz unterschiedliche Bücher, beide verdammt gut und deshalb heute meine unbedingte Empfehlung wert.

Heute kommt Buchtipp Nr. 2:

"Alles über Frau Dohle" von Oliver Susami

Es war nicht mein erstes Buch von Oliver Susami, dennoch hat es mich wieder umgehauen, wie großartig dieser Autor schreibt, wie spannend er erzählt, wie er es schafft, mich weiterlesen zu lassen, ohne Rücksicht auf die Uhrzeit. Es ist mir schon lange nicht mehr passiert, dass ich ein Buch so "inhaliert" habe wie dieses.

"Alles über Frau Dohle" erzählt die unglaubliche Geschichte von Maria Holtzmacher, die aber geradezu unerträglich spießig beginnt. Maria führt ein eher langweiliges, ereignisloses Leben als Ehefrau eines cholerischen, reichen Unternehmers mit Hang zum Alkoholismus und Mutter von Katharina und Tom. Eines Tages rettet sie eine junge Dohle vor einer Katze. Das verletzte Jungtier überlebt, doch es lernt nie zu fliegen, und so lebt Herr Klostermayer, wie sie den Vogel tauft, fortan bei ihr und verleiht ihr den Spitznamen Frau Dohle.

Alles ändert sich, als Marias exzentrischer Sohn Tom, ein begabter Künstler, bei einem Autounfall ums Leben kommt. Als sie in seinem Haus, das voll von Toms Kunstwerken ist, nach dem Rechten sehen will, entdeckt sie in einem versteckten Raum ein fast verhungertes Mädchen in einem Käfig. Soll Tom, ihr zwar eigensinniger, aber sensibler, ganz sicher harmloser Sohn, etwa ein psychopathischer Entführer und Vergewaltiger gewesen sein? Für Maria Holtzmacher und ihre Familie beginnt ein Albtraum aus Medienschlammschlacht, Shitstorm und Spießrutenlauf, doch trotz aller Widrigkeiten steht für Maria fest: Ihr Sohn war unschuldig, und sie wird es beweisen.

Es ist nicht nur die haarsträubend spannende Geschichte, die mich in ihren Bann geschlagen hat und die garantiert so manchen Leser bis zum Ende an der Nase herumführen wird (bei mir hat es funktioniert). Es liegt vor allem am wunderbaren Stil von Susami: auf eine Weise sehr schlicht, passend zu Maria Holtzmachers eher schlicht-naivem Gemüt, auf eine andere Weise aber auch sehr abgründig, direkt, brutal und dabei so bildhaft, dass mein Kopfkino die ganze Zeit mitlief - in Farbe und 3D!

Und übrigens: Ich habe schon lange nicht mehr eine Figur in einer Geschichte so verabscheut wie diese eine Figur in diesem Buch. Lest es selbst, dann werdet ihr wissen, was ich meine!

Eine wahre Perle im unüberschaubaren Meer der Selfpublisher. Wenn ihr Thriller und packende Familiengeschichten über düstere Geheimnisse und Abgründe mögt, werdet ihr dieses Buch lieben!

Auf jeden Fall findet ihr "Alles über Frau Dohle" auf Amazon, und zwar hier.

Von mir gibt es 5 von 5 sprechenden Dohlen!

Donnerstag, 18. Juli 2019

Buchtipps für eure Urlaubslektüre - Gänsehaut garantiert - Teil 1

Ich bin zurück aus meinem Sommerurlaub und habe mich nicht nur gut erholt, sondern auch endlich Zeit gehabt, um mal wieder in Ruhe zu lesen. Zwei Bücher habe ich während meines Urlaubs gelesen, zwei ganz unterschiedliche Bücher, beide verdammt gut und deshalb heute meine unbedingte Empfehlung wert.

Heute kommt Buchtipp Nr. 1:

"Zombie Inc." von Chris Dougherty

Ihr habt es sicher schon gemerkt: Ich lese liebend gern Zombiegeschichten. Inzwischen ist es jedoch nicht mehr so leicht, die originelleren darunter zu finden. Mit "Zombie Inc." habe ich einen Volltreffer gelandet. Der Titel erschien bereits 2015 im Luzifer Verlag, die Originalversion stammt aus dem Jahr 2013.

Wir haben es hier mit einem Amerika Mitte des 21. Jahrhunderts zu tun, das sich durch den Ausbruch der Zombieseuche von Grund auf verändert hat. Mal davon abgesehen, dass der Großteil der Zivilisation sich in wandelnde Leichen verwandelt hat, zerfielen die USA in mehrere Splitterstaaten. Man darf davon ausgehen, dass so etwas auch im Rest der Welt passiert ist, das Buch konzentriert sich jedoch auf seine Protagonisten Carl und Dill, die in einem dieser neu formierten US-Splitterstaaten leben und für den größten (und wohl einzigen) Arbeitgeber arbeiten: Zombie Inc.

Die Firma hat aus dem Problem mit den Zombies eine äußerst profitable Geschäftsidee entwickelt. So verkauft sie Sicherheitssysteme an Hausbesitzer, um sich gegen Angriffe durch Untote oder Räuber zu wehren, bei denen die Zombies selbst als Waffe eingesetzt werden. Innerhalb der Mauern von Zombie Inc. ist es sicher, das garantiert die Firma. Für jeden gibt es einen Job, ob als Buchhalter, Verkäufer, Hausmeister oder im Außendienst. Dafür fordert sie von ihren Angestellten quasi 100% Treue und Aufopferung. Dinge wie Wochenende oder gar Urlaub kennen die Leute nur noch aus Erzählungen von früher.

Carl gehört zum Assessment und muss viel in den Außendienst, zum Beispiel, um Probleme mit Fehlfunktionen bei den Sicherheitszombies zu lösen. Die junge Dill, die bisher in der Nachtschicht der Putztruppe gearbeitet hat, will aufsteigen und begleitet Carl als Praktikantin und Aspirantin für den Assessment-Job. Allerdings gehört sie auch zu einer Untergrundorganisation, die für den Schutz von Zombies kämpft und dagegen ist, dass diese "bedauernswerten Geschöpfe" von Zombie Inc. so ausgenutzt werden. Da sind die Konflikte schon vorprogammiert. Als Carl auch noch den Verdacht schöpft, dass bei seinem Arbeitgeber nicht alles so toll ist, wie es scheint, fehlt nicht viel, und die Situation eskaliert.

Mehr kann ich euch gar nicht verraten, da müsst ihr das Buch schon selbst lesen. Es ist großartig geschrieben. Es ist brutal, packend, spannend, traurig, tiefsinnig, gesellschaftskritisch, ironisch und durch und durch zynisch.

Ihr bekommt das Buch zum Beispiel bei Amazon oder direkt im Shop des Luzifer-Verlags.

Ich vergebe 4,5 von 5 abgeschlagenen Zombieköpfen!
(bisschen Abzug für das recht abrupte Ende)

Sonntag, 4. März 2018

Darf ich vorstellen: Herzblut

Kommen wir zum Abschluss von "Dunkle Begegnungen" - zur letzten Geschichte im Buch. Auch diese ist noch einmal verdammt kurz. Betrachtet sie als kleines Dessert nach einem opulenten Menü. Das geht doch immer noch rein.

Worum geht's?

Der Titel "Herzblut" darf wörtlich genommen werden. Wir begegnen einer jungen Frau namens Nina und ihrem Dozenten, mit dem sie sich offensichtlich zu einem Date trifft. Doch Nina verfolgt ganz andere Ziele.



Wie die Geschichte entstand

Erneut ist Sweek schuld an der Entstehung. Nach dem Wettbewerb #MikroFeuer folgte #MikroHerz, passend zum Monat Februar, in dem der Feiertag der Verliebten stattfindet, der Valentinstag. Zu meinem Glück wurde aber nicht erwartet, dass die Beiträge ausnahmslos romantisch und voller Verliebtheit und großer Gefühle sein mussten. Das Genre war wieder frei wählbar, so lange das Wort Herz vorkam und man maximal 250 Wörter verbrauchte - ja, das Limit ist ein bisschen raufgesetzt worden.

Ich durfte mich also austoben, und so schrieb ich statt einer Liebesgeschichte eine Rachegeschichte. Gestern wurden die Gewinner bekanntgegeben. Meine Geschichte ging diesmal leer aus, aber das war bei der wirklich großen Konkurrenz nicht weiter tragisch. Ich habe bei Sweek viel begeistertes Feedback erhalten. Vor allem das Ende, das mit ordentlich Schmackes daherkommt, kam wieder sehr gut an.

Lesepröbchen

Das sollt ihr natürlich auch wieder kriegen, es fällt nur naturgemäß knapp aus - 248 Wörter, mehr brauchte ich für diesen Extrakurzthriller nicht. Viel Spaß!

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»Herzblut. Damit musst du schreiben. Dann wird es gut.«
Nina hörte zu. Herzblut. Na klar.
»Sagte nicht schon der Fuchs zum Kleinen Prinz: Man sieht nur mit dem Herzen gut? Eben. Und mit Herzblut schreibt man gut.«
Der Dozent strich sich theatralisch eine Locke hinters Ohr und faselte weiterhin selbstverliebt von der Schönheit und Kraft leidenschaftlich niedergeschriebener Worte. Sie ließ ihn reden und schenkte schweigend Rotwein nach. Er versank völlig in seinem Lieblingsthema. Der leicht bittere Nachgeschmack fiel ihm nicht auf.

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Auch für diese Geschichte gilt: Sweeker können sie kostenlos hier lesen. Aber ihr wisst, ich freue mich über jeden, der sich das ganze Buch als E-Book oder Taschenbuch holt.

Feedback erwünscht

Ihr Lieben, es hat mir Spaß gemacht, euch meine Geschichten vorzustellen. Ich hoffe, ich konnte eure Neugier wecken. Worüber ich mich jetzt am meisten freuen würde, wäre euer Feedback. Schreibt mir einen Kommentar hier auf dem Blog, hinterlasst mir eine Rezension bei Amazon oder Lovelybooks oder Goodreads oder bei der Lesekanone (und wo ihr sonst noch gern eure Rezensionen veröffentlicht). Und wenn ihr ein Buchblog habt und an meinem Buch interessiert seid, meldet euch gern! Ich habe ein paar Rezensionsexemplare da.

Sonntag, 14. Januar 2018

Buchtipp: "Die Sonnenseite des Schneemanns" von Sebastian23

Erschienen im Lektora Verlag
Ab und zu brauche ich ein Buch fürs Herz. Aber nichts mit Herzschmerz, zur Schau getragener Holzhammer-Erotik und Kitsch. Sondern mehr sowas Skurriles, Albernes, feingliedrig erzählt, auf verträumte Weise tiefsinnig und zugleich herrlich leicht. Wieder einmal stelle ich fest, dass ich genau diese Art von Literatur bei den Poetry Slammern finde. Nachdem ich bereits begeisterte Leserin von Sarah Bosetti bin und Sebastian23 im vergangenen Jahr durch die Shortlistnominierung für den Skoutz Award für mich entdeckte, nun also ein ganzer Roman von ihm.

Worum geht es da?

Es ist im Grunde eine Liebesgeschichte, die dem - nennen wir es ruhig klassischen - Muster folgt: Coole Person nimmt Wette an, dass sie aus Außenseiter-Person eine coole Person machen kann, verliebt sich im Lauf der Geschichte in die Außenseiter-Person und stellt fest, dass das mit der Wette eine echt doofe Idee war und die Gefühle echt sind.

Luise trifft Ian in der U-Bahn - er auf dem Weg zur Arbeit, einer wahnsinnig langweiligen, komplett sinnlosen Spießertätigkeit, sie auf dem Rückweg von einer langen Partynacht. Ihre Freundinnen stacheln Luise an: Kann sie aus diesem total lahm aussehenden Durchschnittstypen einen echt coolen "Larry" herauskitzeln? Luise nimmt die Herausforderung an. Immerhin stehen ihre Ehre und ihr Lieblingspulli mit Kate-Moss-Konterfei auf dem Spiel. Was dann folgt, ist eine Reihe von Begegnungen, von denen eine bekloppter als die andere ist. Ian weiß sich gegen die Naturgewalt Luise mit ihrer unbekümmerten Art kaum zu wehren und lässt sich schließlich von ihr in ihre Welt hineinziehen. Dabei lernt Ian erst zögerlich und später mit immer mehr Begeisterung, über seinen blitzblank polierten Tellerrand zu blicken. Und natürlich verliebt er sich in die exotisch-exzentrische Luise, die sein Leben von nun an komplett durcheinanderwirbelt.

Was ist das Besondere an diesem Buch?

Sebastian23 (Bild: Lektora)
Sebastian23 versteht es meisterlich, einen ganz besonderen Humor in seine Sätze zu weben. Es ist zum Beispiel herrlich zu lesen, wenn er für all seine Figuren diese kleinen Aufzählungen einbaut ("Zu den drei Dingen, die Ian hasste, gehörten ..."). Es sind übrigens immer drei Dinge. Die Dialoge sind toll geschrieben, sie wirken unglaublich authentisch. Und die Figuren haben alle eine äußerst lebhafte Ausstrahlung, von Ian und Luise über Luises eifersüchtige Freundin Caro, Ians pflichtbesessenen Kumpel Mario bis hin zu Ians fürsorglicher Mutter mit ihrer Vorliebe für Bienenstich und bergeweise Schlagsahne. Selbst Nebenfiguren wie die Politikerin Frau Wenninger, die Mario unbedingt als Stargast auf Ians Geburtstagsparty dabeihaben will, oder der total verstrahlte Hausmeister mit dem Dudelsack wirken unglaublich lebendig und plastisch.

Ich habe mich auf jeden Fall köstlich amüsiert und empfehle diesen Roman allen, die mal Lust auf einen Liebesroman fernab jeglicher Klischees, dafür aber mit viel Humor, Gefühl und außergewöhnlichen und zugleich authentischen Figuren lesen wollen .

Ich habe das Buch im Rahmen der LB-Leserunde gewonnen - an dieser Stelle noch einmal vielen Dank an Sebastian23 und seinen Verlag für das schöne Printexemplar.

Von mir gibt es begeisterte 5 von 5 ahnbaren Larrys!

Das Buch ist im Lektora Verlag erschienen und ist interessanterweise nur in der gebundenen Ausgabe erhältlich. Die ist aber wirklich schön gemacht und liegt mit ihrem handlichen Format angenehm in der Hand. ;-)

Sonntag, 20. August 2017

Buchtipp: Winter People von Jennifer McMahon

Ich würde nicht sagen, dass "Winter People" groß gehypt wurde in den sozialen Netzwerken, wie es so schön neudeutsch heißt. Dennoch fiel es mir immer wieder mal auf, wenn andere es als Buchtipp posteten. Neulich entdeckte ich es auf dem Bücherwühltisch im Supermarkt, und ich nahm es spontan mit. Eine Entscheidung, die ich kein bisschen bereue. Ich habe das Buch sofort angelesen und hatte aber nicht viel Zeit, deshalb musste ich es beiseite legen und konnte es kaum erwarten, endlich weiterzulesen. Gestern wurde ich fertig, die letzten 100 Seiten flogen nur so dahin, und wenn ich darüber nachdenke, ist das zum ersten Mal seit langem so, dass mich ein Buch dermaßen gefesselt hat.

Worum geht es?

Der Untertitel deutet darauf hin: "Wer die Toten weckt". Genau das passiert in dieser Geschichte. In zwei Zeitebenen werden quasi parallel zwei Geschichten erzählt. Einmal geht es um Sara, die im Jahr 1908 in der kleinen amerikanischen Gemeinde West Hall ihre Tochter durch ein grausames Verbrechen verliert. Sie ist die einzige, die an Mord glaubt, alle anderen halten es für einen tragischen Unfall, denn das Mädchen wurde am Grund eines tiefen Brunnens gefunden. Sara erinnert sich an die Geschichten von den Schlafenden, wie die Toten genannt werden, die wieder zurück in die Welt der Lebenden geholt werden. Auntie, eine kluge, geheimnisvolle Frau aus Saras Kindheit, hatte ihr einst davon erzählt und ihr auch erklärt, wie man es anstellen muss. In ihrer Verzweiflung versucht sie es - und löst dramatische Ereignisse aus.
Im zweiten Erzählstrang, der in der nicht näher benannten Gegenwart spielt, geht es um Ruthie, die mit ihrer Schwester Fawn und ihrer Mutter in demselben Haus wohnt, in dem einst Sara lebte. Und es geht um die Künstlerin Katherine, die vor kurzem ihren Mann durch einen Autounfall verlor und nun nach West Hall gezogen ist, weil sie erfahren will, was ihr Mann kurz vor seinem Tod hier wollte.
Drei Schicksale, viele Geheimnisse, alle miteinander verknüpft, allen voran die dunklen Legenden um die Teufelshand, jene seltsame Felsformation, wo seit Jahren immer wieder Menschen verloren gehen und wo es spuken soll.

Was hat mir daran so gut gefallen?

Dass Menschen versuchen, ihre kürzlich dahingeschiedenen Lieben zurückzuholen, ist erst einmal keine so neue Idee. Das haben schon andere sehr spannend und gruselig erzählt, mir fällt da sofort Stephen Kings "Friedhof der Kuscheltiere" ein. Also warum hat mich dieses Buch so gepackt?
Das liegt vor allem an der Atmosphäre, die von der Autorin Jennifer McMahon erschaffen wird. Es gelingt ihr vorzüglich, ein Bild der unwirtlichen Gegend um die Teufelshand zu erzeugen, der Leser spürt die Kälte, die Kargheit und die Gänsehaut, die sich bildet, weil man glaubt, beobachtet zu werden.
Das liegt auch an den wunderbar gezeichneten Figuren: Die vom Schicksal gebeutelte Sara, die ihre einzige Tochter verloren hat, die mutige Ruthie, die versucht, ihre verschwundene Mutter zu finden und gleichzeitig ihre kleine Schwester zu beschützen, die trauernde Katherine, die wie ein Detektiv nach und nach die Puzzleteile zusammenführt und hinter das dunkle Geheimnis von West Hall kommt. Aber auch die Nebenfiguren wie Candace O'Rourke oder Saras Mann Martin kommen unglaublich plastisch rüber und treiben die Handlung voran.
Spannung und Drama halten sich wunderbar die Waage. Es geschehen grauenvolle Morde, es fließt Blut, es gebt jede Menge Gänsehautmomente, doch es geht auch um Liebe - zwischen Mutter und Kind, zwischen Mann und Frau und was manch einer dafür bereit ist zu tun - und zu opfern.
Alles greift ineinander, alle Fäden verbinden sich am Ende miteinander und wenn die letzten Geheimnisse gelüftet sind, ergeben sie ein schreckliches, ein schaurig-schönes, von einer gewissen Melancholie durchsetztes Bild.

Und noch etwas fiel mir auf: Winter People enthält ein paar starke Frauencharaktere. Alle Hauptfiguren sind Frauen, die Bösen wie die Guten. Männer spielen nur Nebenrollen. Ich finde das bemerkenswert, und vielleicht macht auch dieser Umstand dieses Buch zu so etwas Besonderem.

Ich bin sehr angetan und empfehle dieses Buch allen, die nicht nur Grusel mögen, sondern auch atmosphärisch dicht erzählte Geschichten, die über Generationen hinweg in ihren Bann zu ziehen vermögen.

Da vergebe ich doch direkt 5 von 5 frisch aus einem Hasen gerissenen Herzen! :-)

Samstag, 24. Juni 2017

Buchtipp: Vincent Voss - Frischfleisch - Nullpersonen

Lasst euch doch BRDigen! So heißt es provokant auf dem Klappentext zu Vincent Voss' neuestem Zombiethriller. Ich nahm das Buch als eines meiner Souvenire von der letzten Leipziger Buchmesse mit - übergeben von Herrn Voss persönlich mit einer sehr schönen Widmung. Ich nehme dich beim Wort, Vincent, du weißt hoffentlich noch, was du mir da reingeschrieben hast. :-)

Aber kommen wir zum Buch. Dass es sich um einen Zombiethriller handelt, erwähnte ich ja bereits. Der Roman folgt im Grundgerüst dem für eine zünftige Zombieapokalypse typischen Verlauf: Es verbreitet sich zunächst schleichend, es gibt hier und da seltsame Zwischenfälle in Hamburg und im Umland. Es passiert in der Gerichtsmedizin, in einer Schule, in einem Kindergarten, am Frankfurter Flughafen und so weiter. Unfälle häufen sich. Rettungskräfte und Polizei sind schon bald hoffnungslos überfordert. Als der komplette Flughafen unter Quarantäne gestellt wird und im Hamburger Elbtunnel eine Katastrophe geschieht, bricht endgültig das Chaos aus. Nur wenige Menschen ahnen, dass es sich weder um Unfälle noch Amokläufe noch eine normale ansteckende Krankheit handelt, unter ihnen die Radiomoderatorin Kesh, der Blogger Tim und der Ethnologe Professor Dr. Jäger.

Und dennoch ist das hier nicht einfach "noch ein Zombieroman". Vincent Voss präsentiert eine atemberaubend spannende Story und jagt den Leser von einem Kapitel ins nächste. Jedesmal wechselt der Schauplatz, folgen wir anderen Figuren und erfahren von Schicksalen und Greueltaten. Besonders gut gefielen mir wieder der Erzählstil und ganz besonders die Dialoge - die lasen sich toll, wirkten authentisch und machten die Charaktere so lebendig, dass ich mit jedem einzelnen von ihnen mitfieberte - vom arroganten Politiker über den prolligen Teenager und den abgebrühten Soldaten bis zur verzweifelten Mutter, die ihre Lieben beschützen will.

Es wird gestorben, gekämpft, gebissen und gemetzelt, Blut fließt in rauen Mengen, und dennoch schafft Voss es, hier und da seinen angenehmen Sinn für Humor durchblitzen zu lassen - nordisch unterkühlt, leicht ironisch und eher schwarz, genau wie ich es mag.

Was ich übrigens richtig gelungen fand, waren die Zitate, die jedem Kapitel vorangestellt waren und perfekt auf das einstimmten, was den Leser auf den nächsten Seiten erwartete. Diese Zitate stammen nämlich allesamt aus bekannten Filmen, nicht nur aus Zombiefilmen, sondern auch von jeder Menge anderer Klassiker und Kultfilme. Ich habe den Eindruck, dass Voss da nur aus seinen persönlichen Lieblingsfilmen zitiert und stelle fest: Wir haben auch filmisch einen recht ähnlichen Geschmack. Einige der Zitate erkannte ich sofort und hatte direkt die Bilder der zugehörigen Szene aus dem Film im Kopf. Kopfkino im wahrsten Sinne des Wortes.

Meine Lieblingsszene ist zugleich eine der grausamsten und ergreifendsten im Buch, ich kannte sie bereits, weil Vincent Voss sie bei der Leipziger Buchmesse auf der Lesung in der Soupbar Summarum vortrug. Da wird Kesh im Studio von einem Jungen angerufen, der völlig verzweifelt ist, weil er und seine Schwester gerade von ihren eigenen untoten Eltern angegriffen werden. Da sitzt jedes Wort! Gänsehaut!

Übrigens: Wer mal in den Genuss einer Voss'schen Lesung gekommen ist, den brauche ich nicht mehr zu überzeugen, denn der weiß: Vincent Voss ist ein genialer Vorleser! Allen anderen rate ich: Wenn ihr die Chance bekommt - unbedingt nutzen!

Und überhaupt: Wenn ihr mal wieder Bock auf so einen richtig fetzigen Zombieschmöker habt, dann greift auf jeden Fall zu "Frischfleisch - Nullpersonen". Zombies mitten in Deutschland - das rockt!

Der Roman ist übrigens die Fortsetzung von "Faulfleisch", aber es ist nicht notwendig, das Buch gelesen zu haben, um "Frischfleisch" zu verstehen. Und ich meine: Zombies, alles klar? Ihr kennt die Regeln: Lasst euch nicht beißen, schießt ihnen in den Kopf, legt Vorräte an und lest zur Vorbereitung auf die Zombieapokalypse am besten alle Bücher von Vincent Voss, aber dieses hier auf jeden Fall. Dann habt ihr eine Chance.

Ich kann nicht anders,
auch diesem Voss-Werk gebe ich die volle Punktzahl:
5 von 5 blutverschmierten Sternen!

Das Buch gibt es überall und ganz besonders hier direkt vom Verlag Torsten Low im Onlineshop.